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Koblenz

Initiative "Kein Vergessen" fordert Gedenktafel für ermordeten Obdachlosen

„Kein Vergessen“: Das fordert eine Initiative, die vor dem Koblenzer Rathaus an eine Tragödie erinnerte, die sich vor 19 Jahren auf dem Zentralplatz abgespielt hat. Ein rechtsextrem motivierter Täter schoss dort damals wahllos in eine Gruppe von Wohnungslosen, Punks, Alternativen und Junkies. Ein Mensch starb, zwei weitere wurden schwer verletzt.

Initiative "Kein Vergessen" fordert Gedenktafel für den von einem Nazi ermorderten Frank Bönisch
Der Hass auf Obdachlose und soziale Randgruppen machten einen 23-jährigen Neonazi am 24. August 1992 zum Mörder: Auf dem Koblenzer Zentralplatz schoss er mit einem Revolver ziellos auf eine Gruppe von Punks, Junkies und Obdachlosen. Der damals 35 Jahre alte obdachlose Frank Bönisch starb auf dem Zentralplatz, zwei weitere Menschen aus der Gruppe wurden schwer verletzt. Jetzt fordert eine Initiative mit dem Namen "Kein Vergessen", dass im Zuge der Neugestaltung und Neubebauung auf dem Zentralplatz dort eine Gedenktafel aufgestellt wird, die an das schreckliche Geschehen und an die Opfer erinnert. Am 19. Jahrestag des Verbrechens erinnerte die Initiative mit einer Kundgebung vor dem Koblenzer Rathaus an die Geschehnisse.
Foto: Annette Hoppen

Koblenz. „Kein Vergessen“: Das fordert eine Initiative, die am Mittwochabend vor dem Koblenzer Rathaus an eine Tragödie erinnerte, die sich vor 19 Jahren auf dem Zentralplatz abgespielt hat. Ein rechtsextrem motivierter Täter schoss dort damals wahllos in eine Gruppe von Wohnungslosen, Punks, Alternativen und Junkies. Ein Mensch starb, zwei weitere wurden schwer verletzt.

„Wir, die Initiative ,Kein Vergessen‘, fordern am Ort der Tat, dem Zentralplatz, eine Gedenktafel, die darauf hinweist, dass an dieser Stelle im August 1992 durch rechte Gewalt ein Mensch ums Leben kam und weitere angeschossen wurden“, sagt Marc Dommershausen, einer der Initiatoren der Kundgebung, an der sich rund 50 Menschen beteiligten.
Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von der Antifa Koblenz, von Studenten der Fachhochschule Koblenz, von Pax Christi, dem Ökumenischen Netz Rhein-Mosel-Saar und vom Falken-Stadtverband Koblenz. An der Kundgebung nahm zudem auch DGB-Regionsvorsitzende Gabi Weber teil. „Erinnerungsarbeit ist ein wesentliches Element einer demokratischen Gesellschaft“, betonte sie in ihrer Ansprache.

In einem Flugblatt kritisierte die Initiative, dass diese Erinnerungsarbeit nach ihrem Geschmack zu kurz kommt. Denn: In den offiziellen Statistiken der Bundesregierung zu rechter Gewalt tauche der Mord an Frank Bönisch nicht auf. Kein Einzelfall, wie es in dem Flugblatt weiter heißt: „Die Bundesregierung erkennt offiziell, gestützt auf Daten der Polizei, nur 47 Todesopfer an, unabhängige Initiativen zählen dagegen mindestens 137 Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt seit 1990.“
Fest steht derweil, dass der Täter aus dem Umfeld der damaligen Koblenzer Nazi-Organisation „Deutsche Front Coblenz“ stammte und den Szenenamen „Deutscher Andy“ trug. Der Täter gehörte allerdings nicht zum harten Kern, sondern war eher eine Randfigur. Zudem attestierte ihm das Gericht später einen „ausgeprägten Hass auf Obdachlose und soziale Randgruppen“.
Gerade die hielten sich Anfang der 90er-Jahre verstärkt auf dem Zentralplatz auf, wie sich Dietrich Stollberg erinnert. Der Koblenzer lebte damals mit Frau und Sohn am Altlöhrtor. Am Abend der Tat hörte seine Frau auf einmal Schüsse. „Weil unser Sohn zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Hause war, bin ich sofort nach draußen, um nachzuschauen“, erzählt Stollberg. Wenige Minuten nach den Schüssen war er als einer der ersten Helfer am Tatort. Stollberg erzählt weiter: „Bei dem Opfer mit dem Halsschuss habe ich einem Sanitäter oder Arzt geholfen. Ich sollte die Infusionsflasche halten. Da herrschte das totale Chaos.“ Direkt nebenan kämpften Ersthelfer um das Leben von Frank Bönisch – vergebens.
Wie der Täter einen solchen Hass auf seine Opfer entwickeln konnte, kann Stollberg bis heute nicht nachvollziehen. „Die Leute da waren total unauffällig. Ruhig. Sie haben niemanden provoziert oder gestört.“ „Infiziert“, so glaubt die Initiative, wurde der Mörder deshalb wohl von einem nationalsozialistischen Bazillus, der sich nach der Wende vom Osten her über die Republik ausgebreitet
habe.
Und dass dieser Bazillus offenbar auch in Koblenz noch immer nicht ausgerottet ist, wurde nach Beobachtung der Initiative auch während der aktuellen Kundgebung deutlich. Unter die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, so die Veranstalter, mischten sich am Mittwoch gleich mehrere NPD-Mitglieder und „Akteure“ der rechten Szene des Aktionsbüros Mittelrhein (ABM).
Kritik übt die Initiative „Kein Vergessen“ an der Polizei Koblenz: „Das Eingreifen der Polizei ist als schlicht inkonsequent und verantwortungslos zu bezeichnen, konnten die Neonazis unter den Augen der Polizei die Besucher abfotografieren“, so Toni Horster von der Initiative. Das sieht die Polizei anders: Zwar seien wie erwartet auch Personen des rechten Spektrums anwesend gewesen, „die seitens der Polizei festgestellt und kontrolliert wurden. In Einzelfällen wurden Platzverweise erteilt, um Konfrontationen mit der Versammlung auszuschließen“, sagt Claudia Müller von der Polizei-Pressestelle. Zu Gefahrensituationen sei es aber nicht gekommen. „Die Rechte der Versammlungsteilnehmer waren jederzeit gewahrt. Ein ,Abfotografieren‘ – zumindest durch Anwesende des rechten Spektrums – haben die Beamten nicht festgestellt.“

Von unserer Mitarbeiterin
Annette Hoppen

Der Amoklauf vom Zentralplatz

Am 24. August 1992 richtet ein aus der damaligen Koblenzer Nazi-Organisation „Deutsche Front Coblenz“ stammender Mann auf dem Zentralplatz ein Blutbad an: Mit den Worten „Jetzt knall ich euch alle ab“ schießt der 23-jährige Täter auf eine Gruppe von Wohnungslosen, Punks, Alternativen und Junkies, die sich zu dieser Zeit öfter auf dem Zentralplatz aufhalten. Der obdachlose 35 Jahre alte Frank Bönisch wird von den Kugeln tödlich getroffen, ein weiteres Opfer trifft der Täter mit einer Kugel in den Bauch, einen anderen Mann in den Kehlkopf. Das Gericht stellt später im Prozess fest, dass der Täter „aus Hass auf Obdachlose/Sozial Randständige“ gehandelt hat und verurteilt Andy Johann H. (Szenename: „Der deutsche Andy“) zu 15 Jahren Haft wegen Mordes und siebenfachen Mordversuchs. Die Initiative „Kein Vergessen“, die sich Anfang des Jahres gegründet hat, fordert, dass im Zuge der Neugestaltung und Bebauung des Zentralplatzes dort eine Gedenktafel angebracht wird, die an die durch rechtsradikales Gedankengut motivierte Tat vom August 1992 erinnert. agh

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