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"Der Star und der Mäzen" – erster Serienteil (1975)

"Wenn ich das immer höre, ein Amateurfußballer spielt aus Liebe zum Sport. Da kommt mir das große Grausen. Das ist doch schon lange nicht mehr so." Der Mann, der das sagt und aus verständlichen Gründen namentlich nicht genannt werden möchte, spricht aus Erfahrung.

Kurt Frank wurde als erster und jüngster Redakteur der Rhein-Zeitung mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Foto: Maximilian Eckhardt
Kurt Frank wurde als erster und jüngster Redakteur der Rhein-Zeitung mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Foto: Maximilian Eckhardt

Von Kurt Frank

Seit 15 Jahren ist er Mitglied eines Fußballklubs, seit sechs Jahren in diesem Verein Geschäftsführer und als Fabrikant zugleich Geldgeber. Als Kenner der Materie gibt er zu, was andere nur hinter der vorgehaltenen Hand munkeln: "Die Machenschaften im Amateurfußball werden immer schlimmer. Das fängt schon bei den unzulässigen, aber bei fast allen Vereinen üblichen Punktprämien an. Als Klub der I. Amateurliga (Rheinlandliga) zahlen wir pro gewonnenem Spiel 40 Mark an jeden Akteur, 20 Mark, wenn ein Punkt geholt wird. Ich weiß, dass dies laut Amateurstatut nicht zulässig ist", räumt er ein und fügt mit einem Lächeln hinzu, "aber zum Glück verlieren wir sehr oft, so dass wir nicht zahlen müssen".

Und weil er "das ganze Theater um das Geld" nicht mehr mitmachen will, packt er jetzt aus und schildert folgenden Fall, "damit die Leute mal sehen, wie es hinter den Kulissen zugeht".

Das Telegramm mit der erfreulichen Nachricht lag 1976 vor seiner Haustür.
Das Telegramm mit der erfreulichen Nachricht lag 1976 vor seiner Haustür.

Es begann im Juli des vergangenen Jahres. Als Geschäftsführer des Vereins verpflichtete er einen neuen Stürmer für die Saison 74/75. Als Mäzen des Klubs legte er 3000 Mark auf den Tisch. Darüber hinaus stellte er den Mann als Lkw-Fahrer in sein eigenes Unternehmen ein. Der Spieler trat am Fünfzehnten seinen Dienst an und kassierte bis zum Einunddreißigsten ein volles Monatsgehalt (1600 Mark brutto) plus 30 Mark Tagesspesen.

Vierzehn Tage später kam der Spieler mit einer Geldforderung in Höhe von 500 Mark, angeblich, um eine Benzinrechnung zu begleichen und andere Schulden zu tilgen. Der Geschäftsführer bezahlte ohne Einwand. Auch jetzt glaubte er noch, mit dem neuen Stürmer einen vortrefflichen Fisch an Land gezogen zu haben.

Doch die Überraschung sollte noch kommen. Der eingekaufte "Star" forderte erneut Geld. Drei Riesen wollte er haben: Der alte Verein habe keine Beiträge für Krankenkasse und Sozialversicherung gezahlt. Das war selbst einem Industrieunternehmen, das sich in vorhergehenden Fällen schon des Öfteren spendabel gezeigt hatte, zu viel: Es drehte den Geldhahn zu. Der Mäzen sah sich genötigt, die 3000 Mark zu zahlen. Doch damit nicht genug: Der Fall wurde für den Verein zum Fass ohne Boden. Eine Autoreparatur in Höhe von 800 Mark stand an. Wieder griff der Geschäftsführer in die eigene Kasse, um das, so glaubte er, nun wohl letzte Problem zu beseitigen.

Doch das war ein Irrtum: Der Spieler kam nicht mehr zur Arbeit und fuhr – erneut mit einem ansehnlichen Geldbetrag von Seiten des Vereins bedacht – nach Spanien in Urlaub. Nun will man den inzwischen zu teuer gewordenen Spieler loswerden. Ein Nachbarverein hat auch schon Interesse gezeigt.

In der Ausgabe vom 15./16. März 1975 erschien der erste Teil seiner Serie über das gern verheimlichte Geschäft mit dem Amateurfußball im Großraum Koblenz. Kurt Frank traf mit „Sport oder Geschäft? – Amateurfußball im Zwielicht“ den Nerv eines reichlich sensiblen Themas und erhielt für seine akribische Recherchearbeit den renommiertesten deutschen Journalistenpreis.
In der Ausgabe vom 15./16. März 1975 erschien der erste Teil seiner Serie über das gern verheimlichte Geschäft mit dem Amateurfußball im Großraum Koblenz. Kurt Frank traf mit „Sport oder Geschäft? – Amateurfußball im Zwielicht“ den Nerv eines reichlich sensiblen Themas und erhielt für seine akribische Recherchearbeit den renommiertesten deutschen Journalistenpreis.

Was sich hier zutrug, ist kein Einzelfall: Andere Vereine haben sich mit den gleichen Problemen herumzuschlagen. Auf die Frage, warum denn die Vereine den oft unverschämten Forderungen der Spieler nachgeben, weiß der um einige tausend Mark geschröpfte Fabrikant nur folgende wenig überzeugende Antwort: "Die meisten Amateurvereine leben mehr schlecht als recht. Sie sind praktisch gezwungen, sich an Mäzene zu wenden, um sich über Wasser halten zu können. Sehen Sie, wir brauchen zum Beispiel noch zwei gute Stürmer. Wenn wir Geld hätten, wäre das kein Problem. Warum wollte wohl ein Spieler aus Koblenz, an dem wir interessiert waren, eine komplette Gastwirtschaft eingerichtet haben? Es ist alles eine Sache des Geldes."

Mithin kann man also folgern, dass der Verein mit den großzügigsten Mäzenen die besten Spieler besitzt. Oder anders ausgedrückt: Wer nicht zahlt oder zahlen kann, guckt in die Röhre. Diese bittere Erfahrung mussten in der Vergangenheit schon viele Vereine machen. Spieler wechselten den Klub, weil sie woanders für ihre Kickerei mehr Geld bekamen.

Bei unserer Umfrage unter Amateurfußballmannschaften des Fußballverbandes Rheinland gaben fast alle Klubs an, mit diesen Problemen schon des Öfteren konfrontiert worden zu sein. Wie zum Beispiel der Bezirksligist FC Metternich. Geschäftsführer Manfred Bender: "Spieler wollten bei uns bis zu 3000 Mark Handgeld kassieren. Andere Vereine haben unseren Spielern schon Beträge zwischen 2000 und 3000 Mark geboten."

Rhein-Zeitung, 15./16. März 1975

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