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Katzenelnbogen

Raubüberfall-Opfer berichtet über die Tat: Nach dem ersten Schock kamen Tränen und Angst

Bis heute bekommt Heike Jung Gänsehaut, wenn sie über den 13. Juli dieses Jahres spricht – den Tag, an dem sie wie so oft Dienst hatte an der Tankstellenkasse in Katzenelnbogen; den Tag, an dem ein Mann sie mit einer Pistole bedrohte.

Heike Jung stand dem Täter direkt gegenüber, schaute in eine Pistole, wurde mit dem Tode bedroht. Längst arbeitet sie wieder an der Tankstelle, doch die Folgen des Überfalls spürt sie bis heute. Foto: Dagmar Schweickert
Heike Jung stand dem Täter direkt gegenüber, schaute in eine Pistole, wurde mit dem Tode bedroht. Längst arbeitet sie wieder an der Tankstelle, doch die Folgen des Überfalls spürt sie bis heute.
Foto: Dagmar Schweickert

„,Geld her, oder ich schieß Dich tot!', hat er gebrüllt“, berichtet sie äußerlich gefasst. „Das war ein Donnerstag, kurz vor neun, ich wollte kurz danach zumachen“, erzählt die 54-Jährige aus Berndroth. Seit 15 Jahren steht sie regelmäßig an der Kasse der Raiffeisen-Tankstelle. Vier Männer raubten die Tankstelle an jenem 13. Juli aus. Nun hat der Prozess am Landgericht in Koblenz begonnen.

Das Opfer berichtet unserer Zeitung, wie es den Überfall, vor allem aber die Zeit danach erlebt hat. „Der Mann kam so schnell draußen angelaufen, ich dachte noch, dass der sich wohl beeilt, weil wir bald zumachen“, so Jung.

Er habe herumgebrüllt. „Ich habe ihn erst gar nicht verstanden, dachte, der macht einen Witz.“ Dann schaute sie in die Mündung einer Pistole. Gleichzeitig bedrohte ein zweiter Täter zwei Mädchen, 13 und 16 Jahre alt, in der Nähe des Eingangs mit einem Messer. „Das habe ich gar nicht mitbekommen, ich war wie im Tunnel. „Die Mädchen wollten sich Eis kaufen, ihre Mutter wartete draußen und musste alles mit ansehen“, erfuhr Jung später.

Sie reagierte wie in Trance: „Ich habe die Kasse aufgemacht und er hat das Geld eingesteckt.“ Nur 360 Euro erbeuteten die Täter: „Die haben wohl gedacht, dass wir abends alles Geld vom Tag in der Kasse haben, das ist natürlich Unsinn“, so Tankstellenleiterin Isabel Völzke. Heike Jungs Mann, der bei ihren Schichten oft in der Tankstelle hilft, war – von den Tätern unbemerkt – in der Cafeteriaecke. Als die Täter zu Fuß flüchteten, um dann zu zwei Komplizen in ein Fluchtfahrzeug zu steigen, filmte er sie mit seinem Handy.

„Mein Mann wollte denen hinterher, in dem Moment habe ich losgeheult. Da sind viele Tränen geflossen“, erzählt sie. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits den stillen Alarm ausgelöst, der Wachdienst war alarmiert und hatte die Polizei verständigt. „Ich weiß heute nicht mehr, wen ich dann angerufen habe“, so Jung. Ihre Chefin Isabel Völzke kann hier helfen: „Sie hat versucht, mich anzurufen, aber gleich aufgelegt. Meine Tochter hat sie auch angerufen.“

Völzke war noch vor der Polizei am Tatort, orderte unterwegs bereits einen Rettungswagen. Jung war äußerlich unverletzt, durch Beruhigungstropfen konnte sie in der nächsten Nacht schlafen, aber „seitdem bin ich viel schreckhafter, werde beim kleinsten Geräusch wach“, erzählt sie. Eine Kollegin habe am nächsten Tag fristlos gekündigt, berichtet die Tankstellenleiterin Völzke: „Sie hörte, dass die Täter die Tankstelle schon seit Tagen ausspioniert hatten.“

Völzke und Jung nahmen das Angebot der Raiffeisen-Berufsgenossenschaft an und ließen sich in Lahnstein psychologisch betreuen. Schon am Samstag ging Jung wieder in die Räume, in denen sie die schlimmsten Minuten ihres Lebens erlebt hatte. „Ich wollte mich nur mal umsehen, das ging ganz gut.“ Am Sonntag stand sie freiwillig wieder an der Kasse.

„Das war gut und wichtig für mich. Aber seitdem hat sich einiges geändert“, sagt sie. Die Tankstelle bekam eine sehr gute Videoüberwachung genehmigt, Jung gewöhnte sich an, immer sehr früh zuzuschließen: „Wenn noch ein Kunde kommt, mache ich natürlich wieder auf, aber ich brauche das irgendwie.“ Wenn unbekannte Kunden mit Kappe auftauchen, „habe ich sofort ein mulmiges Gefühl“.

Über den Überfall habe sie mit einigen Bekannten gesprochen, aber „nur wenn ich das wollte“. Entsetzt sind sowohl Jung als auch ihre Chefin, wie unsensibel manche Kunden reagiert haben: „Da gab es welche, die aus Spaß ,Hände hoch' zu ihr sagten – manche machen sich echt keine Gedanken“, meint Isabel Völzke erschüttert. Sie war nach dem Überfall ständig abends bei ihren Mitarbeitern, „Ich hatte Panik, wollte jeden beschützen“, erzählt sie.

Sie ist froh, dass ihre langjährige Mitarbeiterin so besonnen reagiert hat: „Ich habe immer gesagt: Wenn so etwas passiert, bitte nicht den Helden spielen, das ist es nicht wert.“ Heike Jung hat den Überfall, so scheint es, insgesamt gut verarbeitet. Doch der Prozess, der nun begonnen hat und bei dem sie als Zeugin aussagt, belastet sie sehr. Sie weiß nicht, wie ein Prozess abläuft und was es in ihr auslöst, wenn sie die Täter, die zwei Tage nach dem Überfall gefasst wurden, sieht. „Ich wollte kein Gesicht haben zu dem Täter“, sagt sie. Den Tätern bald im Gericht gegenüberzustehen, macht ihr Angst.

Von unserer Redakteurin Dagmar Schweickert

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