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Westerwaldkreis

Montabaur: Eltern ließen Säugling qualvoll hungern und dursten

Über mehrere Wochen hat ein junges Elternpaar seine kleine Tochter nicht ausreichend mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt: Das Baby wurde quasi in letzter Minute im Krankenhaus gerettet. Vater und Mutter erhielten vom Jugendschöffengericht am Amtsgericht Montabaur Freiheitsstrafe von 30 Monaten und eine Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren.

Urteil
Das Gericht verurteilte den Mann zu sechseinhalb Jahren.
Foto: DPA

Westerwaldkreis – Zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten und einer Jugendstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten sind ein junger Vater und eine heute 22-jährige Mutter vom Jugendschöffengericht am Amtsgericht Montabaur verurteilt worden. Sie haben sich der Misshandlung von Schutzbefohlenen, der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht.

Über mehrere Wochen hat das Paar seine im Februar 2010 geborene Tochter nicht ausreichend mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt: Das Kind wog bei der Geburt 3090 Gramm, nach etwa sechs Wochen nur noch 2350 Gramm. In Kürze, so wurde in ärztlichen Gutachten festgestellt, wäre das Baby ohne medizinische Hilfe gestorben. Dank eines Hinweises aus der Bevölkerung konnte das Jugendamt dies in letzter Minute verhindern und brachte das Kind in den Kemperhof, wo es auf der Intensivstation behandelt wurde.

Bei der Hauptverhandlung beschrieb ein behandelnder Arzt den Zustand des kleinen Mädchens: Der Blutdruck war kaum zu spüren, die Blutwerte waren verändert, die Körpertemperatur gesunken und vor allem, das auf Lichtbildern bei der Aufnahme in die Klinik dokumentierte, Aussehen des Säuglings schockierend: Aus einem greisenhaft anmutenden Gesicht schaut das Kind mit leeren, tief liegenden Augen, die Haut ist eingefallen.

"Wie kann es dazu kommen, dass Eltern so grässlich versagen?", fragte sich Richter Dr. Orlig Frank. "Wir haben hier das Zusehen über sechs Wochen, wie ein Kind stirbt, es qualvoll verhungert und verdurstet. Wäre das Jugendamt nicht gekommen, wäre das auch geschehen", machte er klar.

Die Angeklagte erklärte, dass sie sich überfordert gefühlt und keinerlei Hilfe bekommen habe. Dabei hatte eine Hebamme genau diese angeboten. Erst als das Kind infolge der zu geringen Flüssigkeitszufuhr an Verstopfung litt, suchten die Eltern ihren Hausarzt auf. Er riet der stillenden Mutter, zuzufüttern und das Gewicht mit einer Babywaage zu kontrollieren. Da war das Kind jedoch bereits zu schwach, um ausreichend zu trinken. Doch die Eltern waren angesichts einer leichten Gewichtszunahme von wenigen Gramm pro Tag beruhigt. "Ich hatte ja meine Tochter täglich vor mir. Da ist mir das nicht so aufgefallen", verteidigte sich die Mutter. Wie eine Gerichtsmedizinerin erläuterte, hätte bei einer normalen Entwicklung die Waage nicht 2350, sondern etwa 4650 Gramm anzeigen müssen.

Die Schwestern der Kinderintensivstation berichteten von einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung. Offenbar konnte die damals 20-Jährige die Signale ihres Kindes nicht richtig deuten oder instinktiv richtig darauf reagieren. So interpretierte sie einmal die Hungerschreie ihres Kindes, das sich zum Glück in der Klinik rasch erholte, als "Sehnsucht nach der Oma", ein anderes Mal herrschte die Mutter ihr weinendes Mädchen an: "Das gewöhne ich dir zuhause schon ab".

"Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig", sei die Nahrungszufuhr gewesen, zeigte sich der Staatsanwalt in seinem Plädoyer schockiert und machte die Qualen deutlich, die das Baby in den ersten sechs Wochen seines Lebens erlitt. "Sein kritischer Zustand war nur darauf zurückzuführen, dass es zu wenig Nahrung und Flüssigkeit bekommen hat. Weil ihnen als Eltern vielleicht etwas anderes wichtiger war – Computer spielen, Fantasyromane lesen, telefonieren", empörte er sich und forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Die Jugendgerichtshilfe riet hingegen, für die Mutter das Jugendstrafrecht anzuwenden, auch wenn diese zum Tatzeitpunkt bereits 20 Jahre alt gewesen sei. "Wir sind optimistisch und hoffen, dass ein Nachreifeprozess bei ihnen möglich ist", begründete Dr. Frank, dass er diesem Vorschlag folgte.

Von unserer Reporterin Angela Baumeier

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