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    Kreis Birkenfeld

    Sarah H.: Chronik eines einsamen Lebens

    "Hat bei Erde gearbeitet." So steht es im Steckbrief auf Sarahs Facebook-Seite. Und viele wünschen ihr jetzt, dass es ihr im Himmel oder ganz woanders besser gehen möge als in ihrem Leben auf dieser Erde. Trauer, Wut, Entsetzen: Die Reaktionen auf den Tod der 32-jährigen Sarah H., die bis Februar 2016 in Fischbach bei Idar-Oberstein lebte und dann nach Alt Rehse/Neubrandenburg zu ihrem nun dringend tatverdächtigen 51-jährigen Partner zog, sind vielfältig. Wie Sarah starb, steht noch nicht fest. Die Untersuchungen der Rechtsmedizin dauern an.

    Von unserer Redakteurin Vera Müller

    Die Frau, die in ihrem jungen Leben nicht viel zu lachen hatte und dennoch mit einem liebenswerten Humor ausgestattet war, fiel auf der Suche nach der großen Liebe offenbar einer gestörten Persönlichkeit in die Hände. 4808 virtuelle Freunde auf ihrem Facebook-Profil konnten das nicht verhindern, weil ein, zwei wirkliche Freunde fehlten. Weil womöglich die im Norden für Sarah zuständige Betreuerin Anzeichen falsch oder gar nicht deutete: obwohl Sarahs Lebensgefährte polizeilich bestens bekannt war, obwohl Sarahs Arme immer wieder kleine Verletzungen, Verbrennungen aufwiesen, ihr Hals merkwürdig rot gefärbt war. Weil Verwandte - und die gibt es im Kreis Birkenfeld durchaus - kaum mehr Kontakt zu Sarah hatten? Ist ihr tragischer Tod das letzte Kapitel einer sich ankündigenden Katastrophe? Ein Blick in Sarahs Tagebuch, das sie unsere Zeitung 2011 mit der klar formulierten Bitte übergab, gegebenenfalls Passagen daraus zu veröffentlichen, untermauert diese Vermutung. In dem blauen Schnellhefter aus Pappe, der mit Herzchen-Aufklebern verziert ist, skizziert Sarah ihr Leben von ihrer Geburt im Jahr 1984 bis 2011. Ohne wirres Gedankengut, mit erstaunlich guter Rechtschreibung und treffender Ausdrucksweise.

    Eine schwierige Kindheit

    Im Kindergarten in Kirschweiler (Kreis Birkenfeld) findet die kleine Sarah kaum Freunde. Verspielt ist sie, kommt zu Grundschulbeginn erst einmal in eine Förderklasse. In der vierten Klasse bringt sie allerdings Einser und Zweier mit nach Hause. Der Vater, damals schon schwer krank, arbeitet nicht. Die Mutter hält die sehr isoliert lebende Familie als Mitarbeiterin eines großen Supermarktes der Region gerade so über Wasser. Sarah wird der Besuch der Realschule empfohlen. Sie schreibt: "Blöd angemacht" habe man sie, weil sie keine Markenjeans trägt, sondern Stoffhosen. Die Rockband Queen und Technomusik mag sie. Ihre Lieblingsfächer sind Deutsch und Geschichte. Nach einer Kur (Sarah ist angeblich zu dünn) verliert sie den Anschluss an den Unterricht und wechselt zur Hauptschule. Noch brutaler sei es da für sie. Verfolgungs- und Hetzjagden gegen sie gehören zum Alltag. Einmal wird sie 70-mal hintereinander von einer Mitschülerin geohrfeigt.

    Über Umwege landet sie beim Internationalen Bund, beginnt eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Von "Zuckerbrot und Peitsche" erzählt Sarah. Schlafstörungen, Angstzustände, Magenschmerzen, Albträume: Während der dreijährigen Ausbildung nimmt sie 20 Kilo zu. Ihr mit Postern von Lady Gaga und Johnny Depp geschmücktes Mädchenzimmer ist "sibirisch kalt" im Winter: Die Eltern haben kein Geld für Heizöl. Im Bad ist es so feucht, dass ab und an sämtliche Sicherungen rausfliegen. 1-Euro-Jobs, Hartz-IV-Anträge … Sarah fasst nirgends Fuß, scheitert überall und immer wieder. Auch an sich selbst. Sie weiß, dass sie sich nicht immer geschickt anstellt und im Umgang schwierig ist. Sarah räumt von 2008 bis Ende 2015 Regale in einem Supermarkt ein. Auch dort eckt sie an, hat Angst, zur Arbeit zu gehen. Sie wünscht sich Aliens, die sie aus dieser Welt in eine andere bringen. Da ist sie erstmals spürbar, Sarahs Tendenz, sich auf Spirituelles und Verschwörungstheorien einzulassen, weil die Wirklichkeit für sie unerträglich ist, die ländliche Enge ihr die Luft nimmt und Träume nicht zu verwirklichen sind. Im Supermarkt - so schreibt Sarah - rennen die Leute herum wie Zombies. Das Leben an sich sei "krass": 2011 entdeckt sie in ihrem Postfach im früheren sozialen Netzwerk "Wer kennt wen" eine Nachricht: Für eine Kuppelshow suche man Kandidaten. Headhunter gehen im Netz auf Profiljagd. Sarah fällt wegen ihrer Barbie-Sammelleidenschaft auf. Die damals 27-Jährige sieht eine Chance. Romantik, Zärtlichkeit, Liebe: Nichts fehlt ihr mehr in ihrem trostlosen Leben. Sexszenen mit Ken und Barbie nachzuspielen (auch ein schwules Paar gibt es mit Ludwig und Franzl, die sie bis in den Tod als Lieblingspuppen begleiten): Das ist keine Dauerlösung. Das weiß sie. Sie lässt sich auf das üble Spiel der TV-Macher ein: Sarah wird im Fernsehen vorgeführt, muss vorgegebene Sätze nachplappern, sich mit Männern treffen, die sie gar nicht mag. Sie hofft, dass es massenweise Kandidaten gibt, die sie unbedingt kennenlernen wollen.

    Gemeinsam über Sarah lästern

    Doch es kommt ganz anders: In ihrem Heimatdorf trifft man sich zum Public Viewing, um über Sarah abzulästern. Die Netzwerke quellen über: Sarah ist die Witzfigur schlechthin. Nachts klingeln Fans Sturm und belästigen sie. Mithilfe unserer Zeitung erfährt sie zumindest ein wenig Genugtuung, als Knebelverträge öffentlich werden. Sarah findet neue Freunde: einen Friseur, der sie kostenlos umstylt, Menschen, die ihr Kleider schenken, sie trösten, ihr Mut zusprechen, ihren Kampfgeist bewundern. Vielleicht war das die beste Zeit ihres Lebens. Vom geringen TV-Honorar kauft sie ihrem kranken Vater einen bequemen Fernsehsessel. Doch der Hype hält nicht lange. Und damit kann Sarah schlecht umgehen, zumal sie keine Ratschläge annimmt, ihre Barbiewelt nicht verlassen kann. Damit kann ihre Umgebung zunehmend weniger anfangen. Sie wird immer einsamer. Sie verzweifelt.

    Absolut nichts passiert in ihrem trostlosen Leben. Im Januar 2015 stirbt ihre Mutter, der stark demente Vater wird im Pflegeheim untergebracht. Sarah ist überfordert, trauert. Allein in ihrem Elternhaus. Im Herbst 2015 lernt sie im Internet in dubiosen Gruppenden den nun Beschuldigten 51-Jährigen kennen. Dann geht alles sehr schnell: Im Februar 2016 zieht sie von Fischbach nach Alt Rehse. Die wenigen "Freunde", die zumindest über Facebook ab und an Kontakt hielten, ziehen sich zurück.

    Sarah ist ihrem Partner offenbar hörig, übernimmt völlig unreflektiert dessen Ansichten, die immer absurder werden. Sie will ihm gefallen, alles dafür tun, dass er sie liebt. Manchmal scheint das auch zu funktionieren: Von einer besonders glücklichen Nacht ist die Rede, Fotos vom gemeinsamen Picknick (auch Barbies sind dabei) werden gepostet. Doch es gibt dunkle Wolken, die über der verhängnisvollen Beziehung schweben und bis Juli immer mehr werden. Sarah kommt ins Frauenhaus. Es gibt Streit, den die Nachbarn hören. Die machen die Fenster zu. Immer wieder rückt die Polizei an. Sie kann sich nicht wehren, ist der Situation und einem damit verbundenen Leidensweg offenbar chancenlos ausgeliefert. Wo sollte sie denn auch hin?

    Niemand hatte sie vermisst

    Als Sarah sich bei keinem mehr meldet, sie nichts mehr auf ihrer Facebook-Seite, die sie sonst täglich mehrfach bestückte, postet, wirft das keine Fragen auf. Bei 4808 Facebook-Freunden. Weil ein, zwei wirkliche Freunde im richtigen Leben fehlen. Vermisst hat sie bis zu ihrem Tod niemand. Jetzt schon.

    In Gedenken an Sarah

    RZ-Redakteurin Vera Müller hatte ab Sommer 2011 Kontakt zu Sarah, die sich ihr anvertraute: Sie sei nicht nur der "Freak", der Barbiepuppen sammelt, sondern habe auch andere Facetten, Gedanken, Gefühle - und vor allem: kein schönes Leben. Deshalb stellte sie Vera Müller ihr Tagebuch zur Verfügung - mit der eindeutig formulierten Bitte, es zu nutzen, wenn es sinnvoll ist. "Dieser Zeitpunkt ist mit ihrem Tod, der mich persönlich tief berührt, aus meiner Sicht gekommen. Deshalb bin ich noch einmal auf Spurensuche in ihrem Tagebuch gegangen. Ich möchte, dass Sarahs schwieriger Lebensweg nachvollziehbar wird", sagt die Redakteurin. Einen letzten telefonischen Kontakt gab es im Mai: "Da wirkte sie verändert und gab nichts Persönliches preis."

    Zitate aus dem Tagebuch 

    „Ich wurde immer frustrierter.“

    „Das Mobbing erreichte nie geahnte Auswüchse.“

    „Eine Schule gegen eine Schülerin“, schreibt sie.
    „Mir wurde ein Stoffbeutel über den Kopf gestülpt und unten fest zugedrückt. Ich musste um mein Leben fürchten.“

    „Aufgrund meiner Lebensgeschichte wäre es vonnöten, psychologischen Rat in Anspruch zu nehmen. Ich bin bereit, selbstverantwortlich zu handeln.“

    „Mein Leben ist endkrass.“

    „Jeden Tag hatte ich einen persönlichen Weltuntergang.“

     

    Sarah H.: Chronik eines einsamen Lebens Drama geht weiter: Prozess um zu Tode gefolterte Sarah H. wird neu verhandelt  [Update]Fall Sarah: Anwalt Hötger setzt auf RevisionAuch Nebenkläger Hötger legt Revision ein - Wie es im Fall Sarah weitergehen kannZu Tode gefoltert: Nach Revision kommt Fall Sarah vor den Bundesgerichtshofweitere Links
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