Archivierter Artikel vom 18.06.2018, 14:58 Uhr
Betzdorf

Betzdorfer Realschüler besuchen Gedenkstätte in Hadamar

Schüler und Lehrer der Bertha-von-Suttner-Realschule plus besuchten die Euthanasie-Gedenkstätte in Hadamar.

Am Mittwoch, den 13. 6. besuchten die Schüler der Klassen 9a und 9b der Bertha-von-Suttner-Realschule plus aus Betzdorf gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Inge Solbach und Simone Becker im Rahmen des Geschichts- und Religionsunterrichts die Euthanasie-Gedenkstätte in Hadamar.

Dabei waren die Verbrechen der Nazis in der Gedenkstätte erlebbar und hautnah spürbar. Die psychiatrische Klinik wurde in der Nazizeit zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert. In Deutschland gab es insgesamt sechs Tötungsanstalten, in denen das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten in Form von Tötung von etwa 70.000 Menschen durchgeführt wurde. In Hadamar selbst starben in der ersten Tötungswelle 10.122 Menschen; Menschen, die in irgendeiner Form beeinträchtigt oder behindert waren, oder Menschen, die einfach nicht ins „nationalsozialistische Weltbild“ passten.

Während der fachlichen und kompetenten Führung gingen die Schüler genau den Weg, den auch die Opfer gingen. Gestartet wurde in der historischen Garage. Die Opfer, die glaubten sie wären umquartiert worden, wurden registriert und einer gesundheitlichen Untersuchung unterzogen. Diese Untersuchung war eine Farce, denn der Arzt notierte nur eine mögliche Todesursache für die Menschen und bestimmte mit einem Zeichen auf dem nackten Rücken, welche Person nicht umgehend verbrannt, sondern seziert werden sollte. Organe von in Hadamar getöteten Menschen wurden bis in die neunziger Jahre in deutschen Universitäten verwendet. Vom Untersuchungszimmer ging es für die Schüler in den Keller. Dort befanden sich die Duschen, aus denen kein Wasser, sondern Kohlenmonoxyd strömte. Qualvoll starben die Menschen im dem 14 Quadratmeter großen Raum. Durch eine Glasscheibe konnte der Arzt genau sehen, wann auch der letzte erstickt war. Die meisten Opfer wurden umgehend in den zwei Krematorien verbrannt. Schwarzer Rauch lag damals tagelang über dem verschlafenen Westerwaldstädtchen. Bedrückend war der Blick auf den Seziertisch, beklemmend der Weg zu den Öfen. Die Schüler verstummten, wurden ganz ruhig, um das Unfassbare an menschlicher Grausamkeit nachvollziehen zu können.

Nach der ersten Tötungsphase wurden in einer zweiten Tötungsphase circa 4500 Menschen in Hadamar ermordet. Manche wurde mit einer Überdosis an Medikamenten, manche durch eine Spritze getötet, andere ließ man einfach verhungern. Täter waren Ärzte, Krankenschwestern, Krankenpfleger.

Nach dem Besuch der Ausstellung gingen die Schüler den Weg zum Friedhof der Anstalt, auf dem die 4500 Menschen in Schachtgräben mit bis zu 80 Leichen begraben liegen. Die einzelnen Gräber wurden eingeebnet, nur ein Kinderfriedhof mit elf Grabsteinen und Gedenksteine, symbolisch für die großen Religionen, und ein großes Mahnmal findet man auf dem parkähnlichen Gelände.

Auch hier beklemmende Ruhe, tiefe Trauer über das, was Menschen Menschen angetan haben. „Warum hat Hadamar, warum haben die Menschen geschwiegen“ – das ist die Frage, die auch heute an Brisanz nichts verloren hat.

Die Schüler waren berührt von der Reise in die Vergangenheit, die auch immer eine Reise in die Gegenwart bedeutet, denn auch heute werden in der Welt Menschen wegen ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Gesinnung verfolgt, misshandelt und getötet. Auch heute werden Beeinträchtigte ausgegrenzt. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir in unserer heutigen Zeit aus den Fehlern unserer Vergangenheit lernen und verantwortlich für unsere Zukunft sind.

Dies bestätigte auch Shayar Abdo aus der 9b: „Der Ausflug war viel einprägender als normaler Unterricht, denn man bekommt Eindrücke zu den menschlichen Schicksalen.“