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    Koblenzer Institution verschwindet: Café Miljöö schließt

    Frühstück bis 17 Uhr. Das ist bei vielen das Erste, was ihnen zum Café Miljöö einfällt. Erste Dates im Café in der Gemüsegasse, vollwertiges und vegetarisches Essen, als das noch nicht „in“ war, gemütliche Kaffeenachmittage, gute Gespräche bei Rotwein und lustige Runden im Freundeskreis.

    Claudia Lehnen (links) und Nicole König haben vor 20 Jahren das Café Miljöö in der Koblenzer Altstadt übernommen. Es schließt jetzt zu Ende des Jahres. Damit verschwindet nach etwa 35 Jahren eine echte Institution. Die beiden Frauen machen im Pfefferminzje weiter. 
    Claudia Lehnen (links) und Nicole König haben vor 20 Jahren das Café Miljöö in der Koblenzer Altstadt übernommen. Es schließt jetzt zu Ende des Jahres. Damit verschwindet nach etwa 35 Jahren eine echte Institution. Die beiden Frauen machen im Pfefferminzje weiter. 
    Foto: Thomas Frey

    Gut 35 Jahre gab es das Miljöö, erzählen Nicole König und Claudia Lehnen, die es nun 20 Jahre geführt haben. Am 29. Dezember ist Schluss. Dann gibt es das Miljöö nicht mehr. Die beiden Frauen hatten seit Jahren Probleme mit dem Vermieter: Ein Fußboden im hinteren Flur muss unbedingt neu gemacht werden, im Treppenhaus stehen vor dem Notausgang der Nachbarkneipe ausrangierte Möbel, die sie nicht hingestellt haben, aber wegräumen sollen, zeigen sie. Auf Mails und Anrufe reagiert der Vermieter nicht, berichten die beiden Koblenzerinnen. Einen langfristigen Mietvertrag hat Nicole König deshalb schon vor Jahren nicht unterschrieben. Damit verlängerte sich der Vertrag immer um ein Jahr. Anfang des Jahres kündigte nun der Vermieter, aber den beiden Frauen kam es gerade recht. Jetzt ist Schluss. Kapitel abschließen, Blick nach vorn. Oder um genau zu sein: um die Ecke, aufs Bistro Pfefferminzje in der benachbarten Mehlgasse. Das führen die beiden Frauen ohnehin schon seit ein paar Jahren zusätzlich.

    Im Pfefferminzje sollen sich ein paar Sachen ändern: Die bisher vegetarisch/vegane Karte wird durch ein paar Gerichte mit Fleisch ergänzt. Die Öffnungszeiten sollen ausgeweitet werden. Aber das Gleiche wie das Miljöö kann es nicht werden, das wissen auch die beiden Frauen, die schon seit ihrer Kindheit befreundet sind. „Ich war schon mit meinen Eltern hier“, erinnert sich die heute 50-jährige Claudia Lehnen. So ein Café gab es sonst keins in Koblenz. Oft haben die Freundinnen überlegt, zusammen ein Lokal aufzumachen. „So was wie das Miljöö“, haben sie dann immer geschwärmt. Und dann hat es sich ergeben, dass sie es übernehmen konnten. Ein Traum.

    Die Realität war spannend, oft auch lustig. Noch heute erinnern sich die beiden Frauen gern an die Eröffnung, bei der sie vom Ansturm der Gäste total überrascht wurden. „Wir waren total unbedarft“, lacht Nicole König. Eine Servicekraft, die sie ebenfalls übernommen hatten, sorgte für Ordnung: Sie schickte Familie und Freunde zum Einkaufen und in die Küche, die beiden jungen Eigentümerinnen ins Lokal zum Sekttrinken und Smalltalken und managte den Laden.

    Auch wenn die heute 45-jährige Nicole König vorher schon das Mephisto hatte, so hatte sie doch vom Bistro-Betrieb keine Ahnung, ebenso wenig wie Claudia Lehnen, die außerdem noch einen Bürojob hatte. Doch es wuchs: „Wir haben die Speisekarte langsam aufgebaut. Und wir waren die Ersten, die draußen auf den Tischen Blümchen stehen hatten und Decken auslegten“, erinnert sich Lehnen, die seit 2014 wieder einen Bürojob hat und nur noch „ehrenamtlich“ im Miljöö arbeitet. König studierte nebenbei BWL, der Laden lief.

    Dabei war es immer viel mehr als ein Laden, da sind sich alle einig. Auch die Gäste. Jeder Versuch, etwas an der Inneneinrichtung zu ändern, wurde mit Protesten quittiert. Seitdem werden die Wände immer wieder im gleichen Farbton gestrichen, es gab in all den Jahren nur sehr wenige Veränderungen.

    Viel erlebt haben die beiden Frauen in den 20 Jahren. Da gab es viele Paare, die sich getroffen, aber auch einige, die sich getrennt haben. Über einen langen Zeitraum kamen immer ein Mann und eine Frau zeitversetzt ins Café, schauten sich nervös um und setzten sich dann in die Ecke in der Nähe der Theke, dahin, wo einen keiner sieht. „Unsere Fremdgänger“, sagt Nicole König fast liebevoll. An vielen Abenden feierte die Belegschaft nach Feierabend noch ein bisschen, bis jeder nach Hause ging.

    Die beiden Wirtinnen lachen, als ihnen eine ganz besondere Anekdote einfällt. Es ist Jahre her, eine Bedienung ist ziemlich neu. Die kommt rein zu Nicole König und Claudia Lehnen und sagt: „Mensch, ihr habt ja komische Gäste!“ Wieso? Es stellt sich heraus: Draußen sitzt ein stadtbekannter ehemaliger Türsteher, der ein paar Jahre später mit einem Säbel durch die Altstadt zieht und noch stadtbekannter wird. Er hat der Bedienung in die Nase gepitscht und sie aufgefordert, die Pfifferlinge in seinem Rührei zu zählen. Owei: Die beiden Wirtinnen erkennen ihn, und sie reagieren besonnen. Unauffällig dirigieren sie die anderen Gäste nach drinnen und schließen ab. Als der Mann anfängt, mit Aschenbechern um sich zu werfen, rufen sie die Polizei. So spannend war es nicht immer im Miljöö, zum Glück, sagen die beiden Freundinnen und lachen. „Aber schön war es.“

    Von unserer Redakteurin Doris Schneider

    Erinnerungen gesucht

    Das erste Rendezvous, eine blaugemachte Mathestunde, ein sehr spätes Frühstück, Feiern nach einer bestandenen Prüfung oder einfach ein schöner Nachmittag mit der besten Freundin: Rund 35 Jahre war das Café Miljöö ein Anlaufpunkt für viele gute Stunden.

    Verbinden Sie besondere Erinnerungen mit dem Café? Lassen Sie uns (und die RZ-Leser) daran teilhaben und schicken Sie Ihre Erlebnisse an redaktion- koblenz@rhein-zeitung.net

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