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Mosel

Aus den Wolken kopfüber ins Moseltal: Zu Besuch bei einer Fallschirmschule

Ein wenig Tollkühnheit gehört dazu, wenn man aus einem Flugzeug herausspringt. Unser Mitarbeiter Raphael Markert hat seinen Jungfernsprung am Fallschirm bei der einzigen Fallschirmschule an der Mosel erlebt. Er berichtet darüber in Wort und Bild.

Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Foto: Rafael Markert

„Als sich die Tür des Flugzeuges öffnet, höre ich die Luft rauschen – und das Blut durch meinen Körper. Aus 3000 Metern Höhe soll ich aus dem kleinen Sportflieger herunter ins Moseltal springen – festgebunden an einen erfahrenen Fallschirmspringer. Was sich recht gefährlich anhört, habe ich auf dem Flugplatz Föhren bei Trier selbst ausprobiert.

Nur mein Herz höre ich laut pochen, doch sonst ist es an diesem Morgen ganz still auf dem Flugplatz Föhren bei Trier. Hier treffe ich Christian Neuleib. Eigentlich ist er Grafikdesigner, doch in seinem zweiten Leben als Tandemmaster ist er schon mehr als zweitausend Mal aus dem Flieger gesprungen. Und heute wohl mit mir. „Ich weiß, es ist leicht gesagt aus meiner Position, aber versuche, locker zu bleiben“, rät er mir, bevor ich in den rotfarbenen Springeranzug schlüpfe.

Aufgeregt ist Christian vor seinen Sprüngen längst nicht mehr. Wohl aber gespannt, wie seine Passagiere in der Luft reagieren werden. Nervös sind alle, manchen wird schon im Flugzeug übel, aber nur zwei Passagiere haben während er zehn Jahre, in denen Neuleib als Tandemmaster aktiv ist, abgebrochen. Werde ich der dritte sein?

Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Foto: Rafael Markert

Als Christian mich in die ideale Haltung während des Sprunges – wegen des nach außen gekrümmten Körpers „Banane“ genannt – einweist, geht es mir noch gut, der Gedanke an den freien Fall ist ganz weit weg. Aber wie werde ich mich dort oben fühlen? „Egal ob jung oder alt, ob Mann oder Frau – wenn die Tür auf ist, spüren alle die Luft und die Lautstärke, denken sich: ‚Oh Gott, was mache ich hier bloß?’“, erzählt Christian. Angst werde ich da oben aber nicht mehr haben – das verspricht er mir, bevor er mir das Gurtzeug anlegt, mit dem ich später mit Christian verbunden sein werde – und an dem mein Leben hängt.

Einem Tandemsprung zu wagen, heißt auch, vertrauen zu können. Vertrauen, dass Christian den Schirm rechtzeitig öffnen wird, Vertrauen, dass ihm die Landung gelingt, Vertrauen, dass wir heil am Boden ankommen werden. Ein komisches Gefühl – aber vielleicht macht auch gerade das den Kick aus.

Ich steige gerade das erste Mal in einen Sportflieger. Und Christian wollte schon als Siebenjähriger immer in die Lüfte. Mit 19 Jahren sprang er dann tatsächlich das erste Mal alleine aus dem Flugzeug. Und kürzlich sogar zusammen mit seinem 80-jährigen Vater – sein außergewöhnlichstes Erlebnis. Das gefährliche Hobby ist für ihn zur Droge geworden. „Das ist einfach faszinierend, wenn man kopfüber aus dem Flugzeug stürzt, sieht gerade hier in der Gegend diese herrliche Mosellandschaft von oben, man rast mit 200 Sachen an Wolken vorbei abwärts – das ist einfach unbeschreiblich“, sagt Christian. „Man fühlt sich absolut frei, man vergisst alles, was man vorher am Boden erlebt hat, es ist völlig weg von allem – und das ist die Faszination bei der Springerei.“

Ich schaue aus dem Fenster des Flugzeuges: Um uns herum das Weiß der Wolken, dann wieder der freie Blick herunter auf die Mosel, die Weinberge, die Dörfer im Tal. In der Luft zu sein bedeutet zu erkennen, wie klein man selbst ist. Das merke ich sofort. Doch Zeit, jetzt ans Aufgeben zu denken, habe ich nicht mehr. Mit Christian rutsche ich zur offenen Flugzeugtür, mein Blick fällt nach unten – 3000 Meter in die Tiefe. Dann falle ich. Erst kopfüber, dann waagerecht. Der kalte Wind presst die Schutzbrille gegen mein Gesicht, mein Kopf ist völlig abgeschaltet. Keine Gedanken mehr, keine Angst, keine Sorgen um die Landung.

Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Der Moment der Wahrheit: Raphael springt mit seinem Lehrmeister kopfüber ins Ungewisse (Foto oben). Beide segeln an einem Schirm zu Boden (Foto rechts). Die Ankunft ist abrupt, aber relativ sanft, beide sind zufrieden.
Foto: Rafael Markert

Mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde rasen wir an riesigen Wolkenbergen in Richtung Boden. Das Blut schießt durch meinen Körper – und die Glückshormone ebenso. Christian erlebt das nahezu jedes Wochenende. Und dann mehrmals pro Tag. Was macht dieser Kick mit einem Menschen? Verliert man im ständigen Adrenalinrausch nicht die Bodenhaftung? „Nein“, sagt Christian. „Das Springen hat mir Demut gelehrt.“

Als er die Reißleine zieht, wir nach einem harten Ruck sanft gen Moseltal gleiten, weiß ich, was Christian meint. Wirklich greifbar ist das, was auf die eigenen Sinne im freien Fall einprasselt, nicht – weder währenddessen noch hinterher. „Deswegen macht fast jeder einen zweiten Sprung, und den nimmt man viel bewusster wahr“, sagt Christian. Gerade erst berühren meine Füße wieder den Boden, aber schon jetzt weiß ich: Er hat Recht. Ich werde es wohl wieder machen. Der freie Fall wirkt sofort, wie eine Droge. Und er macht süchtig – garantiert.“

Von unserem Mitarbeiter Raphael Markert

Cochem Zell
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