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    Wenn das Geld fürs Essen fehlt

    In Berlin sorgt der Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichts gegenwärtig für koalitionären Zwist, an der Basis jedoch quälen sich viele arme Menschen mit ganz realen Sorgen. Zu denen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen, gehören vor allem ältere Männer und Frauen. Eine von ihnen ist Elke Thal aus Wissen.

    Wissen - In Berlin sorgt der Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichts gegenwärtig für koalitionären Zwist, an der Basis jedoch quälen sich viele arme Menschen mit ganz realen Sorgen. Zu denen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen, gehören vor allem ältere Männer und Frauen. Eine von ihnen ist Elke Thal aus Wissen.

     

     

    Sie hat uns von ihrer Not berichtet, möchte aber ihren richtigen Namen aus verständlichen Gründen nicht in der Zeitung lesen. Die Frau, nennen wir sie also Elke Thal, ist 64 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, seit langem arbeitslos. Die Mutter zweier erwachsener Töchter lebt allein in einer Mietwohnung in Wissen. Die Räume sind klein, aber adrett und gemütlich - allerdings meilenweit entfernt von ihrem vormaligen Leben im begüterten Mittelstand. Der erste Bruch kam, als ihr Lebenspartner, ein selbstständiger Unternehmer, tödlich verunglückte. Der zweite Einschnitt folgte, als vor vier Jahren ihre Mutter starb, mit der sie bis dahin zusammengelebt hatte. Deren Rente fehlte nun in der Haushaltskasse. Dazwischen liegen "bergeweise Bewerbungen", sagt Elke Thal, "alle ohne Erfolg." Erfahrungen in der Buchhaltung hatte sie zwar, es mangelte jedoch an frischen Computerkenntnissen. Ihre ab und an auftretenden gesundheitlichen Einschränkungen (Rheuma/Arthritis) schmälerten die Chancen als Ü50-Arbeitssuchende obendrein, und die Arge stufte sie als nicht vermittelbar ein.

    Beklemmt, aber auch ehrlich spricht Elke Thal von ihrem "sozialen Abstieg". Den düsteren Phasen hat sie sich mit innerer Kraft entgegengestellt, hat eisern gespart, auch am Essen: "Früher gab es Wochen, in denen ich mit zehn bis zwölf Euro für Lebensmittel auskommen musste. Viel mehr als Milch, Haferflocken und eventuell ein paar Eier konnte ich mir nicht leisten." Wenn Elke Thal "früher" sagt, schwingt darin eine große Portion Erleichterung mit, denn die Hartz-IV-Empfängerin hat in der Wissener Tafel Hilfe und Halt gefunden.

    Im vergangenen Dezember überwand sie ihre Scheu und ging erstmals zur Tafel. Jeden Freitag können sich Bedürftige im evangelischen Gemeindehaus mit einer frisch gekochten Mahlzeit stärken und erhalten darüber hinaus Lebensmitel für die kommenden Tage. "Pro Woche haben wir dank verlässlicher Spender etwa eine Tonne Lebensmittel zur Verfügung", sagt Franz-Josef Link vom ehrenamtlichen Tafel-Team. Auf diese Gaben möchte auch Elke Thal heute nicht mehr verzichten, dabei widerstrebte ihr dieser Gang zu Beginn sehr. Sie habe gedacht: "Es gibt doch Andere, die noch ärmer sind als ich." Irgendwann musste sie sich aber selbst eingestehen: "Es geht finanziell nicht mehr."

    374 Euro stehen Elke Thal monatlich aus dem Arbeitslosengeld (ALG II) in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) zur Verfügung -  umgangssprachlich oft als Hartz IV bezeichnet. Im kommenden Jahr wird sie 65 Jahre alt, doch die Hoffnung auf eine auskömmliche Rente ist gering. Rund 520 Euro hat ihr die Behörde als Rente ausgerechnet, deutlich unter dem Satz von derzeit 686 Euro monatlich für die Grundsicherung im Alter. Sie wäre also weiter auf staatliche Hilfe angewiesen.
    Dieses gesellschaftliche Problem werde sich in Zukunft dramatisch verschärfen, prophezeit Franz-Josef Link. Leiharbeit und der wachsende Niedriglohnsektor führten zwangsläufig in die Altersarmut, nennt er als Grund. Manche Kunden stünden schon heute auf dem Standpunkt: „Die Tafel steht uns zu“. Link spitzt zu: „Wir nehmen der Politik Arbeit ab, denn das Volk bleibt ruhig.“
    Für sie persönlich, so Elke Thal, habe die Tafel eine zweite Dimension: „Das ist d e r soziale Kontakt außerhalb der Familie.“ Sie tausche sich mit anderen Tafelkunden über die ewig gleichen Probleme aus. Gespräche zeigten, dass vor allem Arbeitslosigkeit, Schulden oder Krankheit das Leben vieler Menschen in Schieflage brächten. Nicht zu vergessen Scheidung, Trennung oder Tod eines Partners. Elke Thal: „Ansonsten ist man mit Hartz IV oder einer kleinen Rente sozial isoliert. Wer kein Geld hat, um zum Beispiel kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, bleibt gesellschaftlich außen vor.“ Selbst gut gemeinte Einladungen lehne sie zumeist ab, da sie das Gefühl, ausgehalten zu werden, nicht möge.
    Die Tafel hilft also nicht nur mit Brot, Obst und Gemüse. Gleichwohl, so Franz-Josef Link, treffe die Tafel nach wie vor auf Vorurteile und Neid. Beschämend sei das Verhalten einzelner Bürger, die regelmäßig freitags zur Ausgabezeit mit dem Auto vorbeifahren und schauen, wer dort ein und aus geht. Die Wissener Tafel, die Anfang 2009 mit 45 Kunden begann und heute 300 Zugangsberechtigte zählt (den Ausweis vom Sozialamt gibt es bis zu einem Einkommen von 799 Euro), wird durchschnittlich von 160 Personen pro Woche besucht. Darunter sind mehr als ein Viertel Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Eine statistische Stichprobe aus diesem Monat (siehe Grafik) zeigt aber auch unübersehbar Indizien für die verbreitete Altersarmut: Jeder vierte Tafelgast ist 61 Jahre oder älter. Die größte Gruppe bilden die 61- bis 70-Jährigen, überwiegend sind es Frauen. „Wir wissen aber auch“, ergänzt Link, „dass bedürftige, ältere Leute oft nicht zur Tafel gehen, weil sie sich schämen.“ Unberechtigte Scham, wie Elke Thal heute weiß. Elmar Hering

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