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Nassau/Koblenz

Irrtum eines Detektivs lässt Drogenkurier auffliegen: Nachspiel vor dem Landgericht

Carlo Rosenkranz

Schon der Notruf ist ungewöhnlich. Er geht per E-Mail an das Landeskriminalamt in Mainz. Die Botschaft: Ein junger Mann wird in der Dachgeschosswohnung eines Nassauer Mehrfamilienhauses gegen seinen Willen festgehalten – von einem Mitbewohner, der ihn eingeschlossen hat.

Cannabis
Hanf-Pflanzen (Cannabis).
Foto: Oliver Berg/Archiv – dpa

Als die Polizei am frühen Morgen im März 2017 mit zwei Streifenwagen anrückt und zunächst vergeblich an der Tür klopft, entdeckt eine draußen stehende Beamtin etwas auf dem Dach: Über die Regenrinne ragt ein Paar Füße hervor. Das Ganze hat jetzt ein Nachspiel vor Gericht.

Der damalige Mitbewohner ist angeklagt, mit Drogen gehandelt zu haben und muss sich derzeit vor der 6. Strafkammer des Koblenzer Landgerichts verantworten. Auch bei dem kuriosen Geschehen in Nassau sind verbotene Betäubungsmittel wie Marihuana, Amphetamine und Ecstasy im Spiel. Der Mieter der Wohnung, 21 Jahre alt und ohne Job, räumt ein, damals ein Drogenproblem gehabt zu haben und häufiger unzurechnungsfähig gewesen zu sein.

An einem Abend im März vergangenen Jahres chillt er mit dem heute 24 Jahre alten Angeklagten und ein paar Kumpels, guckt Serien, und gemeinsam konsumiert man Drogen. Als die beiden nach der Party wieder unter sich sind, knöpft der nach eigenen Worten paranoid-schizophrene Mitbewohner seinem Gastgeber die Schlüssel ab, verriegelt die Haustür, schließt sein eigenes Zimmer von innen ab und geht ins Bett. Er fürchtet, der andere könnte ihm etwas stehlen. Am Morgen löst der in der eigenen Wohnung eingeschlossene Mieter den Polizeieinsatz aus.

Justizia
Symbolbild.
Foto: dpa

Schon früher hat der eigentlich obdachlose Gast dem jungen Nassauer gedroht, unter anderem mit einem kleinen Küchenmesser. Gefürchtet hat sich der 21-Jährige dabei wohl nicht besonders. Eingesperrt zu sein, macht ihm aber offenbar Angst. Noch vom Vorabend im Rausch, alarmiert der Jüngere am Morgen die Polizei. Weil er fürchtet, dass sein Mitbewohner durch ein Telefonat aufgeschreckt wird und ihm etwas antut, schickt er eine E-Mail ans Landeskriminalamt, die auf Umwegen zur Inspektion in Bad Ems gelangt. Als die Beamten vor der Tür stehen, flüchtet er sicherheitshalber durchs Gaubenfenster auf das Dach. Dort fühlt er sich sicher vor dem Zugriff seines Mitbewohners. Nur die Regenrinne bewahrt ihn wohl vor dem Absturz aus der dritten Etage.

Als der Gast schließlich die Beamten in die Wohnung lässt, eilt einer direkt zum Küchenfenster und hilft dem Mieter wieder hinein. Bei der folgenden Durchsuchung der Wohnung entdecken die Polizisten reichlich Cannabis, Amphetamin, ein paar Ecstasypillen sowie jede Menge Utensilien für den Konsum. Einiges liegt offen herum, 100 Gramm Marihuana und 60 Gramm Amphetamin aber stecken in einem Koffer im Zimmer des Mieters. Beide Männer streiten ab, die Päckchen je zuvor gesehen zu haben. Der Jüngere aber unterstellt seinem Gast auf Zeit, den Stoff in sein Zimmer gebracht zu haben, bevor dieser der Polizei die Tür öffnete. Zudem bezichtigt er ihn des Drogenhandels, schickt aber später einen handschriftlichen Brief an die Polizei, in dem er dies als Falschaussage bezeichnet. Beweise für die Behauptungen des Nassauers gibt es nicht, aber: Ein Dreivierteljahr später passiert etwas, das nahelegt, dass sein damaliger Untermieter häufiger große Mengen an Drogen in seinem Besitz hat.

Ortswechsel: zwei Tage vor Weihnachten 2017 in der Koblenzer Innenstadt. Der Angeklagte hat die Nassauer Zweckwohngemeinschaft vor Monaten verlassen, schläft meist bei einem Kumpel in Koblenz. Weil sich eine Verabredung verzögert und es draußen eiskalt ist, geht er in einen Elektronikmarkt und guckt nach PC-Spielen. Ein Detektiv beobachtet ihn und glaubt, der junge Mann wolle etwas stehlen. Er fängt ihn beim Verlassen des Marktes ab und bittet ihn in sein Büro. Dort findet sich kein Hinweis auf Diebesgut, aber dem Detektiv ist die Sache trotzdem nicht geheuer. Er ruft die Polizei. Plötzlich rastet der Verdächtige aus, flucht laut und schlägt mit dem Kopf an die Wand. Zwei Mal versucht er zu fliehen und ist erst zu bändigen, als er zu Boden geht und sich ein stämmiger Marktmitarbeiter auf ihn setzt. Als die Streife eintrifft, ist wieder alles ruhig. Das ändert sich schlagartig, als eine Polizistin den Rucksack des Festgehaltenen durchsucht.

Die Beamtin findet ein halbes Kilo Marihuana und einen Umschlag mit rund 6000 Euro in kleinen Scheinen. In seinem Portemonnaie stecken weitere 960 Euro in bar. Prompt knallt bei dem Ertappten die Sicherung durch. Er schreit: „Der bringt mich um.“ Und er schmettert sein Smartphone auf den Boden, um es zu zerstören. In einer Art Anfall sackt der junge Mann wieder zusammen und schlägt seinen Kopf fest auf den Boden, bis ihn ein Polizist mit aller Kraft ruhig hält. Seine Kollegin hat den Eindruck: Der 24-Jährige steht massiv unter Druck seiner Auftraggeber und merkt, dass es ihm nun an den Kragen geht, wenn die Hintermänner auffliegen. „Er hatte große Angst“, sagt sie als Zeugin. Der Verteidiger wird hellhörig, denn das spricht dafür, dass sein Mandant entgegen der Anklage keinen Handel betreibt, sondern „lediglich“ als Kurier fungiert.

In diese Richtung weist auch, was der Koblenzer selbst berichtet. Für den Transport von Drogen und Geld will er pro Einsatz rund 300 Euro bekommen haben, dazu auch mal etwas Stoff für den Eigenbedarf. Über seinen Auftraggeber schweigt der Mann. „Das würde nicht gut ausgehen“, sagt er. „Er kennt meinen vollen Namen und weiß, wo meine Eltern wohnen.“ Auch für wen der Inhalt seines Rucksacks bestimmt und wofür die 6000 Euro waren, verrät er nicht. „Ich stelle keine Fragen, wenn ich die Sachen bekomme“, sagt er. Der Empfänger war es, der durch die spontane Verschiebung der Übergabe den Ladenbesuch des Angeklagten auslöste, bei dem der 24-Jährige dann hochgenommen wurde. Ort und Zeitpunkt der Treffen wurden offenbar mit dem Smartphone verabredet. Kein Wunder, dass der Angeklagte das Gerät demolierte, als es kein Entrinnen mehr gab.

Die Verhandlung wird am 14. Juni fortgesetzt.

Von unserem Redakteur Carlo Rosenkranz

Diez
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