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Wir stecken im Stau, zähfließender Verkehr

FSV Mainz 05. Thomas Tuchel erklärt den nächsten Entwicklungsschritt – Außenseiterrolle lässt sich nicht halten

Stabil in der Mitte bleiben oder mal steil nach oben kommen? Thomas Tuchel weist den Weg.
Foto: Eva Willwacher
Stabil in der Mitte bleiben oder mal steil nach oben kommen? Thomas Tuchel weist den Weg.
Foto: Eva Willwacher

Nach dem missglückten Saisoneinstieg des FSV Mainz 05 in der Fußball-Bundesliga hatte Thomas Tuchel im Spätsommer 2012 ein Manifest formuliert. Die Mannschaft habe ihre Rolle noch nicht gefunden, erklärte der Cheftrainer damals. Und dann gab Tuchel aus: Diese Mannschaft brauche, um über sich hinauswachsen zu können, den Außenseiterstatus. Nach dem Motto: Da kommen in der Mehrzahl individuell überlegene Gegner, die das Mainzer Team ohne überbordende Ergebniserwartung zunächst einmal nur mit vielen kleinen Siegen in physischen Details beeindrucken kann. Also mehr laufen, schneller laufen, öfter schnell laufen, mehr Zweikämpfe gewinnen, mehr Balleroberungen erzwingen... Das war der Weg. Im Idealfall der Weg zu einem überraschenden Sieg gegen einen wirtschaftlich und sportlich überlegenen Favoriten.

In der gestrigen Wochenpressekonferenz war das der Aufhänger für Thomas Tuchel, die Rückrunde seiner Mannschaft in ein neues Licht zu stellen. Das Ausgangsthema war natürlich das jüngste 1:2 beim 1. FC Nürnberg, als die 05er zum wiederholten Male als bessere Elf nicht den verdienten Ertrag einsammelten – und zum wiederholten Male nicht die Gunst der Stunde nutzten, sich in der Tabelle auf auf einem der international bedeutsamen Ränge festzusetzen. Ruhig, sachlich, fachlich, weit entfernt von Schönmalerei analysierte der 05-Trainer den "sehr komplexen und vielschichtigen" Entwicklungsprozess, den seine Mannschaft gerade durchlaufe. Tuchels Kurzetikettierung: "Wir stecken im Stau, zähfließender Verkehr." Das aber mit einer höheren PS-Zahl und mehr Zylindern unter der Haube als noch vor ein, zwei Jahren.

"Wir sind besser geworden"

Tuchel setzt an bei der These, dass seine Mannschaft die alte Außenseiterrolle schon länger nicht mehr aufrechterhalten kann. "Die gibt es nicht mehr." Und diese Tatsache sei der eigenen Entwicklung geschuldet. "Wir sind besser geworden. Deshalb ist die Underdogrolle in zwei Dritteln aller Spiele weg."

Die Gegner haben längst auf die Mainzer Fortschritte reagiert. Jeder Gegner weiß inzwischen, was als Erfolgsbasis unabdingbar ist gegen Mainz 05: Mindestens gleichwertig sein in den physischen Elementen – und nicht zu offensiv antreten. Sorglosigkeit, gar Anflüge von Überheblichkeit oder die Offerte eines munteren Schlagabtauschs mit offenem Visier gegen Mainz 05, das gibt es nicht mehr. Selbst beim neuen Deutschen Meister FC Bayern München wird immer mal wieder betont, dass einer der wegweisenden Schlüsselmomente war, am 20. Spieltag auf der Basis läuferischer und kämpferischer Präsenz die harte Hürde Mainz genommen zu haben.

Von daher sei es keine Überraschung, so Tuchel, dass seinem Team der bis heute einzige Rückrundensieg gegen den Tabellendritten Bayer Leverkusen gelungen ist. Da sei es mal wieder einfacher gewesen, sich alleine über die Arbeit gegen den Ball zu definieren, ohne den großen Erwartungsdruck, dass dann auch das Wunschergebnis rausspringen muss. Aber selbst Bayer bot bei jenem 0:1 in der Coface Arena eine extrem laufstarke, aggressive und offensiv eher risikoarme Vorstellung. Danach riskierte die TSG Hoffenheim im eigenen Stadion beim 0:0 gegen Mainz 05 offensiv fast gar nichts, Werder Bremen schwang sich beim 1:1 in der Coface Arena zu einer sehr speziellen Kampfleistung auf.

Vollsperrung in Nürnberg

Und am Sonntag verließ der 1. FC Nürnberg vor eigenem Publikum die eigene Hälfte fast gar nicht mehr. Defensive: enge Räume, Zweikampfgeballer, Vollsperrung. Offensive: 0 Risiko, wenn etwas geht in der Umschaltung, okay, wenn nicht, auch nicht schlimm, kein Torschuss – alles gar kein Problem. Der "Club" gewann mit zwei Standardtoren. Es oblag den Mainzern, das Spiel zu gestalten, bei 10 gegen 11 in der Nürnberger Platzhälfte Räume aufzuspielen, Torraumszenen zu erzwingen.

Unterm Strich bedeutet das: Mainz 05 kann rein über Physis keine großen Vorteile mehr machen, da sind jetzt immer öfter fußballerische Elemente gefragt. Um es in Tuchels Diktion zu sagen: Die Gegner, die gegen Mainz 05 als Favorit antreten, werden immer weniger – der Mainzer Bedarf an immer mehr fußballerischem Können wird immer größer. Und da klappt dann häufig die Schere auf zwischen einer kämpferisch, spielerisch und taktisch guten Leistung der Tuchel-Elf und der verpassten Belohnung im Ergebnis. "Die Leistung ist oft da, und da ziehe ich vor der Mannschaft den Hut, das macht sie trotz der vielen Rückschläge bewundernswert gut, auch konstant gut", erklärt Tuchel. "Der zweite Schritt, das Ergebnis zu machen, fällt uns immer schwerer."

Die neue Rolle habe sich die Mannschaft mit Leistung und Engagement verdient. "Jetzt müssen wir noch lernen, damit umzugehen." Das sei ein Entwicklungsprozess. Der könne einige Monate dauern. "Bei Einzelsportlern dauert das oft Jahre. Es ist erstaunlich, wie oft etwa ein Roger Federer vor seinem ersten Wimbledonsieg in der ersten Runde ausgeschieden ist." Jeder Gegner habe das Recht, so zu spielen, wie ihm beliebe. "Für uns steckt da ein großer Reiz drin", sagt Tuchel. "Wir werden nicht hadern, wir werden keine Brandreden halten, und wir werden nicht mit dem Finger aufeinander zeigen. Wir werden den Glauben behalten in unser Können."

Außenseiter im Europarennen

Aus der Favoritenstellung für die Europapokalplätze hat Tuchel seinen Kader rausgenommen. "Wir können das, wir trauen uns das auch zu, wir wollen alle Spiele gewinnen." Aber es habe jetzt genug "wichtige Spiele" gegeben, um dort oben etwas Besonderes ("Im Sonnenlicht exponieren") erreichen zu können. Sieben Remis, eine Niederlage. "Wie viele von diesen Schlüsselspielen wollen wir noch haben?" Nein, im Europapokalrennen sieht Tuchel sein Team lieber in der Außenseiterrolle. Wenigstens dort noch. Reinhard Rehberg

Mainz 05
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