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Desloch/Bad Kreuznach

Vanessa Stahl: An Leukämie erkrankt, jetzt in der Krebsforschung tätig

Gustl Stumpf

Vanessa Stahl ist ein Phänomen. Mit 13 erkrankte sie an Leukämie. Für die Schülerin aus Desloch und ihre Eltern ein Schock.

Eine hübsche Fellnase: der belgische Schäferhund Diego, der Vanessa Stahl zum Gespräch mit dem „Oeffentlichen“ begleitete. Als Doktorin ist die ehemalige Leukämiepatientin nun selbst in der Krebsforschung tätig.
Eine hübsche Fellnase: der belgische Schäferhund Diego, der Vanessa Stahl zum Gespräch mit dem „Oeffentlichen“ begleitete. Als Doktorin ist die ehemalige Leukämiepatientin nun selbst in der Krebsforschung tätig.
Foto: Gustl Stumpf

Der Hausarzt hatte bei einer Routineuntersuchung anhand des Blutbildes verdächtige Werte registriert. Vorausgegangen waren Bauchschmerzen und Fieber. An sich nichts Dramatisches bei Mädchen in der Pubertät. Aber die niedrige Menge an Leukozyten, auch weiße Blutkörperchen genannt und wesentlicher Bestandteil des Immunsystems, verheißen nichts Gutes. Und die umgehend eingeleitete Knochenmarkspunktion bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: Leukämie, Blutkrebs.

Ein Jahr später ist Vanessa über den Berg. Sie geht wieder zur Schule, macht das Abi, studiert. 2013 erhält sie ihr Diplom als Physikerin. Anschließend promoviert sie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, macht ihren Doktor (Dr. rer. nat).

Geprägt und motiviert vom eigenen Schicksal forscht Vanessa im Zusammenhang mit Krebs und Fettverbrennung. Eine Geschichte, die unter die Haut geht und zugleich Mut macht. Heute ist Vanessa 29 Jahre jung, spricht offen über die Schreckensnachricht von damals, die Begleitumstände der Krankheit und die Zeit danach.

Ich treffe sie in einem Café in Mainz. Sie ist nicht allein. Diego, ein belgischer Schäferhund, begleitet sie. „Haben Sie Angst vor Hunden“, hatte sie vorsichtshalber schon bei der Verabredung am Telefon gefragt. Kein Ding. Und Diego, der ihrem Freund Christian, einem Doktor der Biologie, gehört, entpuppt sich als absolut liebenswerter gut erzogener Vierbeiner, der geduldig das etwa einstündige Gespräch erträgt, um später bei der kleinen Fotosession ausdrucksstark ins Bild zu rücken.

„Ist die Krankheit endgültig besiegt“, frage ich Vanessa Stahl. „Das weiß man nie“, antwortet sie. „Ein bisschen Angst bleibt immer.“ Doch davon ist in diesem Moment nichts zu spüren. Die mir gegenübersitzende junge Frau wirkt völlig aufgeräumt, mit sich im Reinen. Später wird sie mir verraten, dass die Krankheit auch etwas Positives bewirkt hat. Die Wertschätzung für das ganze Leben habe sich geändert. Kein Wunder: Krankheit und Rückkehr in den Alltag waren alles andere als einfach.

Der Reihe nach. Der eigentliche Leidensweg beginnt im Sommer 2001. Sozusagen aus heiterem Himmel wird Vanessa aus ihrem bisherigen Leben gerissen. Am Dienstag, 21. August, wird sie in die Kinderklinik des Klinikums Idar-Oberstein eingeliefert, donnerstags folgt die niederschmetternde Diagnose, freitags bereits die erste Chemotherapie. Sechs Wochen verbringt Vanessa inklusive Knochenmarkstransplantation auf der Kinderkrebsstation, hat Angst, zu sterben, wie sie im Nachhinein gesteht.

In diese Zeit immer an ihrer Seite: die Mama. Sie lässt sich von ihrer Arbeit als Verwaltungsfachangestellte freistellen, stärkt ihrer Tochter den Rücken. „Wir schaffen das“, zeigt sie Stärke nach außen. Wie's nach innen aussieht, lässt sich nur erahnen. Die Chemo schlägt an, mit allen typischen Begleiterscheinungen. Übelkeit, Haarausfall. Büschelweise kann Vanessa die Locken vom Kopf zupfen. Auch ihre Wimpern verliert sie. Aber sie relativiert: „Das hat mir am wenigsten ausgemacht.“ Eine Perücke kommt nicht infrage. Vanessa trägt lieber Kopftuch. Was die Situation dramatisiert: Sie kann nicht mehr am Alltag teilnehmen. Kein Kinobesuch mit den Freundinnen. Nichts. Die Infektionsgefahr ist zu groß.

Zusätzlich erhält Vanessa Cortison. Das führt auf Dauer zu Gelenkschäden und Arthrosen. Später muss sie sogar an beiden Knien und am Ellenbogen operiert werden. Die 8. Klasse am Paul-Schneider-Gymnasium in Meisenheim verpasst sie komplett, den Unterrichtsstoff aber erarbeitet sie sich zu Hause. Mit Ehrgeiz und dem Ziel, unbedingt bei ihren Klassenkameraden bleiben zu können. Tatsächlich steigt sie in der 9. Klasse wieder ein. Die Mitschüler sind vorbereitet – vom damals behandelnden Arzt Dr. Wenzel Nürnberger, der dafür eigens eine Infoveranstaltung in der Schule initiiert hat. Wichtig für Vanessa, „dass alle, die Krankenschwestern, die Eltern, die Mitschüler, normal mit mir umgegangen sind. Das war mir ganz wichtig“, sagt sie heute.

Der Rest ist schnell erzählt. Vanessa baut ihr Abi, will Medizin studieren, Onkologin werden. Aber der Numerus clausus wird für die Zulassung wohl nicht reichen, glaubt sie. Physik und Mathe sind ihre Stärken, analytisch denken. Also wählt sie Medizinische Physik. Alles läuft wie am Schnürchen: Diplom, Doktortitel mit 28 – nach drei Jahren am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg.

Seit März 2017 arbeitet sie bei BioNTech, einem der führenden Biotechnologie-Unternehmen in Mainz, das sich besonders der Krebsbekämpfung widmet und Impfstoffe entwickelt, die Krebspatienten helfen. Erklärtes Ziel: Immuntherapien zu revolutionieren. „Das macht sehr viel Spaß“, bekräftigt die Doktorin, deren Antrieb aufgrund des eigenen Schicksals größer kaum sein könnte.

Dr. Vanessa Stahl empfindet große Dankbarkeit für all die Wegbegleiter, zu denen Herbert Wirzius zählt, Vorsitzender der Soonwaldstiftung „Hilfe für Kinder in Not“. Mit 13 hat sie ihn im Klinikum Idar-Oberstein kennengelernt. Er kümmerte sich. Seitdem ist der Kontakt nicht abgerissen. Und Vanessa Stahl ist glücklich, nun zurückzahlen zu können: als Botschafterin der guten Taten und als Patientenbeauftragte des Vereins. „Ein schöne Verpflichtung“, versichert sie, engagiert sich auch bei der Tour der Hoffnung, sammelt Spenden und will all denen Mut machen, die von der heimtückischen Krankheit betroffen sind. So wie sie als junges Mädchen, das ebenfalls schreckliche Angst hatte, aber nie aufgab.

Von unserem Redaktionsleiter Gustl Stumpf

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