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Diez

Gelebte Integration: Schüler nutzen Chance

Sabrina Rödder

Ali Hamdan hatte nie die Möglichkeit, an einer Universität zu studieren oder zumindest eine richtige Ausbildung zu machen. Nicht einmal einen Deutschkurs durfte er belegen. Länger als 30 Jahre ist es her, dass der Mann aus dem Libanon nach Deutschland geflohen ist. Heute sind die Umstände anders, sie sind besser und ein Stück weit einfacher.

Ali Hamdan (rechts) erklärt seinem Praktikanten Mustafa Boujiha, wie man Kaufverträge schreibt. Zusammen mit einem Flüchtling aus Syrien kommt der deutsche Schüler jeden Donnerstag zu dem Diezer Autohandel, wo er in die Berufswelt hineinschnuppern kann. Foto: Sabrina Rödder
Ali Hamdan (rechts) erklärt seinem Praktikanten Mustafa Boujiha, wie man Kaufverträge schreibt. Zusammen mit einem Flüchtling aus Syrien kommt der deutsche Schüler jeden Donnerstag zu dem Diezer Autohandel, wo er in die Berufswelt hineinschnuppern kann.
Foto: Sabrina Rödder

Deshalb sagt der Diezer zu Flüchtlingen, die innerhalb der vergangenen vier, fünf Jahre hierhergekommen sind: „Nutzt eure Chance!“ Die Chance, all das zu machen, was sie machen wollen und können. Der 49-Jährige hat einen Autohandel im Heckenweg. In der kleinen Firma, die Autos an- und verkauft, ist es dem Firmeninhaber leider nicht möglich, Ausbildungsplätze anzubieten. Aber zumindest Praktika kann er anbieten. Also tut er es.

Viele andere Unternehmen geben Flüchtlingen nicht die Möglichkeit, wenigstens ein Praktikum zu absolvieren, sagt der Autohändler. „Das ist schade. Man muss den neuen Bürgern doch die Möglichkeit geben, Einblicke zu bekommen“, sagt Hamdan, der seit 1994 Ausländerbeauftragter der VG Diez ist. „Die Firmeninhaber waren selbst mal jung und mussten ein Praktikum machen.“ Nur so können auch Flüchtlinge das Arbeitsleben in Deutschland kennenlernen. Dem Autohändler ist bewusst, dass die Flüchtlinge natürlich auch gewisse Fähigkeiten mitbringen müssen. „Sie sollten auf jeden Fall Deutsch sprechen.“

Bei Hamdan Automobile arbeiten derzeit zwei Praktikanten. Beide von ihnen gehen in Diez zur Schule, müssen ein Jahr lang einmal wöchentlich in den Betrieb. Einer von ihnen ist Mustafa Boujiha. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Marokko, er selbst ist in Deutschland geboren. Odei Aljaber ist der andere Praktikant. Er flüchtete vor einigen Jahren aus Syrien. Bei Ali Hamdan lernen die beiden 15-jährigen Jungs, Autos zu säubern und Rechnungen sowie Kaufverträge zu schreiben. Ab dem zweiten Halbjahr dürfen sie auch mal bei einem Verkaufsgespräch mit einem Kunden dabei sein, vielleicht auch mal mitfahren, wenn ein Pkw geholt wird. Auch die An- und Abmeldung der Fahrzeuge bei der Zulassungsstelle gehört zu den Aufgaben dazu.

Mustafa Boujiha erzählt, dass er seit Sommer jeden Donnerstag rund sechs Stunden lang bei Ali Hamdan arbeitet. „Jetzt im Winter ist es manchmal ein wenig anstrengend, die Autos in der Kälte mit Wasser sauber zu machen“, gibt der Schüler zu. Aber trotzdem bereitet ihm das Praktikum viel Spaß, sagt er. Im März macht zudem ein 14-jähriger Syrer ein zweiwöchiges Praktikum.

Einerseits nehme dieser natürlich einige Aufgaben ab, anderseits mache dieser natürlich auch Arbeit, sagt Ali Hamdan. „Ich will Flüchtlingen, natürlich auch Deutschen, die Möglichkeit geben, hier zu arbeiten, ich will nicht Nein sagen. Aber mehr als zwei, drei Praktikanten gleichzeitig kann ich nicht hier haben“, sagt der Autohändler, der drei Festangestellte hat.

Feste Anstellung geplant

Im kommenden Jahr möchte Ali Hamdan einen irakischen Flüchtling fest einstellen. Auf die Frage, wie lang dieser denn schon in Deutschland sei, antwortet der gebürtige Libanese: „Fünf Jahre oder so. Aber mir ist egal, wie lang der schon hier ist. Wenn er mit Kunden reden kann und gute Arbeit macht, dann sollte es doch eigentlich egal sein, woher die Person kommt und wie lang sie schon da ist.“ So sollten es nach Hamdans Auffassung auch andere Betriebe sehen.

Der Ausländerbeauftragte weiß, dass Flüchtlinge, die noch nicht anerkannt sind, nur dann arbeiten dürfen, wenn sie eine Genehmigung von der Bundesagentur für Arbeit haben. Manchmal gebe es allerdings auch eine Absage. „Aber ich sage immer zu den Flüchtlingen: ,Nicht aufgeben, lernt erst mal Deutsch, macht dann eine Ausbildung oder Fachabi.'“, betont Ali Hamdan. Denn wenn sie eine Familie gründen wollen und ein gutes Leben führen möchten, sei dass der bessere Weg, als sofort irgendwo zu arbeiten.

Von unserer Redakteurin Sabrina Rödder

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