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Mainz

Große Koalition unter dem Messer

„Meine Erfahrung ist ja die“, sagte die Kanzlerin, „dass Rückgrat in der Politik oft stört.“ Angela Merkel ist frisch aus Berlin gekommen und berichtet gewohnt nüchtern von der abgeschlossenen „Paartherapie“ mit SPD-Chef Martin Schulz und verspricht: „Ich lege jetzt nicht die Raute in den Schoß.“ Mit großartiger Mimik, Gestik und Maske parodiert in diesem Jahr der Mainzer Zahnarzt Florian Sitte die CDU-Kanzlerin – und wird damit zum großen Abräumer bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht.“

Vier Stunden lang fahren die Mainzer Narren am Freitag vor Fastnacht auf, was die Kampagne zu bieten hat. Heraus kommt in diesem Jahr eine rasante Mischung mit viel Mainzer Kokolores, beißender Polit-Kritik und allerlei schwungvollen Elementen jüngerer Fastnachtsnarren. Seit 1973 wird die älteste aller Fernsehsitzungen im Wechsel von SWR und ZDF ausgetragen – in diesem Jahr ist das ZDF an der Reihe.

Und das setzt auf eine bunte Mischung aus traditionellen Elementen und frischen, neuen Gesichtern: Da gibt die junge Band „Handkäs und sei Musigg“ um Frontmann Oliver Wiesmann mit einer Swing-angehauchten Rosenmontags-Hommage ihren Einstand auf der großen Fernsehbühne. Die musikalische Klasse der Meenzer Fastnacht zeigt auch Oliver Mager: Zurück nach einer Fastnachtsauszeit bringt er den Saal gleich zu Beginn der Sitzung auf närrische Betriebstemperatur.

Danach folgt direkt der erste Höhepunkt: Friedrich Hofmann als „Till“. Im vergangenen Jahr gab der SWR noch Protokoller Erhard Grom den Vorzug, die Pause hat dem „Till“ offenbar gut getan: Mit geschliffenen Reimen gibt der Eulenspiegel von der Reichstagskuppel den Politikern saftige Kritik mit und seziert höchst aktuell die GroKo-Verhandlungen. Da kommt Merkel als Schwarze Witwe daher, die ihre Partner nach dem Beischlaf frisst, Schulz rettet sich als Flüchtling ins Außenamt, und Bayerns Löwe Horst Seehofer endet als Schmusekater auf Muttis Schoß.

In Sachen AfD schreibt der Narr den Protestwählern ins Stammbuch: „Demokratisch gewählt – das war auch Hitler anno 33“, erinnert der „Till“ und warnt vor dem „abgestandenen braunen Mief“ der neuen „Volksverhetzer“ von rechts. Wie schon im Vorjahr, so wird auch anno 2018 die Demokratie aus der Narrenbütt verteidigt: „Unser wichtigstes Gut, vergesst das nie, das sind Freiheit und Demokratie“, mahnt „Obermessdiener“ Andreas Schmitt am Ende.

Schmitt, der wieder souverän als Sitzungspräsident durch die Sendung führt, erinnert auch an die Drohbriefe und Hassmails, die er wegen seiner Verse über die AfD noch immer bekommt, und verspricht: „Viele haben das Hakenkreuz im Stempel, und diese Bagage jagen wir aus dem Tempel!“ „Wir müssen die Welt retten, eigentlich sofort“, seufzt auch Lars Reichow, der Kabarettist nimmt SPD, GroKo, Jusos und gleich auch noch das Weltgeschehen satirisch höchst gekonnt aufs Korn.

Um die politischen Redner herum gruppiert das ZDF die traditionellen Kokolores-Redner. Von Jürgen Wiesmann über „Polizist“ Alexander Leber bis hin zu „Bio-Lehrer“ Schönauer ist da viel von Nostalgie und der guten alten Zeit mit analogen Telefonen und Facebook-Skepsis die Rede. Und mancher Witz geht ausgerechnet in Zeiten der Metoo-Debatte gehörig unter die Gürtellinie – braucht man wirklich noch Witze über wuchernde weibliche Achselhaare?

Selbst die einzige Frau in der Bütt, Sabine Pelz, kommt ohne solche Kalauer nicht aus, dabei hätte sie das gar nicht nötig: Grandios nimmt die „Chefhostess“ das marode Mainzer Rathaus samt Politik auseinander. Überhaupt legt die Sendung ein gehöriges Tempo vor, die „Schnorreswackler“ rocken mit ihrem „närrischen Bundestag“ das Kurfürstliche Schloss. Für den emotionalen Höhepunkt aber sorgt nach gut zwei Stunden eine Ikone der Mainzer Fastnacht: Margit Sponheimer bringt mit einem Medley ihrer größten Hits den Saal zum Beben – eine Verneigung vor der gerade 75 Jahre alt gewordenen frisch gebackenen Ehrenbürgerin von Mainz. Dann singt „Es Margittsche“ auch noch als Zugabe das Lied, das ihr Toni Hämmerle einst auf den Leib schrieb, und das „Meenzer Mädche“ sorgt für einen historischen großen Gänsehautmoment bei „Mainz bleibt Mainz“ 2018. Zu sehen ab 20.15 Uhr live im ZDF.

Von unserer Mitarbeiterin Giselas Kirschstein

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