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Hirschberg

Mit Karacho und vollem Risiko durchs Leben: Die Rennfahrerkarriere des Heinz Burkhard Westerweg

Eine Stunde zehn Minuten. Burkhard Westerweg ist zwischen fünf vor eins und fünf nach zwei von Hamm zum Flughafen Bremen gestürmt. Als Sieger aus acht Vorläufen will er den ersten Endlauf zur Deutschen Meisterschaft bestreiten.

Auch ein Formel-1-Wagen – hier der McLaren M 23 von Doppelweltmeister Emerson Fittipaldi aus dem Jahr 1974 – muss mal tanken … Der junge Heinz Burkhard Westerweg betrachtet sich das Rennauto ebenso gelassen wie interessiert.  Fotos: privat
Auch ein Formel-1-Wagen – hier der McLaren M 23 von Doppelweltmeister Emerson Fittipaldi aus dem Jahr 1974 – muss mal tanken … Der junge Heinz Burkhard Westerweg betrachtet sich das Rennauto ebenso gelassen wie interessiert. Fotos: privat

Die Rennleitung hat ihm – er kommt vom Sonntagsdienst beim Westfälischen Anzeiger – den Start zugesagt, solange das Training der anderen Teilnehmer nicht beendet ist. Vor Ort bleibt zur Streckenbesichtigung keine Zeit, es geht um Sekunden. Das letzte Fahrzeug ist schon durch, dann endlich kann auch der sehnlichst erwartete Spitzenreiter zum Probelauf starten. Das Rennen gewinnt er mit 36 Hundertstelsekunden Vorsprung. Gewinnen wird er auch die beiden anderen Endläufe, mal ist er sechs Hundertstel vorn, mal zwei Sekunden. Erfolgreicher Schlusspunkt unter 44 Starts im Jahr 1980.

Der Aufwand ist beträchtlich. Wochenende für Wochenende zieht der Tross seit 1975 durch Deutschland. Um das Pensum von jeweils Hunderten Kilometern bewältigen zu können, pendelt die Tachonadel im voll besetzten Benz auch im Anhängerbetrieb zwischen 140 und 160. „Ein Streifenwagen sollte sich jetzt nicht anhängen“, darf der Rückspiegel auf diesen Touren nicht vernachlässigt werden. Muss der junge Hammer, der vor Jahren in Altendiez wohnte und jetzt in Hirschberg lebt, dem Team wegen dienstlicher Verpflichtungen hinterherfahren, steht außer einem schnellen Auto eine 1000er-Honda bereit. Manchmal springt auch ein Freund mit dem Sportflugzeug ein … Der Ro 80, ein Gefährt mit 19 Liter Spritverbrauch, ist derweil schon Geschichte.

360 Autorennen hat Heinz Burkhard Westerweg in seinem Leben in etwa bestritten und jedes Dritte davon gewonnen.

Slalom, Bergrennen, Rundstrecke, Oval, Cross – Burkhard Westerweg fährt alles, was meist auf Asphalt unter die Räder passt. Hauptsache, fahren, das ist schon früh die Devise: Mit sechs Jahren zieht er in der Gemeinde mit dem Trecker voll beladene Anhänger von den Kartoffelfeldern zu den Höfen. „Ein Problem“, das sich Dorfpolizist Werner Regener nicht zu eigen machen möchte. Als Zehnjähriger kann er mit Autos umgehen, Freundinnen in Nachbarorten besucht der Jugendliche mit dem Rennkart. Für die Formel 1 interessiert er sich schon in den 60er-Jahren. Das Idol ist Jackie Stewart. Motorsport hat sonst keine große Bedeutung. Noch nicht.

Burkhard Westerweg ist Wettbewerber durch und durch. Er spielt Handball mit Heiner Brand, Fußball mit Horst Hrubesch. Über das Gymnasium findet er zur Leichtathletik, ein paar Jahre Kampfsport kommen hinzu. Durch Freunde hat er Kontakt zu den Wasserballern von „Rote Erde“ Hamm. Dort, in der Kurstadt, ist eine ausgeprägte Motorsportszene zu Hause. Die Männer sind in allen erdenklichen Wettbewerben vertreten. Und plötzlich ist auch Burkhard Westerweg infiziert. Geld verdient der Junior schon in Schule und später im Studium bei Zeitungen und in der Landwirtschaft.

Dass er sich Motorsport erlauben kann, hat er Sponsoren und den bis zu 30 Mitgliedern im „MSI Team SFL“ zu verdanken. Auch wenn die Helfer bei nächtlichen Reparaturen schon mal unter dem Renngerät einschlafen, das Fahrzeug bringen sie stets auf Touren. Doch aller Anfang ist schwer, der Weg zur technischen Wettbewerbsfähigkeit mühsam und zäh. Das zeigt sich auch, als ein Fahrzeug so zerdeppert wird, dass „wirklich nichts mehr zu gebrauchen ist“. 1979 muss ein Renner komplett neu aufgebaut werden. Ernüchterung folgt: Fahrer und Auto passen nicht zusammen. Sechs Sekunden fehlen pro Runde, eine Ewigkeit. In dieser Situation greifen die „Black Watch“ (ein Regiment der britischen Rheinarmee) ein. Die Soldaten, die mit ihren sandfarbenen Panzern 1990 in den „Desert Storm“ ziehen werden und deren Colonel-in-Chief Queen Elizabeth persönlich ist, stellen für Tests das Kasernengelände im Werler Stadtwald zur Verfügung. Die Autobahnmeisterei liefert Pylonen für die Streckenbegrenzung. Stundenlang tobt Burkhard Westerweg im Wettbewerbswagen durch die Albuhera Barracks; am Wochenende drauf folgt ein Gesamtsieg.

44 Veranstaltungen pro Saison: In seiner Laufbahn gewinnt Burkhard Westerweg ab 1975 jedes dritte Rennen, selten ist eine Platzierung schlechter als Rang drei.
44 Veranstaltungen pro Saison: In seiner Laufbahn gewinnt Burkhard Westerweg ab 1975 jedes dritte Rennen, selten ist eine Platzierung schlechter als Rang drei.

Der angehende Journalist – inzwischen auch für die Rhein-Lahn-Zeitung tätig – ist nicht nur zurück in der Spitze, er ist die Spitze. Am Ende seiner Laufbahn hat er von etwa 360 Rennen jedes Dritte gewonnen, selten ist eine Platzierung schlechter als Rang drei. Burkhard Westerweg fährt unter anderem NSU, Simca, Ford, Opel, Mercedes und BMW. Das giftige Triebwerk hat „Nocken Paule“ gebaut, 1983 legendärer Konstrukteur des 1200-PS-Turbo-Aggregats von Formel-1-Weltmeister Nelson Piquet. Die internationale Lizenz erlaubt dem jungen Westfalen an Motorsport alles, ausgenommen Langstrecken-WM und Formel 1. Trotzdem ist Burkhard Westerweg mit dem McLaren M 23 von Doppel-Weltmeister Emerson Fittipaldi unterwegs …

Anfangs trifft er auf Rennfahrer wie Willi Bartels (Sohn Michael war Lebensgefährte von Steffi Graf), Willi Bergmeister (Lehrherr von Michael Schumacher), auf Hans-Joachim Stuck oder „Berg-Löwe“ Herbert Stenger. Burkhard Westerweg wirft sich in die beinhart umkämpften Wettbewerbe, geht, wie es seine Art ist, volles Risiko.

Der Tribut für die kompromisslosen Materialschlachten ist nicht gering: Die Vorderachse reißt ab, Risse ziehen sich durch die Karosse, Maschinen werden so zusammengebacken, dass nicht mal der Hammer die Teile trennen kann. Im Grenzbereich des Gebrauchs verabschieden sich Getriebeinnereien ungezügelt in die Außenwelt, es brechen Antriebswellen und Schalthebel. Als an der Weser der Verteilerfinger platzt und das Teil nicht zur Verfügung steht, hilft ein Zuschauer mit Ersatz aus seinem Privatwagen aus. Die unverhoffte Hilfe trägt zum Sieg bei.

1983 ist Schluss, die feuerfeste Garderobe wird zur Seite gelegt. Sport und Beruf lassen sich nicht mehr vereinen. Der Redakteur, der noch vor der Arbeit Zuckerrüben mit schwerem Gerät 35 Kilometer weit zur Fabrik nach Soest bringt, ist mit 27 Jahren in leitender Position, mit Anfang 30 Chefredakteur. Und er ist, so heißt es, in Deutschland der jüngste Rotarier. Dem Motorsport bleibt er nach der aktiven Zeit dennoch erhalten.

Kontakte zur Assistentin von Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone bescheren ihm manch exklusive Geschichte, Vorberichterstattung zu Formel-1-Läufen zieht ihn weiter an die Rennstrecken. In Hockenheim trifft er Prominenz: Dieter Glemser und Walter Röhrl sind da, Mercedes fährt Reifentests für Le Mans – also kurz mal mit bald 350 der Ortskurve entgegen. In der Boxengasse steht der junge Nico Rosberg, damals Fahrer in einer Nachwuchsklasse. Grüße an Papa Keke, man kennt sich von Bergrennen in den 70er-Jahren.

Und heute? Bergrennen mit Tempo 250 auf Landstraßen lassen Burkhard Westerweg, der Wert darauf legt, im 45. Führerscheinjahr unfall- und punktfrei zu fahren, als Zuschauer zusammenzucken.

Im Auto ist ihm selbst nur einmal unwohl: 1976, auf dem Flugplatz nahe Bad Kreuznach. Ein Zusatzgewicht von mehr als 100 Kilogramm muss untergebracht werden. Die Stahlplatten sind am dünnen Bodenblech der Beifahrerseite notdürftig befestigt. „Jetzt sollte nichts passieren“, denkt der heute 61-Jährige mit gemischten Gefühlen an die unheimliche Fracht zurück. Was für ein Handicap: Auf Platz zwei fehlen 1,8 Sekunden …

Heute würde sich Burkhard Westerweg sicherlich chancenlos fühlen. „Wieder das Zusatzgewicht“, sagt der 120 Kilogramm wiegende Mann mit unterschwelliger Ironie (und denkt vermutlich ganz anders).

wok

Diez
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