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Cochem

Gewalt gegen Partnerin bleibt fast folgenlos: Was eine Frau erleiden musste

Die 27-jährige Zeugin vor dem Cochemer Amtsgericht kann kaum noch auf die Fragen der Männer um sie herum antworten. Sie ist sichtlich verunsichert, hat Tränen in den Augen. Der Verteidiger eines jungen Mannes aus der Verbandsgemeinde Cochem nutzt die Widersprüche, die während der Befragung durch das Gericht entstanden sind. Seinem Mandanten wirft die Staatsanwaltschaft vor, seine damalige Freundin mehrfach getreten und geschlagen zu haben. Jetzt wird der jungen Frau wieder zugesetzt, sie hält den Fragen nicht stand.

Symbolfoto.
Symbolfoto.
Foto: Kevin Rühle

Im April dieses Jahres wird es laut auf dem Cochemer Marktplatz. Es ist früher Morgen, ein Handwerker liegt noch in seinem Bett. Er geht zum Küchenfenster und sieht, wie eine junge Frau in einen Hauseingang gestoßen wird. Genau kann er die Abläufe nicht erkennen, aber er hört die Schreie des Angeklagten und die Hilferufe der 27-Jährigen. Der Anwohner greift zum Telefon und ruft die Polizei.

Bereits zwei Wochen zuvor gibt es die ersten Handgreiflichkeiten zwischen dem Paar. Der Auszubildende und die Kellnerin streiten sich. „Ich weiß nicht mehr, worum es eigentlich ging“, sagt die 27-Jährige vor dem Cochemer Amtsgericht aus. Im Handgemenge beißt sie unterhalb seiner Brust zu, er antwortet mit einem Faustschlag gegen den Kopf. „Von dem Biss haben Sie bei der Polizei nichts gesagt“, moniert Amtsrichter Gerald Michel, nachdem der Angeklagte die dadurch entstandenen Spuren im Gerichtssaal präsentiert. Die Darstellungen des Paares sind sich zumindest ähnlich, die Beziehung zerbrach an dieser Auseinandersetzung nicht.

Bevor die Situation auf dem Cochemer Marktplatz eskaliert, ist die junge Frau mit Kollegen in der Kreisstadt unterwegs. Sie feiern und trinken bis in den frühen Morgen, währenddessen ruft der Angeklagte mehrfach an – doch das Handy ist ausgeschaltet. Eifersucht dürfte an diesem Abend eine große Rolle spielen, denn die Zeugin ist mit einem Mann unterwegs, zu dem sie bereits eine intime Beziehung pflegte. Auch der Angeklagte trinkt in dieser Nacht Alkohol.

Dass die Kellnerin von ihrem Freund geschlagen oder getreten wurde, daran besteht eigentlich kein Zweifel. Einen Schlag gegen die Schulter gibt der Mann zu. Die späteren Tritte, die auch ein Zeuge gesehen hat, sollen Befreiungsversuche gewesen sein, da die Kellnerin seine Beine umklammert haben soll. Diese Variante bestätigt die Frau auch zunächst (entgegen der Darstellung bei der Polizei), gibt später aber zu, dass sie sich eigentlich nur noch an die Tritte erinnern kann. Die Folgen hat ein Arzt dokumentiert – eine Thoraxprellung und eine ausgedehnte Lunge. Nach der Auseinandersetzung kippt der Angeklagte die Handtasche seiner Partnerin aus, „damit sie mir nicht mehr folgt“, erklärt er wortkarg. Als die Polizei eintrifft, will die junge Frau keine Anzeige erstatten, erst nach dem Gespräch mit einer Bekannten und dem Krankenhausbesuch entscheidet sie sich dazu. Hinzu kommt, dass sie sich direkt nach dem Vorfall per SMS für ihr Verhalten entschuldigt.

Richter Michel stellt das Verfahren später gegen eine Geldzahlung von 300 Euro vorläufig ein, „wegen sich zum Teil widersprechenden Angaben“. Und auch der Zeuge, der eindringlich seine Eindrücke – eine hilflose Frau wird verprügelt – schildert, ändert an dieser Entscheidung nichts. Angeklagter und Zeugin verlassen am Ende gemeinsam das Gelände des Cochemer Amtsgerichtes. Nicht mehr als Paar, aber sie hat ihm verziehen.

Kevin Rühle

Cochem Zell
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