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Bad Kreuznach

Evet oder Hayir? Über Politik spricht man nicht mit jedem

Carsten Zillmann

Evet oder Hayir? Ja oder nein? In der Sprendlinger Gasse, keine 100 Meter vom Bad Kreuznacher Hauptbahnhof entfernt, diskutieren zwei Männer mit ausladenden Gesten. Beide tragen Bundfaltenhosen in gedeckten Farben, dazu Hemden. Die Frühlingssonne fällt zum zweiten Mal in diesem Jahr zwischen die eng stehenden Reihenhäuser. Die beiden Herren sprechen Türkisch miteinander.

Im Pariser Viertel nicht ungewöhnlich. 35 Prozent der Einwohner haben keinen deutschen Pass. Türken stellen den größten Anteil. Worüber sie sprechen, verstehen die Passanten nicht. Doch selbst wenn sie über das wichtige Referendum in ihrem Heimatland streiten, würde es wohl niemand erfahren. „Mit Ihnen spricht keiner über Politik“, sagt Kenan Genc. „Wenn ich aber Türken treffe, gibt es überhaupt kein anderes Thema. Es gibt die Erdogan-Gegner und seine Anhänger. Mit Deutschen mögen die meisten darüber aber nicht sprechen.“

Supermarkt als Treffpunkt

Er selbst sagt „hayir“, also nein. Genc ist rund 50 Jahre alt, trägt einen grauen Bart. Der Schneider betreibt einen Laden in der Römerstraße. Über seinen Schultern hängt stets ein Maßband. Stammkunden begrüßt er gern mit einer Umarmung. Genc ist Vorsitzender des Alevitischen Kulturzentrums und Volkskulturhauses Bad Kreuznach. Die Entwicklung in der Türkei treibt ihn um. Seine Mutter und sein Bruder leben dort. Er selbst hat Istanbul vor 15 Jahren verlassen. Istanbul ist für ihn Taksim. Weltoffen, westlich. „Aber es gibt auch Viertel, die sind wie der Orient.“ Genc sieht sich der CHP nahe. Die Republikanische Volkspartei wurde 1929 von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk erschaffen. 1980 wurde sie nach einem Militärputsch verboten. Seit 1992 kämpft sie wieder für sozialdemokratische und kemalistische Politik. Unter Türken in Deutschland hat die Partei es schwer.

Läuft man von Gencs Ladengeschäft über die Römerstraße in Richtung Planiger Straße, fällt schon von Weitem ein Lebensmittelgeschäft ins Auge. Eine Verkehrsberuhigung verdichtet die Einbahnstraße an dieser Stelle wie einen Trichter. Alles mündet in die Auslagen des Tascilar Supermarkts, den die Familie Tasci hier betreibt. Der Supermarkt ist das Zentrum des türkischen Lebens im Pariser Viertel. Außen lädt Obst und Gemüse zum Einkauf ein. Innen führen zwei lange Gänge zu weiteren frischen Zutaten. Sie sind das Markenzeichen des Geschäfts. Kräuter und Gewürze liegen bereit. Die Minze in Bünden. So reichhaltig, dass Familien ihren Tee damit über Wochen verfeinern können. Der Supermarkt hat eine eigene Bäckerei, eine Metzgerei, bietet Süßigkeiten in allen Formen an. Eben alles, was man so benötigt. Und sogar noch mehr als das. Schafskäse etwa. In 1-Kilo-Dosen. Oder besonders scharfe Pasten zum Abschmecken der Gerichte. Und das alles in türkischer Schrift.

Okay, fast alles. Nur die Coladosen, die im Kühlschrank stehen, gleich neben der Kasse, an der sich die Kunden in einer Schlange gedulden, sind vom bekannten Weltmarktführer. Auch Christiane Baria kauft hier regelmäßig ein – wegen der frischen Kräuter. Sie hat wenig Verständnis, wenn Deutsche den Laden meiden: „Sie essen Börek und Döner, hetzen aber über die Menschen. Furchtbar!“ Baria findet den Kulturmix gut. „Sie bringen sich ja auch wirtschaftlich ein“, sagt sie. „Die schaffen wie die Verrückten.“

Doch die Kunden sind ohnehin nicht nur wegen der Produkte hier. Sie bleiben länger im Supermarkt, als sie für den eigentlichen Einkauf müssten. Lange stehen zwei Männer zwischen den Regalen. Beide haben gerade gezahlt. Jetzt wird viel gelacht. „Das hier ist Gasthaus, Lokal, Treffpunkt“, sagt einer von ihnen. Ishan Ersoy kennt das Pariser Viertel schon lange. Der ehemalige Fußballprofi kommt auch, um Freunde zu treffen. „Ihn dadrin“, sagt er und deutet Richtung Bäckereitheke, „habe ich schon seit einem Jahr nicht getroffen. Hier trifft man sich und kennt sich.“

Das ist kein Zufall. Die Familie Tasci ist eine von zwei Großfamilien im Pariser Viertel, der Markt ein echter Familienbetrieb. Um die Ecke liegt das Restaurant von Mücahit Senel, den alle nur Yasin nennen. Senel heißen in Bad Kreuznach rund 150 Familien, schätzt Mehmet, Yasins jüngerer Bruder. Das Restaurant heißt „Gümüs“. Namensgebend ist der Ort Gümüshane. Die 50.000-Einwohnerstadt liegt in der gleichnamigen Provinz zwischen vier Bergen, wie Mehmet Senel lachend schildert. Sein Opa kam als Gastarbeiter nach Deutschland. Senel gehört zur viel beschriebenen dritten Generation. Er selbst ist zwar in Gümüshane geboren, kam aber mit vier Monaten nach Bad Kreuznach. Sein Deutsch ist vollkommen akzentfrei. „Ich fühle mich hier total akzeptiert und lebe gern hier“, sagt er. Eigentlich wollte die Familie damals schnell wieder zurück nach Nordost-Anatolien. „Aber wer einmal in Kreuznach ist, bleibt dort.“

So ging es vielen. Was von der alten Heimat bleibt, sind tolle Sommerurlaube – und nicht selten eine gewisse Sympathie für die AKP; die Partei von Recep Tayip Erdogan. In der Provinz Gümüshane wählten 68,9 Prozent der Menschen bei der türkischen Parlamentswahl die AKP. Weitere 22,65 Prozent machten ihr Kreuz bei der ultrakonservativen MHP, die nicht wenige als rechtsextrem einstufen. Im Mainzer Konsulat, zuständig auch für Bad Kreuznach, waren es knapp 60 Prozent, die für die Erdogan-Partei stimmten.

Kenan Genc kennt in Bad Kreuznach viele Anhänger der AKP. Mit deren Ideen kann er überhaupt nichts anfangen: „Wir dürfen hier in Deutschland frei sprechen, fühlen uns wohl und sind mit unserem Leben sehr zufrieden.“ Die Nazivergleiche nennt er einfach „Unsinn“. Er wünscht sich so schnell wie möglich eine Rückkehr zu Prinzipien wie Laizismus, also der strikten Trennung von Staat und Religion. „Außerdem muss es aufhören, dass Studenten, Akademiker und Journalisten eingesperrt werden“, sagt er mit ernster Stimme. Er ist vom Thema persönlich betroffen.

Genc kennt die Familie des inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel, die aus Flörsheim bei Frankfurt stammt. Immer wieder wird deutlich, wie sehr ihn die politischen Ansichten seiner Landsleute ärgern: „Hier wählen sie linke Parteien: SPD, Grüne, Linke. In der Türkei machen sie Werbung für Erdogan.“

Zufrieden? Das trifft sicher nicht auf alle Menschen zu. Das Pariser Viertel ist auch nach acht Jahren im Programm „Soziale Stadt“ ein Problemquartier. Marode Gebäude stehen hier. Mit der Viktoria-, Kilian- und Planiger Straße durchschneiden drei Verkehrsachsen das Viertel. Teils wird gerast. Von der Grundschule in der Hofgartenstraße, die viele Kinder besuchen, schaffen nur 20 Prozent den Übergang auf ein Gymnasium. Die Jugendgerichtshilfe zählte 2009 allein 40 Strafverfahren gegen Jugendliche Täter. Das entspricht 15 Prozent der 14- bis 21- Jährigen im mit Abstand kinderreichsten Viertel der Stadt. Vor einem anderen beliebten Restaurant sitzt ein 22-Jähriger in seinem Kleinwagen. Er präsentiert sich im Internet als Rapper. Gerade läuft ein Gerichtsverfahren gegen ihn: Sieben Straftaten hat er gestanden. Ein weiteres Indiz für die Probleme im Viertel: Bei den Empfängern von Transferleistungen liegt die Gegend deutlich über dem Durchschnitt der Stadt.

Die neuen „Gässjer“

Trotzdem fühlen sich die Einwohner ausgesprochen wohl. „Jeder kennt jeden“, sagt Mehmet Senel. Kleinstädtisch eben, ein bisschen auch wie Gümüshane. Wie zum Beiweis schüttelt er einem älteren Passanten mit weißem Haar, Typ: echtes Gässje, die Hand. Die schmalen Gassen im Viertel hatten den Kreuznachern diesen Spitznamen überhaupt erst eingebrockt. Sie wurden aber praktisch „weggespült“. Im Zuge des Nahehochwassers zogen sie in andere Wohngebiete. Die beschädigte Bausubstanz war billig zu haben.

Das Viertel erlebte eine umgekehrte Gentrifizierung: Entlang der erodierenden Prachtstraße, der Viktoriastraße, sammelten sich viele Familien mit Migrationshintergrund, bauten dort ihre Strukturen. Wie die Gässjer, deren strammer Dialekt für Außenstehende wohl schwer verständlich war, gehört dazu eine sprachliche Komponente. „Man kommt im Pariser Viertel nur mit Türkisch durchaus gut zurecht“, sagt die Quartiersmanagerin Juliane Rohrbacher. Im Strategiepapier von 2010 ist davon die Rede, dass die Familien ihren Heimatort „rekonstruiert“ hätten.

Moschee als Integrationsobjekt

Das erscheint gerade beim Gedanken an den Senel-Clan aber abwegig. Die Familie ist ein Beispiel für gelungene Integration. Yunus Senel sitzt für die SPD im Stadtrat, ist Finanzbeamter. Er beklagte sich im Streit um einen Moscheebau bitter: „Ich gehe hier immer zum Bäcker“, sagte er damals. „Jetzt ist in der Türkei ein Putsch und ich werde manchmal angefeindet. Das macht mich traurig.“

Auch bei Mehmet Senel klingt Frust heraus, wenn es um eine echte Glaubensfrage geht. Die türkisch-islamische Gemeinde, ein Ditib-Ortsverein, trifft sich in einer viel zu kleinen Moschee in der Mühlenstraße. Der Neubau, inzwischen auf Eis gelegt, war im Industriegebiet geplant. „Gibt es eine Kirche im Industriegebiet?“, fragt Mehmet Senel. „Ich finde das nicht gut. Ich würde gern hier in der Gegend bleiben. Wir gehören hierher – in die Stadt. Nicht nach da draußen. “

Dieses Gefühl kennt der Koblenzer Sozialforscher Prof. Dr. Stephan Bundschuh. „Die Religion dieser Menschen anzuerkennen, ist ein Schritt, sie anzuerkennen. Ein längst überfälliger, wenn sie mich fragen“, unterstreicht er.

Von Carsten Zillmann und Christoph Erbelding

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