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Mülheim-Kärlich/Koblenz

Bei Vollbremsung im Bus verletzt – und jetzt? RMV verweigert Schmerzensgeld

Ingrid Heyer fährt jeden Tag mit dem Bus von Mülheim-Kärlich nach Koblenz zum AWO-Seniorenzentrum Laubach. Dort arbeitet die 69-Jährige ehrenamtlich. Nun verlangt sie von der Koblenzer Rhein-Mosel-Verkehrsgesellschaft (RMV) Schmerzensgeld. Denn Heyer wurde bei einem Unfall, in den ihr Bus verwickelt war, verletzt.

Ingrid Heyer ist 69 Jahre alt und wurde während einer Busfahrt in der Linie 357 von Mülheim-Kärlich nach Koblenz verletzt. Ihr Bus war in einen Unfall verwickelt.
Ingrid Heyer ist 69 Jahre alt und wurde während einer Busfahrt in der Linie 357 von Mülheim-Kärlich nach Koblenz verletzt. Ihr Bus war in einen Unfall verwickelt.
Foto: Katrin Steinert

Doch die RMV sieht sich nicht in der Schuld und teilt sinngemäß mit: Der Passagier muss sich selbst darum kümmern, ausreichend Halt im Bus zu finden. Und genau diese Auffassung findet Heyer unfassbar. Schließlich saß sie während des Vorfalls fest auf ihrem Platz. Sie überlegt, die RMV zu verklagen.

Ingrid Heyer ist 69 Jahre alt und ehemalige Vorstandssekretärin der Kassenärztlichen Vereinigung im Ruhestand. Für die RMV muss sie eine begehrte Kundin sein: Sie bezieht ihre Monatskarte im Jahresabo, bietet dem Unternehmen damit festkalkulierte Jahreseinnahmen von 720 Euro. Und: Sie hat sogar die teure Variante, mit der sie anderen ermöglichen kann, ihre Karte zu nutzen. „Dann kann auch mal ein Seniorenheimbewohner damit fahren“, erzählt sie.

Heyer steigt immer am Löhrcenter um, und bislang ist immer alles gut gegangen. Doch Ende Juli stieß ihr RMV-Bus am Wöllershof kurz vor dem Löhrcenter mit zwei Radfahrern zusammen (die RZ berichtete). Die Wucht war so heftig, dass die Seniorin aus ihrem Vierersitz nach vorne gerissen wurde und mit dem rechten Schienbein unter den gegenüberliegenden Platz geriet. Ihr Bein war bis auf den Knochen offen. Noch am selben Tag wurden ihre Wunden im Krankenhaus mehrschichtig genäht.

Heyers rechtes Bein war bis zum Knochen auf.
Heyers rechtes Bein war bis zum Knochen auf.
Foto: privat

Die 69-Jährige erinnert sich, wie es ihr nach dem Unfall ging: „Ich habe stark geblutet, habe gezittert und laut gejammert, weil es so wehtat. Der Busfahrer hat sich aber überhaupt nicht um mich gekümmert“, erzählt sie. Ingrid Heyer hätte sich gewünscht, dass er zumindest fragt, wie es ihr geht, und sich für die Unannehmlichkeit entschuldigt. „Stattdessen sagte er später, dass ich doch gesehen haben muss, dass er Radfahrern ausweichen muss. Und er fragte, ob ich mich nicht festgehalten habe.“ Diese Aussagen findet Heyer unverschämt. „Ich sitze da in Gedanken im Bus und verfolge doch nicht den Verkehr“, entfährt es ihr. „Muss jeder Fahrgast gucken, wie der Busfahrer fährt?“ Der Ruck und die Vollbremsung kamen für sie völlig überraschend. „Wo hätte ich mich festhalten sollen?“

Auf Anfrage bei der zuständigen Pressestelle der Deutschen Bahn, wie oft RMV-Busse im Jahr in Unfälle verwickelt sind; wie viele Fahrgäste jährlich dabei verletzt werden; und welche Handlungsanweisungen es für die Busfahrer bei Unfällen gibt, teilt ein Sprecher mit: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir grundsätzlich keine marktrelevanten Daten zur Betriebsdurchführung öffentlicher Bus-Linienverkehre Dritten gegenüber veröffentlichen. Dies gilt auch für interne Fahrer- und Betriebsanweisungen.“

Heyer hat eine Anwältin beauftragt, das Schmerzensgeld in Höhe von 2000 Euro von der Rhein-Mosel-Verkehrsgesellschaft einzufordern. Auf deren Forderung antwortet die RMV mit einem Schreiben, das ein Vorjahresdatum trägt, und dessen Inhalt am geschilderten Sachverhalt vorbeigeht. Heyers Anwältin vermutet, dass dies ein Standardschreiben war. Denn der Verfasser entschuldigt sich zwar im ersten Satz dafür, dass Heyer verletzt wurde. Dann aber weist er darauf hin, dass der Busfahrer nicht darauf warten muss, bis die Fahrgäste einen Platz gefunden haben, es sei denn, sie sind hilfsbedürftig. Heyer aber saß bereits seit Mülheim-Kärlich auf ihrem Platz.

Die RMV teilt weiter mit, dass der Fahrer sich nur auf den Straßenverkehr konzentrieren und nicht die Fahrgäste beobachten muss. Der Fahrer dürfe darauf vertrauen, dass ein Fahrgast seiner Verpflichtung nachkommt, sich sofort und stets einen festen Halt zu verschaffen. „Leider können wir aus den oben genannten Gründen Ihren Schmerzensgeldansprüchen nicht entsprechen und lehnen daher alle Ansprüche gegen die RMV Rhein-Mosel-Verkehrsgesellschaft mbH ab.“

Heyer schüttelt den Kopf, wenn sie das Schreiben liest. Sie habe doch gar keinen Grund gehabt, sich festzuhalten. Ihre Anwältin teilte der RMV noch einmal schriftlich mit: „Das starke Abbremsen war unvorhersehbar und der Sturz unabwendbar.“ Die Forderung nach Schmerzensgeld wird aufrechterhalten. Wie es nun weitergeht, bleibt abzuwarten. Ingrid Heyer überlegt zurzeit, ob sie gegebenenfalls eine Klage gegen die RMV anstrengt.

Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

RZ-Kommentar: Verhalten der RMV ist dreist

Redakteurin Katrin Steinert zum Umgang mit einem verletzten Fahrgast

RZ-Redakteurin Katrin Steinert.
RZ-Redakteurin Katrin Steinert.

Unfälle passieren, keine Frage. Ob der RMV-Busfahrer den Zusammenstoß mit den Radfahrern hätte verhindern können oder nicht, kann ich nicht bewerten, auch nicht, ob der verletzten Frau Schmerzensgeld zusteht. Was mich aber stört, ist die Argumentation der RMV, um das Schmerzensgeld abzulehnen. Fakt ist: Fahrgast Ingrid Heyer, 69, stieg gesund in den Bus und kam verletzt an. Dass das Busunternehmen ihr unterstellt, sie hätte sich einen sicheren Halt suchen müssen und ihr damit die Schuld in die Schuhe schieben will, ist mehr als dreist. Denn sie saß ja beim Unfall bereits lange auf ihrem Platz. Sie ist weder herumgelaufen, noch stand sie ungesichert im Gang herum. Von einem Dienstleister, der auf Fahrgäste angewiesen ist, erwarte ich eine ehrliche und korrekte Ansprache und keine Vorwürfe, die am konkreten Fall vorbeigehen.

E-Mail: katrin.steinert@rhein-zeitung.net

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