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"Singe, wem Gesang gegeben" (1977)

„Du Land der Reben, der Berge und Wälder“ klingt es zum Auftakt der Chorprobe aus achtunddreißig kräftigen Männerkehlen, und es kann gar keinen Zweifel geben, welches Land da wohl gemeint sei: dies ist unser Rheinland, das so wohltönend besungen wird, das Land, in dem Wein, Weib und Gesang hoch geachtet werden.

Auch RZ-Redakteur Josef Dörr (links) wurde diese Ehre zuteil: Die Urkunde des Theodor-Wolff-Preises erhielt er im Oktober 1978 während eines Festakts in Wiesbaden aus Händen von Johannes Binkowski, dem langjährigen Präsidenten des Bundesverbandes der Zeitungsverleger.
Auch RZ-Redakteur Josef Dörr (links) wurde diese Ehre zuteil: Die Urkunde des Theodor-Wolff-Preises erhielt er im Oktober 1978 während eines Festakts in Wiesbaden aus Händen von Johannes Binkowski, dem langjährigen Präsidenten des Bundesverbandes der Zeitungsverleger.

Von Josef Dörr

Besonders der Gesang: Sechsundvierzigtausendzweihundertundneunzig Sänger werden im Sängerbund Rheinland Pfalz als aktive Mitglieder geführt, sechsundvierzigtausendzweihundertneunzig Kehlen schmettern mehr oder weniger regelmäßig diesen Lobpreis aus voller Brust: „Du Land der Reben, der Berge und Wälder…“

An diesem Donnerstagabend in Höhr-Grenzhausen sind es, wie gesagt, achtunddreißig, und das scheint dem Herrn Best ein bißchen wenig zu sein: „Um diese Jahreszeit könnten aber ein paar mehr hier sein“, rügt er, während er seine Mappe öffnet und die Partituren aufs Klavier legt. Herr Best, ein bärtiger Mann Mitte dreißig, ist Dirigent des Männer-Gesang-Vereins Höhr-Grenzhausen, gegründet 1904. Von 196 Mitgliedern singt rund ein Viertel aktiv mit. „Fünfzig wäre unsere Traumgrenze“ sagt Herr Ackermann, der Erste Vorsitzende, „die Wirklichkeit liegt zwischen vierzig und vierundvierzig“.

Nun, das kann sich noch ändern, junger Nachwuchs ist in den letzten Monaten zum Verein gekommen, sechzehn-, siebzehnjährige Kerlchen, die mit hellen Stimmen die ersten Tenöre verstärken.

An einem Donnerstag besuchte Josef Dörr eine Chorprobe im Westerwald, um einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund zu gehen: Im ganzen Land stimmten immer mehr junge Männer in den Chorgesang ein – von diesen Zeiten träumen viele Vereine noch heute. Die ganzseitige Reportage gehörte zur 15-teiligen Serie „Hoch lebe der Verein“.
An einem Donnerstag besuchte Josef Dörr eine Chorprobe im Westerwald, um einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund zu gehen: Im ganzen Land stimmten immer mehr junge Männer in den Chorgesang ein – von diesen Zeiten träumen viele Vereine noch heute. Die ganzseitige Reportage gehörte zur 15-teiligen Serie „Hoch lebe der Verein“.

„Aber die alten Mitglieder sind immer noch die Stützen des Vereins“, schränkt der Kassierer ein bißchen ein, ein altgedienter Sangesbruder, der auch schon als Vorsitzender die Geschicke des Vereines lenkte.

Der Notenwart sammelt die Blätter ein und gibt andere aus. „Stern, auf den ich schaue ...“, ein neues Werk, das einstudiert werden soll.

„Einfach mal zuhören“, bittet Horst Best und spielt die Melodie auf dem Klavier vor. Dann summen die ersten Tenöre mit, hell und zärtlich. „Nur summen“, mahnt der Dirigent, „nur summen!“ Die Bässe fallen ein, wie eine Schar Hummeln summt und brummt das, wenn die gestandenen Mannsbilder die Melodie ganz tief in der Kehle erklingen lassen. Die ersten Bässe, ein wenig heller – statt der Hummeln könnten es Bienen sein. Und die zweiten Tenöre sind die Wespen, schräg und dissonant geben sie der eingängigen Melodie das besondere Etwas.

„Wo ist der Wirt“, fragt der Herr Best, und die Hände formen weiter die Melodie, geben Schwung, halten zurück, wo Zurückhaltung geboten ist. Derweil stellt der Wirt ihm einen Obstsaft hinters Klavier. Singen macht durstig, dirigieren offenbar auch. Aber vielleicht liegt das auch nur am Liedertext: „Quell, an dem ich ruh“, singen die vierzig Männer mit Hingabe, voll und schön. Aber dem Herrn Best klingt das noch gar nicht gut in den Ohren: „Quellandehm ich ruuuh“, singt er mit sonorer Stimme vor, „Quellandehm ich ruuuh“. Nochmal, und nochmal, bis das alles fließt und weich ist.

„Am Ende der dritten Zeile, da habt ihr daneben gehauen. Aber das ist nicht so schlimm.“ Noch einmal: Quellandehm ich ruuuh ...

„Ruuuh“, mahnt er, „ruuuh! Da war ein kleines o dabei. Bei einigen macht das noch Schwierigkeiten, man sieht's richtig. Und im letzten Drittel knackt es noch.“ Aber dann klingt es wirklich schon recht harmonisch, das Solo der zweiten Bässe orgelt tief und kraftvoll.

„Und Sie singen das wirklich heute abend zum ersten Mal?“ frage ich staunend einen zweiten Tenor.

„Ehrlich“, sagt der, „aber das ging ganz prima heute ...“ Wen wundert's, das ist ja auch kein Distler.

„Wir singen natürlich auch moderne Sätze“, sagt Herr Montanus, der Musiksachverständige des Vereins, „aber keine hypermodernen, bei denen einem die Ohren wehtun.“

Ein Schrank voller Preise, auf Wettstreiten errungen, gibt Zeugnis von der Leistungsfähigkeit des Vereins, der in den fünfziger Jahren der Vater des jetzigen Dirigenten leitete.

„Und das Lieblingslied?“

Da schmunzeln alle in der Runde: „Der Sängermarsch ist gewissermaßen unsere Nationalhymne im Verein, der geht immer noch, wenn nichts anderes mehr geht. Aber um ehrlich zu sein – das Ding ist schon bißchen zersungen.“

Bevor es weitergeht mit der Chorprobe, geben sie mir noch ein Kompliment für meinen verstorbenen alten Kollegen Max Baumann mit: „Der hat so viel Verständnis gehabt für die kleinen Vereine, die einfach aus Freude am Gesang sich zusammenfanden. Wenn da wirklich mal ein schlechter Tag war, hat er's lieber verschwiegen, als einen Verein in Fetzen zu reißen. Aber wenn ihm etwas besonders gut gefiel, merkte man das schon am begeisterten Vorspann seines Arti­kels.“ Der gute Herr Baumann würde sich freuen, wenn er das noch hören könnte. Und wer weiß, vielleicht hört er es wirklich?

Herr Best treibt seine Mannen weiter: „Wir wollen doch beim Leistungssingen so gut wie möglich abschneiden, da müssen wir uns schon ein bißchen anstrengen. Aber ich bin da ganz zuversichtlich ...“

Für seine Reportage „Singe, wem Gesang gegeben“, die am 5. Februar 1977 in der Rhein-Zeitung erschien und den Männergesangverein Höhr-Grenzhausen porträtierte, wurde Josef Dörr mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Für seine Reportage „Singe, wem Gesang gegeben“, die am 5. Februar 1977 in der Rhein-Zeitung erschien und den Männergesangverein Höhr-Grenzhausen porträtierte, wurde Josef Dörr mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Russische Kirchengesänge werden als nächstes geprobt. „A-min, A-min, tebe pojem“, klingt es machtvoll, helle Glocken sind die Tenöre, und die Bässe schwarz wie die Nacht. Von der Wand des Wirtshaussaales schaut Richard Wagner aus seinem Barockrahmen ernst zu, flankiert von einer Heidelandschaft und den Zinnen der Alpen. .Amin, Amiiin, Amiiiin“, klingt es ganz leise aus, erstirbt wie ein Hauch.

Dann: Welch ein Kontrast! Der Notenwart hat den „Frater Kellermeister“ ausgegeben, auf jedem Blatt ist säuberlich mit Schreibmaschine vermeldet, daß Sangesbruder Fritz Seidel die Noten zu seinem 50. Sängerjubiläum gestiftet hat.

„Es war ein lust'ger feister, ein Kenner war's vom Wein“, heißt es da fröhlich. Es scheinen mir etliche solcher Weinkenner in der Sangesrunde zu sitzen, und in der hinteren Reihe hat doch tatsächlich einer seine dicke Zigarre unter Dampf gehalten! „Machste wohl aus!“ drohen die anderen, wie sie das entdecken. Da lacht er verschmitzt:

„Die ist doch gar nicht mir, die gehört dem Mann von der Zei­tung ..."

„Am Rhein sind lust'ge Leute, der Frater blieb am Rhein“, singt die Runde, aber auch bei diesem heiteren Ohrwurm ist der Herr Best nicht so ganz zufrieden: „Luuust'ge Leute“, mahnt er, „auf dem uuu bleiben! Sobald ihr vom u seid, ist auch der Ton weg!“

Noch einmal: Am Rhein sind luuust'ge Leute ... Und die Bässe dann den Rhythmus: la, la, la, la, la, la – siebenundvierzig Mal, und wie ich gerade befürchte, der Kellermeister möchte nie zu seinem Ende kommen, bestätigen die Tenöre:

„Es harrt der Abt noch heute, auf ihn und seinen Wein.“

„Das war's“, sagt Herr Best und klappt das Klavier zu. Anderthalb Stunden Chorprobe, da stehen ihm kleine Schweißtröpfchen auf der Stirn. Und in einer Viertelstunde soll er in Koblenz sein, um seinen nächsten Chor zu dirigieren.

Das ist doch ein ganz ordentlicher Schlauch, oder nicht?

„Es macht Spaß“, sagt der bärtige Mann, der schon als sechsjähriger Bub dabei war, wenn sein Vater als Chordirigent auf Sängerwettstreiten Preise errang. Da hat er halt immer die Augen offengehalten, und mit fünfzehn Jahren dirigierte er seinen ersten Chor, einen Gesangverein aus Hillscheid. Zwölf Jahre Klavierunterricht, Harmonielehre und was alles dazugehört, und dann machte er, nach vier Semestern Musikstudium, seine staatlichen Chorleiterprüfungen, zunächst die B-Prüfung für Chor a capella, also nur für Singstimmen, danach, nach weiteren zwei Studiensemestern, die schwierigere A-Prüfung für Chor und Orchester.

Im Hauptberuf ist er Sonderschullehrer an einer Schule für lernbehinderte Kinder, und das hilft ihm auch ein bißchen bei seinem Hobby: „Bei Sangesbrüdern muß man auch schon mal Psychologe sein.“

Und wie ich seine Sänger frage, ob sie wohl mit ihm zufrieden sind, da schmunzeln sie: „Wir hoffen, daß er mit uns zufrieden ist...“

Die Wirtin räumt die Flaschen weg, stellt die Stühle aufeinander und dreht den gemütlich vor sich hinbullernden Ölofen ab. Aber in der Wirtsstube, eine Treppe tiefer, ist noch Hochbetrieb. Die Luft ist blau vom Zigarrenrauch. Liedfetzen.

„Bei uns wird die Geselligkeit noch großgeschrieben. Heute wird diszipliniert am Liedgut gearbeitet, der Männergesangverein wird sehr ernstgenommen“, sagt mir Herr Tisson, der Zweite Vorsitzende. „Unser nächstes Ziel ist der ,Meisterchor‘, das braucht drei Jahre Aufbauarbeit, und wenn wir Glück haben, kriegen wir den Titel, den wir dann vier Jahre führen dürfen.“

Eine junge hübsche Frau, schwarzhaarig und gertenschlank, hat alle Hände voll zu tun, der gesungenen Aufforderung nachzukommen: „Füllt die Pokale, hebt sie empor...“

„Sehen Sie“, klärt mich mein Nachbar am Tisch auf, „das ist das Schöne daran, daß unsere Proben so früh zu Ende sind: Man hat nachher noch ein bißchen Zeit, gemütlich beisammenzusitzen. Früher, beim alten Herrn Best, da ging die Probe von acht bis zehn, und man hatte immer so'n bißchen ein schlechtes Gewissen, hinterher noch einen zu trinken, weil man doch am anderen Morgen zeitig wieder raus muß. Jetzt ist das was anderes, jetzt bleibt genug Zeit für ein Bierchen.“

Und es wird nie trotzdem spät?

„Na ja“, gibt er lächelnd zu, „man nimmt sich zwar immer vor, früh zu Hause zu sein. Aber manchmal klappt das doch nicht so ...“

Und dann erklingt unterm niedrigen Gebälk, geboren aus der sangesfreudigen Atmosphäre des Abends, der Sängermarsch: „Durch die Wälder, durch die Felder!“ Da hält es den alten Herrn mir gegenüber, mit sechsundsiebzig der Senior des Vereins, nicht mehr auf dem Stuhl; er springt auf und dirigiert, die Zigarre in der Hand, voller Begeisterung mit: „Laßt mich wandern, laßt mich wandern...“

Rhein-Zeitung, 5. Februar 1977

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