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    Kirmes-Experte glaubt ans Spießbratenfest

    Der Bad Kreuznacher Jahrmarkt naht: Mit Sicherheit werden die Massen strömen. Was man vom Spießbratenfest Idar-Oberstein so nicht sagen kann, während der Veitsrodter Prämienmarkt Jahr für Jahr ein Publikumsliebling ist. Die diesbezüglich ausführliche NZ-Analyse vor einigen Wochen rief Ralf Leonhard, seit zehn Jahren Vorsitzender des Schaustellerverbandes Bad Kreuznach und Vize-Präsident für Marketing des Deutschen Schaustellerverbandes, auf den Plan. Die NZ nutzte die Gelegenheit, um Leonhard einige Fragen zum Thema zu stellen.

    Das Spießbratenfest 2017: Ralf Leonhard ist davon überzeugt, dass die neuen Konzepte greifen. Er macht ganz andere Umstände aus, die dem traditionsreichen Fest der Stadt, das man nicht mit dem Veitsrodter Prämienmarkt vergleichen kann, zu schaffen machen.  Foto: Hosser (Archiv)
    Das Spießbratenfest 2017: Ralf Leonhard ist davon überzeugt, dass die neuen Konzepte greifen. Er macht ganz andere Umstände aus, die dem traditionsreichen Fest der Stadt, das man nicht mit dem Veitsrodter Prämienmarkt vergleichen kann, zu schaffen machen.
    Foto: Hosser (Archiv)

    Volksfeste in der Krise: nahezu ein europäisches Phänomen. Woran liegt es aus Ihrer Sicht?

    Ich würde nicht sagen: Volksfeste in der Krise. Volksfeste und Kirmessen sind vielmehr im Wandel. Das immer größer werdende Freizeitangebot, das stetige Auf- und Nachrüsten der bestehenden Freizeit-Locations und -gestaltungsmöglichkeiten und auch der immer größer werdende Anteil der Bevölkerungsschicht 50 plus führen dazu, dass sich die klassische Kirmes verändern muss, um ihren Reiz nicht zu verlieren. Denn verloren hat sie ihn nach wie vor nicht. Immerhin werden die rund 10.000 jährlich bundesweit stattfindenden Volksfeste von rund 150 Millionen Menschen besucht. Wenn man dazu noch die rund 80 Millionen Besucher der etwa 5000 jährlich stattfindenden Weihnachtsmärkte hinzuzählt, bedeutet das, dass sich jährlich auf Kirmessen, Volksfesten, Messen, Märkten und Weihnachtsmärkten rund 230 Millionen Menschen tummeln. Somit sind wir nach wie vor immer noch unangefochten die Nummer eins der Freizeitbranche.

    Mit welchen Auflagen, Sorgen und Nöten sind die Schausteller konfrontiert? Wie könnten sie es leichter haben?

    Da gibt es leider einige. Auflage ist zum Beispiel die neue DIN 13814. Jedes Fahrgeschäft wird nach dieser neuen (statischen) Berechnungsgrundlage gebaut, was vollkommen in Ordnung ist, denn die Zeit bringt es mit sich, dass neue Dinge berücksichtigt werden müssen und notwendige Veränderungen nach sich ziehen. Was allerdings nicht sein kann und was es auch weder bei Gebäuden noch bei Fahrzeugen gibt: dass alle alten Anlagen nachgerüstet und umgebaut werden müssen, um diese neue DIN zu erfüllen. Das wäre so, als wenn das 30 Jahre alte Kfz plötzlich nur noch fahren darf, wenn es auf den technisch neuesten Stand gebracht oder der Kölner Dom geschlossen wird, weil die Statik schon 500 Jahre alt ist und die Dachkonstruktion nicht mehr den heutigen Vorschriften entspricht. Dort gilt das Recht des Bestandsschutzes, und diesen brauchen wir bei unseren Anlagen auch. Die Krinoline, das älteste Karussell auf dem Münchner Oktoberfest, ist mehr als 200 Jahre alt und heute noch genauso sicher wie damals.

    Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von kommunaler Seite?

    Sorgen und Nöte haben wir natürlich. Viele kommunalpolitische Akteure, landauf, landab, haben anscheinend ganz vergessen, dass Kommunen eine gewisse Daseinsvorsorge gegenüber den Bürgern haben. Sie haben auch dafür zu sorgen, dass sich die Bevölkerung wohlfühlt. Und zu diesem Wohlfühlgefühl gehört auch der Erhalt kultureller Angebote und Einrichtungen, auch dann, wenn sie nicht wirtschaftlich sind und sich „nicht rechnen“.

    Da werden vielerorts Schwimmbäder, Museen und Theater geschlossen, Ausflugsziele nicht mehr gepflegt und sich selbst überlassen, Feste und Kirmessen ganz aus dem Veranstaltungskalender gestrichen und innerstädtische, zentral gelegene Veranstaltungsflächen verkauft und bebaut – ohne dabei zu berücksichtigen, dass man hier auch ein Stück weit den Spaßfaktor und das Wohlgefühl der Menschen schließt und verkauft.

    Hier muss, wo es noch nicht passiert ist, ein Umdenken einsetzen, denn der Einzelhandel allein zieht nicht mehr die Massen in die Fußgängerzonen und sorgt für pulsierendes Leben in den Innenstädten. Dafür ist die Konkurrenz auf der grünen Wiese und im Internet mittlerweile viel zu groß geworden. Hier sind die Kommunen gefordert. Kirmessen, Messen, Märkte und Volksfeste sind Städtewerbung, und sie bringen Besucher in die Innenstädte.

    Muss man mit Blick auf Volksfeste zwischen Großstadt und ländlicher Region differenzieren? Wenn ja, inwiefern?

    Nein, das muss man nicht. Es gibt nicht nur ländliche Bewohner, die es zum Feiern in die Großstadt zieht. Es gibt auch sehr viele Großstädter, die das etwas andere Freizeitangebot des ländlichen Raumes suchen. Hier gilt: Alles hat seinen Reiz, vor allem das, was man nicht ständig hat.

    Die Idar-Obersteiner und ihr Spießbratenfest: Wie nehmen Sie das wahr? Gibt es eine Entwicklung? Welche Erfahrungen machen Sie – auch mit Blick auf zurückliegende Jahre?

    Ich selbst bin seit 1995 als Schausteller auf dem Spießbratenfest und finde: Es ist eine sehr angenehme Veranstaltung. Natürlich war es vor 20 Jahren besser besucht als heute, aber das liegt nicht an dem fehlenden Interesse der Besucher, sondern an den fehlenden Menschen hier in der Region. Man darf ja schließlich nicht vergessen, dass hier früher mal locker 10.000 bis 15.000 deutsche und amerikanische Soldaten stationiert waren, die zum größten Teil mit ihren Familien hier lebten. Und diese fehlende Masse macht sich bei Veranstaltungen in der Größenordnung des Spießbratenfestes schon negativ bemerkbar. Das würde selbst beim viel größeren Bad Kreuznacher Jahrmarkt auffallen. Ich kann aber ganz klar sagen, dass in den vergangenen Jahren ein Aufwärtstrend spürbar ist und die eingeleiteten Veränderungen gegriffen haben.

    Wie wichtig ist es, dass sich eine Stadt mit einer Kirmes, einem Volksfest identifiziert? Und wie erreicht man das?

    Nicht nur eine Stadt oder eine Region muss sich mit ihrer Kirmes, ihrem Volksfest identifizieren, sondern auch deren Bewohner und deren politische Akteure müssen hinter ihrem Fest stehen. Nur dann kann es funktionieren und Zukunft haben, denn Funken springen über, und alle vor Ort sind meinungsbildende Multiplikatoren. Sowohl positive wie auch negative. Erreicht wird das durch eine positive Grundstimmung, die dann von oben nach unten transportiert wird – durch positive Mundpropaganda und auch durch eine positive Berichterstattung der Medien. Was nicht heißt, dass man alles nur schönreden und -schreiben soll.

    Welche Konzepte greifen?

    Es gibt sicher keine Konzepte, die überall greifen. Hier sind je nach Veranstaltung und den regional vorhandenen Problemen Individuallösungen gefordert. Und die kann keiner besser liefern als diejenigen, die Woche für Woche mit der Materie Umgang haben: wir Schausteller! Nicht umsonst wird die Verbandsarbeit gerade in unserer Branche immer wichtiger. Wir müssen uns immer mehr einbringen und werden auch immer mehr eingebunden, damit in die notwendigen Veränderungen unsere Erfahrung konkret mit einfließt.

    Der Veitsrodter Prämienmarkt – kein Selbstläufer, aber Jahr für Jahr ein Magnet –, der Bad Kreuznacher Jahrmarkt und das Spießbratenfest: Kann man die Feste überhaupt vergleichen?

    Natürlich können Sie alles miteinander vergleichen, auch wenn vieles einfach nicht vergleichbar ist. Der Veitsrodter Markt ist seit mehr als 500 Jahren hier in der Region fest verwurzelt und ein Markt mit einem ganz geringen Anteil an kirmestypischen Geschäften. Hier dominieren der Markthandel, das Pferderennen und die Tierausstellung. Das Spießbratenfest ist eine Kirmes, die ein ganz anderes Publikum anspricht: nämlich die Leute, die auch den Karussell-Kick suchen. Und das ist genau die Zielgruppe, die von Freizeitangebotsmöglichkeiten überflutet wird und stetig auf der Suche nach Neuem, Besserem, Tollerem ist. Da haben es Kirmes-Veranstaltungen in der Größenordnung des Spießbratenfests nicht immer leicht. Aber die eingeleiteten Veränderungen verfehlen ihre Wirkung nicht und haben ja bereits zu einer positiven Entwicklung geführt. Dabei ist es ganz wichtig, die Menschen in der Region zu mobilisieren und als Besucher für das Fest (zurück-)zugewinnen. Jeder, der hinwill, nimmt mindestens einen mit, der nicht genau weiß, ob er gehen soll. Der Bad Kreuznacher Jahrmarkt ist allein schon wegen seiner Größe und seines vielfältigen (Karussell-)Angebotes ein Magnet, der auch Menschen aus 100 und mehr Kilometer Entfernung in seinen Bann zieht. Aber selbst am Jahrmarktswochenende gibt es in der Region eine Vielzahl von kleinen Kirmesveranstaltungen, die trotz des Jahrmarktes in unmittelbarer Nähe Besucher anlocken. Und warum? Weil die Menschen unterschiedliche Geschmäcker haben und auch das viel kleinere Fest in der heimatlichen Region seinen Reiz hat und ein Wohlgefühl erzeugt.

    Die Fragen stellte Vera Müller

    Seit Januar 2017 Vize-Präsident für Marketing

    Ralf Leonhard ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Schaustellerverbandes Bad Kreuznach. Der Verband hat derzeit rund 100 Mitglieder und ist einer der führenden und richtungsweisenden Regionalverbände. Bundesweit bilden 90 Regionalverbände den Deutschen Schaustellerbund (DSB).

    Im DSB sind über diese Regionalverbände rund 5000 Mitgliedsbetriebe organisiert. Der DSB wird von einem fünfköpfigen Präsidium geführt, dem Leonhard seit Januar 2017 als Vize-Präsident für Marketing angehöre. Weitere Infos zum DSB unter www.dsbev.de

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