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    Nach Anwohnerbeschwerden stellt Polizei klar: Leben retten darf Lärm machen

    Wenn die Hubschrauber von Polizei und Rettungsdienst im Einsatz sind ist "Not am Mann". Doch immer häufiger zeigen Bürger für diese Einsätze kein Verständnis mehr: Sie sind ihnen zu laut.

    Ein Polizeihelikopter startet am Flugplatz Winningen. Es gibt Menschen, die kein Verständnis für die Einsätze haben: Sie sind ihnen zu laut.
    Ein Polizeihelikopter startet am Flugplatz Winningen. Es gibt Menschen, die kein Verständnis für die Einsätze haben: Sie sind ihnen zu laut.
    Foto: Ditscher

    Der Hubschrauber kreist seit zirka 10 Minuten über Kobern-Gondorf und macht einen riesen Lärm. Ist das an einem Sonntag erlaubt?“: Pling – mit Beweisfoto im Anhang poppt die Mail eines Untermoselaners am 20. August im E-Mail-Postfach unserer Zeitung auf. Während der genervte Moselaner seine Zeilen tippt, kämpft auf der B 416 in Höhe von Kobern-Gondorf ein älterer Mann nach einem Verkehrsunfall ums Überleben, stirbt wenig später im Krankenhaus. Um den Unfall zu dokumentieren, ist auch der Polizeihubschrauber ausgerückt. Doch immer häufiger zeigen Bürger nicht nur für diese Helikopter-Einsätze kein Verständnis mehr.

    Das müssen Ärzte und Piloten der ADAC-Luftrettung immer wieder erleben, sagt Dr. Christoph Jänig, Leitender Hubschrauberarzt der Luftrettungsstation Koblenz. Jänig berichtet davon, dass die Teams wiederholt mit Beschwerden über die Lärmbelästigung konfrontiert werden – und zwar häufig direkt an der Einsatzstelle. Die von Hubschraubergeräuschen deutlich belasteteren Nachbarn rund um den Startplatz am Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZK), von wo aus Christoph 23 zu seinen Einsätzen abhebt, zeigen sich da weitaus toleranter, ergänzt der Arzt. Beschwerden an der Einsatzstelle können von der Helikopterbesatzung zwar oft im Gespräch gelöst werden. Jänig betont aber, dass Ärzte und Piloten beim Notfalleinsatz für solche Aufklärungsarbeit im Grunde keine Zeit haben.

    Das Einsatzgebiet von Christoph 23 erstreckt sich auf einen Radius von rund 60 Kilometern rund um die Basis am Koblenzer BwZK in Richtung Eifel, Hunsrück, Westerwald und Rhein-Sieg-Kreis. Bei einem medizinischen Notfall geht es manchmal um Sekunden. Gerade in ländlichen Gebieten ist der Einsatz der fliegenden Retter alternativlos, wirbt Jänig um Einsicht. Manche Patienten müssen aufgrund ihrer Erkrankungen oder Verletzungen in Spezialkliniken geflogen werden, etwa in ein Schwerbrandverletztenzentrum, in Traumazentren für Schwerstverletzte, in eine Kinderchirurgie oder in ein Herzzentrum mit Organersatzverfahren. „Dies geht grundsätzlich mit jedem Rettungswagen“, räumt Jänig ein, doch der Luftweg ist deutlich kürzer. Deshalb werden Hubschrauber etwa auch bei schweren Verkehrsunfällen bevorzugt eingesetzt, „um den Patienten binnen 60 Minuten nach Unfallereignis auf den OP-Tisch zu bekommen, da dies statistisch die kritische Zeitspanne ist, die über Leben und Sterben von schwerstverletzten Unfallopfern entscheidet“, ergänzt der Mediziner.

    Beschränkungen, wo der RTH landen darf, gibt es übrigens nicht. Und ein Sonntagsflugverbot selbstverständlich auch nicht, wie Jänig betont. Gleiches gilt für die Helikopter der Polizeihubschrauberstaffel mit Basis auf dem Flughafen Winningen. Und wenn diese ausrücken, gilt oft das Gleiche wie für die RTH: Not am Mann. Oder: Gefahr im Verzug. Dennoch hat auch die Führungszentrale des Koblenzer Polizeipräsidiums tendenziell mit immer mehr Bürgern zu kämpfen, die mit Unverständnis auf Einsätze der Polizeihubschrauber insbesondere nachts und an Sonn- und Feiertagen reagieren, wie Claudia Müller von der Pressestelle des Polizeipräsidiums einräumt.

    Jüngstes Beispiel: Als kürzlich ein 16-jähriger Jugendlicher zwischen Simmern und Immendorf im dunklen Wald die Orientierung verloren hatte und der Polizeihubschrauber zum Einsatz kam, gingen bei der Polizei gleich mehrere Anrufe von Anwohnern ein, die trotz des Hinweises auf die Suche keinerlei Verständnis zeigten und erbost auf die Lärmbelästigung durch den Helikopter reagierten.

    Ähnliche Beschwerden gab es im Westerwald, als nach einem Einbruch ein Polizeihelikopter zum Fahndungsflug startete. Das Facebook-Team der rheinland-pfälzischen Ordnungshüter sah sich im Anschluss genötigt, in einem Aufruf in eigener Sache Tacheles zu reden: „Was glauben die Anrufer eigentlich? Dass wir die Kollegen der Polizeihubschrauberstaffel zum Spaß alarmieren? Damit sie zur Nachtzeit die gute Aussicht genießen?“, heißt es in dem Beitrag – weiter: „Wenn der Polizeihubschrauber nachts unterwegs ist, hat das einen guten Grund! Und noch wichtiger: Ja, wir dürfen das! Welchen Grund es hat, erfahrt ihr meistens am nächsten Tag aus der Zeitung oder im Radio.“

    Von unserer Mitarbeiterin Annette Hoppen

    Christopher 23 war im vergangenen Jahr rund 749 Stunden in der Luft

    In Rheinland-Pfalz gilt: Innerhalb von 15 Minuten nach einem Anruf bei der Integrierten Leitstelle in Koblenz muss das sogenannte „Rettungsmittel“, entweder der Rettungshubschrauber (RTH) oder ein Rettungswagen, am Einsatzort sein.

    Dieser Wert muss im Jahresschnitt landesweit in mehr als 95 Prozent der Fälle eingehalten werden. Erreichbar sind die Zielvorgaben oft nur mit dem Hubschrauber, nicht zuletzt, weil es im Land nicht genügend Notärzte gibt.

    Die Einsätze von Christoph 23 vom Standort Koblenz aus sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Im Jahr 2016 war die Besatzung 1833 Mal unterwegs. In 85 Prozent der Fälle waren dies Notfalleinsätze, bei 5 Prozent handelte es sich um Verlegungstransporte zwischen Kliniken. Die übrigen 10 Prozent waren Werkstattflüge sowie Fehleinsätze, bei denen der RTH gerufen, aber wieder abbestellt worden ist. Die gesamte Flugzeit belief sich 2016 auf rund 749 Stunden. Dies bedeutet etwa zwei Stunden pro Tag. 

    Personensuche mit Hubschrauber: Anwohner beschweren sich über Lärm
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