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Cochem-Zell

Spannungsfeld Wildpopulation: Der Druck auf Jäger wächst

Friedhelm Lohmann ist der Letzte in seiner Straße, der von Wildschweinen heimgesucht wird. Kaum 100 Meter vom Waldrand entfernt zieht, eine Rotte mit zwölf Sauen am helllichten Tag über das Grundstück des Bullayers – die Schäden gehen inzwischen in die Tausende. Denn schon zuvor, während Lohmann mit seiner Frau Urlaub machte, hat das Schwarzwild einen Großteil des Areals von 1500 Quadratmetern regelrecht umgepflügt. Kürzlich waren alle Randsteine dran. „Das nimmt Formen an, das ist nicht mehr normal“, schimpft Lohmann. Er hat Angst, dass sein Enkel (5) beim Spielen zwischen die alles andere als scheuen Tiere gerät. „Was passiert dann?“

Der Druck auf die Jägerschaft wächst, die Jäger sollen mehr Wild erlegen.
Der Druck auf die Jägerschaft wächst, die Jäger sollen mehr Wild erlegen.
Foto: picture alliance / dpa

Im Spannungsfeld ist das Thema überbordende Wildpopulation längst – nicht nur im privaten Bereich, besondere Konfliktherde tun sich zwischen Land- und Forstwirten sowie der Jägerschaft auf. Ein Thema, das kirre macht. Zumal – wenn die Afrikanische Schweinepest unsere Region erreichen sollte – dann ist die kommerzielle Schweinezucht akut bedroht. Wodurch sich Michael Horper, selbst Schweinezüchter, zur Aussage hinreißen lässt, „dass der eine oder andere Tierschützer jetzt mal das Maul halten muss“. Mehr Abschuss vonseiten der Jägerschaft, am besten ohne große Schranken, das schwebt dem Präsidenten des Bauern- und Winzerverbandes vor. Für die drastischen Worte erntet er viel Applaus unter den 300 Zuhörern bei der gemeinsamen Bauernversammlung der Kreise Daun und Cochem-Zell.

Ganz so einfach können nicht alle Regeln über Bord geworfen werden, wie sich in einer Podiumsdiskussion rasch herausstellt. Immerhin ist diese Schranke, sehr zur Freude von Landwirten und Jägern, zum 1. Januar gefallen: Seither dürfen Bejagungsschneisen am Rand von Mais- und Rapsschlägen eingerichtet werden, ohne dass die Bauern ihrer EU-Prämie verlustig gehen. „Die Bauern müssen noch mehr Schussschneisen ermöglichen“, fordert Bauernchef Horper. Denn wenn die Afrikanische Schweinepest in der Region ausbreche, ist alle Debatte „nur Kindergeburtstag“.

Ein Bild, wie es Spaziergänger häufiger zu Gesicht bekommen: Der Waldboden – hier auf dem Valwigerberg – ist umgewühlt.
Ein Bild, wie es Spaziergänger häufiger zu Gesicht bekommen: Der Waldboden – hier auf dem Valwigerberg – ist umgewühlt.
Foto: Thomas Brost

Gerungen wird auf beiden Seiten auch um unkonventionelle Methoden. Eine: Während der Jagden sollen Verkehrsstraßen gesperrt werden, um das Wild überallhin zu verfolgen, verlangt Kurt Schüler, der Vizepräsident des Landesjagdverbandes. Und es müsse mehr revierübergreifend gejagt werden. Schüler: „Schwarzwild kümmert sich nicht um Grenzen.“

Die Bauern sollen selbst zur Jagdwaffe greifen, meint Heribert Metternich, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer im Bauernverband. „Sie müssen den Jagdschein machen, in Niedersachsen haben ihn 94 Prozent der Bauern bereits.“

Für den Kreis Cochem-Zell bewegt sich der Abschuss von Sauen auf Rekordniveau. „Wir werden wahrscheinlich 5000 Sauen bis zum Ende des Jagdjahres am 31. März zur Strecke gebracht haben“, sagt Kreisjagdmeister Heiko Mades. Die Jägerschaft habe sich „sehr bewegt“. Die Politik müsse dies ebenso tun. So solle die Hundesteuer für qualifizierte Jagdhunde mit Prüfung wegfallen – ein kleiner Baustein, um das Jagen attraktiver zu gestalten. Ein weiterer: die Vermarktung verbessern, zurzeit liegt laut Jagdgenosse Roland Schlösser der Fleischpreis bei 50 Cent pro Kilo. „Und das für ein hochwertiges Lebensmittel.“

Ein Lied können auch Elke Lohmann und ihr Mann singen: Die Wildschweine haben ihr Grundstück in Bullay verwüstet.
Ein Lied können auch Elke Lohmann und ihr Mann singen: Die Wildschweine haben ihr Grundstück in Bullay verwüstet.
Foto: Peter Scherer

Einen alternativen Weg zeigte Mades auf: Auf dem Gut Darß im Landkreis Vorpommern-Rügen gebe es keine Jagdpachten, es würden nur Pächter aus der Umgebung verpflichtet. Das Wild werde dort verarbeitet, der Erlös gehe an die beteiligten Kommunen.

Fazit: Ein Patentrezept gegen zu viel Wild in Wald und Flur existiert nicht. Friedhelm Lohmann will es mit angesengten Haaren versuchen, das soll Sauen abhalten. Der Elektrozaun habe beim Nachbarn wenig bewirkt. Für Lohmann ist klar: „Die Jäger müssen endlich was machen.“ Notfalls vor der Haustür.

Von unserem Chefreporter Thomas Brost

60 000 Wildschweine im vorigen Jahr zur Strecke gebracht

Auf 1,5 Millionen Exemplare wird das Schwarzwild hierzulande geschätzt. Die Zahl der Population wird nicht geringer, obwohl die Abschussquote permanent steigt.

In Rheinland-Pfalz sind nach Auskunft des Landesjagdverbandes 1980 6000 Wildschweine zur Strecke gebracht worden, im vorigen Jahr waren es zehnmal so viele.

Im Kreis Cochem-Zell gab es im vorigen Jahr laut Kreisverwaltung 4122 getötete Wildtiere, darunter waren 404 Exemplare an Fallwild (nicht erlegt, meist überfahren). 3698 Schwarzkittel wurden 2017 erlegt. bro

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