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Lahnstein

Lob, Kritik und Visionen aus der Kulturszene

Dutzende, nein Hunderte Ehreamtliche sind das ganze Jahr über bemüht, Lahnsteins guten Ruf als kulturelle Hochburg des Kreises zu verteidigen. Doch ist wirklich alles rosarot in der Kulturszene?

Lahneck Live, das Kulturfestival in Lahnstein ist in jedem Jahr ein Publikumsmagnet.
Lahneck Live, das Kulturfestival in Lahnstein ist in jedem Jahr ein Publikumsmagnet.

Von Tobias Lui und Karin Kring

Gibt es Probleme, Defizite? Wir haben einigen Protagonisten der Kulturszene einen kleinen Fragenkatalog zugeschickt – und teils überraschende, teils spannende Antworten bekommen. Geantwortet haben Günter Groß, der Vorsitzende des Kur- und Verkehrsvereins (KVL), Markus Graf, Mitglied Projektgruppe Lahneck Live/Bluesfestival, Günter Sporenberg, der Vorsitzende des Männerchors Frohsinn, und Helmut Hohl, Chef des Carneval Comités Oberlahnstein.

Lahnstein 2016: Wie wohl fühlt sich ein kulturell interessierter Mensch?

Günter Groß: Wir haben ein breit gefächertes Angebot. Nein – ich vermisse nichts: im Gegenteil. Ich kann gar nicht alles wahrnehmen.

Helmut Hohl: Das Angebot ist zahlenmäßig geringer geworden – zumindest, was öffentliche Feste angeht – qualitativ allerdings (bis auf wenige Ausnahmen) durchaus anspruchsvoller.

Günter Sporenberg: Das Angebotsspektrum könnte etwas breiter aufgestellt sein, sowohl was die Quantität als auch Qualität betrifft.

Markus Graf: Die Zahl der Veranstaltungen im Kulturbereich ist leider recht überschaubar. Dafür zeichnen sich diese Angebote durch eine gute Qualität aus.

Was konkret vermissen Sie am kulturellen Leben in Lahnstein?

Groß: Kultur ist nicht zum Nulltarif zu haben. Hier und da wäre mehr finanzielle Unterstützung sinnvoll.

Hohl: Mich stört ein wenig die fehlende Toleranz der Leute. Heute denkt jeder einfach nur an sich, da werden öffentliche Veranstaltungen oft nur als laut und störend oder als ,schmutzanziehend' empfunden – keine schöne Entwicklung in unserer Gesellschaft.

Sporenberg: Ich vermisse mehr Klassikkonzerte mit Sinfonieorchester, zum Beispiel die Rheinische Philharmonie. Aber auch Klavierkonzerte oder Instrumentalsolisten, Operette, Operngastspiele, Gesangssolisten. Rock- und Popkonzerte werden ja auch regelmäßig angeboten. Was außerdem fehlt, ist ein Heimatmuseum, um die Stadtgeschichte so darzustellen, dass die Einheimischen ihre eigene Geschichte verstehen und die Touristen was zu schauen haben.

Graf: Es gibt mit Ausnahme des Freitagsprogramms bei Lahneck Live und Farbrausch kein Angebot für die junge Generation.

Mit welchen Problemen muss sich ein in der Kultur engagierter Lahnsteiner heute auseinandersetzen?

Groß: Speziell als KVL-Vorsitzender nerven mich "Nebenkriegsschauplätze". Wenn es einem Nachbarn an einem Tag im Jahr zu laut ist, müssen wir Ehrenamtler uns Tage mit solchen Problemen auseinandersetzen. Dafür haben wir weder Zeit noch Lust.

Hohl: Die Anforderungen werden immer größer, unabhängig davon, dass alles teurer wird. So sind die Auflagen, gerade in puncto Sicherheit, um ein Vielfaches gestiegen. Dies erfordert Zeit und Geld.

Sporenberg: Für engagierte ehrenamtlich tätige Vereine sind die Kosten der Anmietung der Stadthalle einfach zu hoch. Für unser jährliches Chor- und Solistenkonzert müssen wir zwischen 1000 und 1500 Euro zahlen.

Graf: Die Nähe zu Koblenz ist ein Problem. Hilfreich wäre ein auf lokaler Ebene angesiedeltes Kulturforum, welches die Kulturschaffenden besser vernetzt und eine gemeinsame Strategie entwickelt.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit der Verwaltung?

Groß: Verwaltungen bestehen aus Menschen. Die meisten, mit denen ich zu tun habe, sind engagiert und lösungsorientiert.

Hohl: Wir haben bei der Hallenverwaltung zum Glück jemanden sitzen, der das Veranstaltungsgeschäft seit Jahrzehnten mitgemacht hat und uns Vereine bestens unterstützen kann. Aber auch andere Verwaltungsstellen helfen, die Kontakte sind hier über viele Jahre gewachsen.

Zwei Legenden stehen beim Bluesfestival auf einer Bühne: Bill Wyman, früher Bassist der Rolling Stones, der den Bluespreis bekommen hat, und Fritz Rau, legendärer Impresario und Veranstalter.
Zwei Legenden stehen beim Bluesfestival auf einer Bühne: Bill Wyman, früher Bassist der Rolling Stones, der den Bluespreis bekommen hat, und Fritz Rau, legendärer Impresario und Veranstalter.

Sporenberg: Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, hier insbesondere mit dem Hallenmanagement, ist sehr gut.

Graf: Die Zusammenarbeit ist okay, könnte aber in manchen Bereichen professioneller gestaltet werden. Hilfreich wäre ein Kulturbeauftragter, der sich als Schnittstelle für die Kulturschaffenden versteht und ein spartenübergreifendes Verständnis von Kultur hat.

Die Welt verändert sich: Glauben Sie, dass andere Kulturkreise (zum Beispiel die der Flüchtlinge) künftig stärker auf das kulturelle Leben der Stadt Einfluss nehmen werden?

Groß: Um Einfluss nehmen zu können, bedarf es zunächst der Inte- gration. Unabhängig von der aktuellen Flüchtlingssituation ein Thema, das uns seit Jahren beschäftigt. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr hier lebende Ausländer unser kulturelles Angebot annähmen.

Hohl: Gerade im Bereich der Jugendarbeit stolpere ich immer öfter über Namen, die ich nur schwer aussprechen kann. Schon seit vielen Jahren ist gerade die Jugendarbeit eine gelebte Integration. Den Kindern und Jugendlichen ist es gleich, wo jemand herkommt und welchen Glauben er hat, man will einfach gemeinsam dem Hobby mit Freude nachgehen.

Sporenberg: Wie wäre es mit einem "Festival der Kulturen", bei dem sich alle mit Musik, Gesang, Tanz und landesüblichen Gebräuchen einbringen?

Graf: Ich denke, dass multikulturelle Vielfalt möglich ist. Dafür müssten aber die vor Ort untergebrachten Flüchtlinge mit einer mindestens mittelfristigen Perspektive vor Ort sein. Erste sehr positive Ansätze gibt es bereits, unter anderem im Jugendkulturzentrum.

Ihre Vision der Kultur des Jahres 2030 in Lahnstein.

Groß: Es wäre für mich ein Riesengewinn, wenn wir die bisherigen Angebote beibehalten und vielleicht sogar ausbauen könnten. Allerdings sehe ich die Ehrenamtlichkeit bereits an der Grenze. Weitere gesetzliche Vorgaben und immer weniger finanzielle Mittel für Kultur könnten aber auch ein geringeres Angebot zur Folge haben.

Die Städtische Bühne verzaubert die Menschen – auch mit Märchenaufführungen (hier „Aschenputtel“).
Die Städtische Bühne verzaubert die Menschen – auch mit Märchenaufführungen (hier „Aschenputtel“).

Hohl: Ich bin mir sicher, dass es das größte Fest – den Karneval – noch geben wird! Die Themen, die aufgegriffen werden, werden sicher andere sein, aber die Menschen werden sich das Feiern nicht verbieten lassen. Lahneck Live wird sicher mit Taschenkontrollen und Scannern vor den Unterführungen zum Rhein konfrontiert sein, und auf dem Bahndamm patrouillieren die Securityleute. In der Stadthalle werden nach wie vor Konzerte und Veranstaltungen aller Art stattfinden, auch hier ist neue Technik an den Türen installiert. Soweit die Vision. Doch was wir heute schon tun können: Wir müssen das Brauchtum lebendig halten, die Traditionen weiterentwickeln. Ohne unsere traditionellen Wurzeln zu vergessen, müssen wir aufgeschlossen sein für neue Ideen und Einflüsse.

Sporenberg: Ich wünsche mir ein saniertes "Altes Rathaus" mit barrierefreiem Anbau, in dem unsere lokale Geschichte lebendig und modern dargestellt wird, die Mitbürger sich ehrenamtlich als Gästeführer und Aufsicht engagieren, Baare und Heinze über ihre einstigen Berührungsängste nur noch lachen und die 700-Jahrfeier der Stadterhebung (2024) in guter Erinnerung halten.

Graf: Wünschenswert wäre ein breites, stil- und generationenübergreifendes ganzjähriges Kulturangebot. Schön wäre eine entsprechende Spielstätte, wie zum Beispiel eine kleine, fest installierte Bühne in den Rheinanlagen und natürlich auch eine kleine bis mittlere Spielstätte für Livemusik.

Lahnstein 2030: Tourismus
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