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    Hadamar

    Damit Menschen gut leben, bis sie sterben

    Die vor mehr als 100 Jahren entstandene Hospizbewegung fußt auf dem Gedanken, dass auch Schwerstkranke ihr Sterben zu Ende leben dürfen, um ihre Persönlichkeit und ihr individuelles Dasein zu vollenden.

    Gerd Daim ließ sich ins Hadamarer Hospiz verlegen, um in den letzten Wochen und Monaten seiner Liebsten nah zu sein. Foto: Kerstin Kaminsky
    Gerd Daim ließ sich ins Hadamarer Hospiz verlegen, um in den letzten Wochen und Monaten seiner Liebsten nah zu sein.
    Foto: Kerstin Kaminsky

    Von Kerstin Kaminsky

    Gerd Daim ist 64 Jahre alt, aber er sagt: "Im April werde ich 65", und er zeigt damit, wie sehr er sich wünscht, noch ein Weilchen zu leben. Die Diagnose Leberzellkarzinom erhielt er vor mehr als einem Jahr. Der lebensfrohe Mann aus Ludwigshafen wog damals 94 Kilogramm, trug lange Haare und liebte das Reisen. Aber der Krebs zehrte ihn mehr und mehr aus, und durch die Chemotherapie verlor er sein Haar. "Wenn ich heute in den Spiegel schaue, erkenne ich mich nicht", sagt Daim, und dass ihm sein ausgemergeltes Spiegelbild Angst mache. Deshalb wolle er sein Antlitz auch nicht in der Zeitung sehen.

    So lange wie möglich wollte Daim sich selbst versorgen, doch seine Kräfte schwanden zusehends. In den vergangenen Wochen hat sein Sohn ihm bestmöglich geholfen, und auch seine langjährige Gefährtin kam, so oft es ging. Doch die Wohnorte der Liebenden liegen mehr als zwei Autostunden voneinander entfernt. Ende Januar verschlechterte sich Daims Zustand dramatisch. Er konnte keine Geräusche und Gerüche mehr ertragen, und die Schmerzen wurden unerträglich. Er kam auf die Palliativstation des Ludwigshafener Krankenhauses und wurde medikamentös eingestellt, damit Schmerz und Übelkeit ihn nicht mehr so sehr belasten.

    Der einzige Wunsch des Sterbenskranken war nun, zumindest noch eine kleine Zeitspanne seiner Partnerin, die im Landkreis Limburg-Weilburg lebt, nah zu sein. Zu seinem Glück war ein Zimmer im Hospiz Hadamar frei. Nur wenige persönliche Dinge nahm Gerd Daim aus seiner Wohnung mit: ein bisschen Wandschmuck, zwei kleine Jazzmusikerfiguren und seinen Laptop. "Ich brauche keine Fotoalben, um mich zu erinnern. Alle Bilder sind in meinem Kopf gespeichert, und Emotionen kann man sowieso nicht auf Abruf produzieren", erklärt er.

    Lediglich seine Musik würde ihm fehlen. Zu Hause in Ludwigshafen stehe eine Sammlung mit 1000 CDs und in seiner Jugend habe er selbst Schlagzeug gespielt. "Gern würde ich über das Internet Musikvideos und Filme anschauen, aber leider gibt es hier im Hospiz keinen Zugang, und über einen Stick wäre der Datenfluss zu gering dafür", bedauert er. Aber dies sei auch der einzige Makel dieses ansonsten sehr schönen Hauses. "Warum bin ich nicht schon früher hierher gekommen?", fragt sich Daim. Er fürchtete, im Hospiz erwarte ihn eine sterile Krankenhausatmosphäre. "Aber es ist unvergleichlich schöner. So viele freundliche Menschen kümmern sich um mich und geben sich alle Mühe, meine Wünsche zu erfüllen", stellt er fest.

    So weit wie möglich will Daim noch selbst alle Regelungen für seinen Tod treffen. "Es gibt ja hier in der Nähe einen Waldfriedhof, da will ich hin", hat er entschieden und erwartet in den nächsten Tagen den Bestatter, um alles zu besprechen und vorab zu bezahlen. "Ich bin sehr dankbar, dass ich für meinen Aufenthalt im Hospiz keinen Eigenanteil tragen muss. So kann ich die Miete für meine Wohnung vorerst weiterlaufen lassen", erklärt Daim und lässt erkennen, dass das Gespräch ihn angestrengt hat.

    Der Zustand des Kranken sei wechselhaft, an manchen Tagen munter, an anderen unendlich müde. Noch könne er sich selbst waschen und zur Toilette gehen, obwohl das Aufstehen eine schmerzvolle Qual sei. "In meiner Schmerzmedikation ist noch viel Luft nach oben, aber mir graut davor, am Ende ganz und gar auf Hilfe angewiesen zu sein", sorgt sich Daim. Die Pfleger im Hospiz werden sich alle Mühe geben, dass er sich trotzdem mit Respekt und würdevoll behandelt fühlt.

     

    Die letzte Lebensphase

    Mit der Serie „Die letzte Lebensphase“ stellen wir Menschen vor, die direkt oder als Angehörige, im medizinischen oder pflegerischen Beruf, in der Seelsorge oder im Ehrenamt mit dem Sterben konfrontiert sind. Heute lässt uns ein Bewohner des Hadamarer Hospizes an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben.

    Diez
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