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Koblenz

Nach bestialischem Mord in Koblenz: Rund um den Friedhof herrscht Angst

Doris Schneider

Manchmal täglich ist eine junge Koblenzerin mit ihrem Baby früher auf dem Friedhof spazieren gegangen. Seitdem der Mord an Gerd Michael Straten und die grauenhafte Tatsache, dass der 59-Jährige enthauptet wurde, bekannt sind, hat sie keinen Schritt mehr auf das Gelände gemacht. Und sie ist nicht die Einzige.

Auch direkte Anwohner aus der Beatusstraße gehen seitdem nicht mehr hin, besuchen auch die Gräber ihrer Angehörigen nicht mehr, berichten sie in Gesprächen mit der RZ. Angst herrscht rund um den Friedhof. Und auch in den benachbarten Stadtteilen.

„Ich schließe nachts meine Wohnungstür ab, das habe ich sonst nie gemacht“, sagt die 30-Jährige. Ein mulmiges Gefühl ist jetzt immer dabei: „Denn der Mörder kann natürlich längst irgendwo ganz woanders sein. Er kann aber auch in der Nachbarschaft leben.“

Die junge Frau geht im Dunkeln nur noch ungern allein auf die Straße, nimmt sich – wenn sie abends unterwegs war – mittlerweile ein Taxi, wo sie sonst mit dem Rad gefahren ist. Und auch Anwohner auf der Karthause berichten, dass sie den Weg über den Friedhof mittlerweile meiden, den sie sonst oft gegangen sind.

Eine Familie aus der Goldgrube, die immer sehr regelmäßig das Grab der Oma besucht hat, war seit dem 26. März nicht mehr da. An diesem Tag hat die Polizei mitgeteilt, dass am Freitag zuvor der 59-jährige Koblenzer tot auf dem Friedhof aufgefunden worden war.

Zunächst war „nur“ von einem gewaltsamen Tod die Rede, erst ein paar Tage später bestätigte die Polizei die Gerüchte, dass die Leiche enthauptet gefunden wurde. Wie Straten, der wohl seit vielen Jahren in der Batterie Hübeling übernachtet hat, ums Leben kam, dazu macht die Polizei weiterhin keine weiteren Angaben.

An diesem Mittag ist der Friedhof fast menschenleer. Die Vögel zwitschern hier lauter als unten in der Stadt. Nur wenige Menschen sind unterwegs im oberen Teil des Friedhofs. Irgendwer hat Blumen an der Batterie Hübeling abgelegt, viele Kerzen stehen hier, eine brennt noch. Ein Mann geht ganz in der Nähe zum Grab seiner Frau. Angst hat er keine hier, sagt er. „Aber es ist grauenhaft, was passiert ist! Hoffentlich finden sie den bald.“

Auch ein Friedhofsgärtner schüttelt den Kopf: „Furchtbar.“ Nein, gekannt hat er den Toten nicht, wohl ein paarmal gesehen. Ob die Mitarbeiter von dem Nachtlager gewusst haben und ob auch andere Menschen auf dem Friedhof übernachten, dazu sagt die Stadt nichts und verweist an die Polizei. Doch auch hier gibt es keine Antwort.

In der Gärtnerei an der Beatusstraße ist der Mord an dem Wohnungslosen, der regelmäßig auf dem Friedhof campiert hat, ein großes Thema, berichtet Inhaber Rüdiger Kröber. Angst allerdings äußern die Menschen weniger, sagt er, vor allem Entsetzen und Anteilnahme.

Am Eingang zur Batterie Hübeling stehen Kerzen.
Am Eingang zur Batterie Hübeling stehen Kerzen.
Foto: Reinhard Kallenbach

„Ich habe immer Angst, wenn ich hier hergehe“, sagt dagegen eine schlanke ältere Frau. Das, was den Friedhof ausmacht und ihm eine würdevolle Ruhe verleiht, die hohen Bäume, die eingefassten Parzellen, die alten Grabsteine, schafft eben gleichzeitig Angsträume. „Seitdem der Mord passiert ist, fürchte ich, dass hinter jedem Busch jemand stehen könnte.“

Die Besuche am Grab ihres Mannes lässt sie sich trotzdem nicht nehmen. „Aber ich bin froh, dass wir weit unten auf dem Gelände und direkt an einem Hauptweg sind“, sagt sie. „Da fahren doch immer wieder Arbeiter vorbei, und man hat das Gefühl, dass man nicht allein ist.“ Die Polizei hat unterdessen noch keine heiße Spur: „Es gibt nichts Neues“, sagt Pressesprecher Friedhelm Georg auf Anfrage der Rhein-Zeitung. „Leider.“

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Wer kann helfen, den Mord aufzuklären?

Die Soko Hauptfriedhof sucht weiterhin Zeugen, die etwas über den Ermordeten und sein Umfeld sagen können.

Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar. Foto: Polizei
Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar.
Foto: Polizei
  • Wer kannte Gerd Michael Straten?
  • Wer kann Angaben zu seinem Umfeld und zu Kontaktpersonen machen?
  • Wer hat Auffälliges im Bereich des Hauptfriedhofes bemerkt?
  • Wer kann Angaben zu Streitigkeiten zwischen dem Opfer und anderen Personen machen?
  • Wer kennt weitere Personen, die auf dem Hauptfriedhof leben oder sich dort oft aufhalten?
  • Wer kann sonstige sachdienliche Hinweise geben?

Hinweise nehmen die Kriminaldirektion Koblenz, Tel. 0261/1031, sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. Infos: www.polizei.rlp.de/de/fahndung

Polizei hat ihre Präsenz verstärkt

Der Mord auf dem Hauptfriedhof bewegt nicht nur die Koblenzer, sondern infolge der Grausamkeit, mit der oder die Täter vorgingen, auch Menschen in ganz Deutschland. Es kam nicht von ungefähr, dass der in der jüngeren Stadtgeschichte einmalige Fall auch Thema der Sitzung der Initiative „Sicherheit in unserer Stadt“ war – obwohl naturgemäß die Kriminalstatistik des Vorjahres ein zentrales Thema war. Denn das subjektive Sicherheitsgefühl in der Goldgrube und auf der Karthause ist seit der grausamen Tat nachhaltig gestört.

Angesichts der aktuellen Gefühlslage wollte Ratsmitglied Stephan Wefelscheid (BIZ) wissen, warum es erst mit einiger Verzögerung Informationen aus dem Polizeipräsidium gab. Polizeipräsident Karlheinz Maron verwies einmal mehr auf ermittlungstechnische Gründe. „Es ist alles noch in der Schwebe“, ließ Maron durchblicken. Den indirekten Vorwurf, die Polizei kümmere sich zu wenig um die Ängste der Bürger, wollte er nicht gelten lassen. „Wir lassen den Hauptfriedhof nicht links liegen“, so der Präsident weiter.

Maron wies ferner darauf hin, dass die Beamten ihre Präsenz auf dem Hauptfriedhof deutlich verstärkt haben – was auch an den Osterfeiertagen gut zu erkennen war. Dabei schaute die Polizei nicht nur ganz genau hin, sondern überprüfte auch Personalien. Das gefiel einigen Bürgern nicht, berichtete Manuel Wehrmann. „Man muss das richtige Maß finden“, ergänzte der Leiter der Koblenzer Polizeiinspektion 1, wobei sein Blick vor allem in die nähere Zukunft geht. Klar ist, dass die Polizei in den kommenden Wochen weiter Flagge zeigen wird, über die Konsequenzen aus dem Mordfall für diesen Teil der Stadt können noch keine klaren Aussagen gemacht werden.

Es ist auch aus Sicht des Polizeipräsidenten auch noch zu früh, über die Einführung von Überwachungskameras auf dem Hauptfriedhof zu sprechen. Genau das hatte Stephan Wefelscheid gefordert. Und Ratskollegin Monika Sauer wollte wissen, wer die Einrichtung dieser Technik bezahlen würde. Die Antwort: Die Stadt müsste die Kosten übernehmen, weil der Hauptfriedhof städtisch ist. Auch würde die Entscheidung für die Einführung dieser Kameras wohl Begehrlichkeiten bei anderen Einrichtungen wecken.

ka

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