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Kreis Altenkirchen

Seit 100 Jahren ist Politik weiblich: Das denken Frauen im Kreis Altenkirchen

Natalie Simon

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und sich wählen lassen. Ein Recht, für das viele Frauen und auch Männer lange gekämpft hatten. Heute ist das Wählen ab 18 Jahren für alle eine Selbstverständlichkeit. Doch von einer zahlenmäßig gleichen Vertretung beider Geschlechter sind wir auch im Kreis Altenkirchen auf allen politischen Ebenen und in allen Gremien noch weit entfernt. Die RZ hat mit drei Frauen über Mitmachen, Vorbilder und den Faktor Zeit gesprochen.

Letzteren machen Petra Stroh, die seit 1994 dem Kreistag angehört, Rosi Puderbach, seit neun Jahren Ortsbürgermeisterin von Bürdenbach, und die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Altenkirchen, Julia Bieler, als einen der Hauptgründe aus, warum Frauen auch heute noch nicht anteilig politisch vertreten sind. Im heutigen verdichteten Arbeitsleben und mit der Doppelbelastung Familie/Beruf sicher ein Faktor. Aber Frauen setzen auch andere Prioritäten, wie Rosi Puderbach zu bedenken gibt. Das können zum Beispiel Kindergarten- oder Schulelternbeiräte sein. Julia Bieler gibt zu bedenken, dass viele vielleicht auch nicht wissen, was sie erwartet. Stichwort fehlende Vorbilder. In Puderbachs Familie war und ist kommunalpolitisches Engagement die Normalität. „Da mich das Geschehen vor Ort interessiert, habe ich mich um ein Mandat beworben“, folgte die logische Konsequenz. Aber wer noch nie daheim aus dem Rat erzählen gehört hat, für den ist das eben ganz weit weg.

Für Petra Stroh hat Demokratie schon immer Mitmachen bedeutet, darum engagiert sie sich bereits seit Schulzeiten und freut sich über das „Anregende“ und die vermeintlich kleinen Dinge, bei denen etwas bewegt werden kann. Sie verweist aber auch darauf, dass im politischen Betrieb männergeprägte Rollenbilder noch immer dominieren. Stroh spricht von einer „vielschichtigen Gemengelage“ – angefangen damit, dass Frauen allein stimmlich nicht immer „gehört“ werden und gerade im politischen Austausch Männerbündnisse noch gut „ausschließend“ funktionieren. Auch die Frage, wie das denn familientechnisch mit dem politischen Engagement funktioniert, bekämen männliche Ratskollegen nicht gestellt. Stattdessen werde mit dem obligatorischen Blumenstrauß für die Partnerin, die stets den Rücken freihält, Rollenbilder zementiert.

Tief greifende gesellschaftliche Umwälzungen passieren und verfestigen sich eben über Generationen hinweg. Viele Menschen arbeiten daran, dass der Wandel weitergeht. Auch Julia Bieler versucht, mehr Frauen für ein politisches Amt zu gewinnen. In Planung ist derzeit eine Zusammenarbeit mit der Volkshochschule. Eine Plattform soll geschaffen werden, auf der politisch aktive Frauen anderen Frauen von ihrer Arbeit berichten können. Dass der Aufbau von Frauennetzwerken einen zusätzlichen Zeit- und Kraftaufwand erfordert, weiß Petra Stroh. Was bei den Männern über Jahrtausende gewachsen ist, lässt sich nicht in 100 Jahren aufholen.

Eine pragmatische Sichtweise erleichtert aber vieles. Wie die von Rosi Puderbach: „Ich sehe meine Tätigkeit als Ortsbürgermeisterin nicht speziell als ,Frau', sondern als Mensch, der sich für das politische Leben im Ort engagiert.“ Die Gleichstellungsbeauftragte verweist auf die Vorteile, die es für unsere Demokratie bringt, wenn unterschiedliche Meinungen und Blickwinkel diskutiert werden. „Ich fände es schön, wenn Frauen aller Altersklassen sich mit ihrer Lebenserfahrung einbringen würden“, sagt Julia Bieler.

Sie beobachtet allerdings, dass bei jungen Menschen oftmals der Anschein bestehe, dass es keine großen Unterschiede mehr gibt. Doch die Gehaltsunterschiede und die gläserne Decke zu Führungspositionen seien nach wie vor Realität. Aber traditionelle Denk- und Verhaltensmuster treffen auch Männer. „Die Männer müssen sich auch befreien von alten Rollenmodellen“, findet Bieler. Die werden bereits im Kindesalter weitergegeben und geprägt. Und obwohl die heutige Erziehung mit der vor 100 Jahren kaum zu vergleichen ist, bestimmen die typischen Rollenmuster – wenn auch nicht mehr so absolutistisch – unsere Gesellschaft.

Viel erreicht ist trotzdem, viele alte Zöpfe sind abgeschnitten. In Sitzungen fällt nicht mehr automatisch die Begrüßungsformel „Meine Herren“, und dass die weiblichen Kreistagsmitglieder für die männlichen Kollegen Plätzchen für die letzte Jahressitzung backen, ist auch Geschichte. „Das ändert sich zwar behutsam, aber es mangelt noch häufig an Selbstverständlichkeiten“, ergänzt Kreistagsmitglied Stroh. Sie berichtet auch, wie viele weitere Ehrenamtliche, von einem veränderten Ansehen ehrenamtlichen Engagements, dem sich Frauen vielleicht auch nicht aussetzen wollen. „Zunehmende Individualisierung und Anspruchshaltung führen mittlerweile dazu, dass selbst auf kommunaler Ebene politisches Engagement schon lange nicht mehr goutiert, sondern häufig sogar diffamiert wird, persönliche Anfeindungen inklusive“, berichtet Stroh.

Die erzielten Errungenschaften der vergangenen 100 Jahre, Zeitmangel, Verdichtung im Arbeitsleben – diese Faktoren erschweren heute die Gleichberechtigung. Aber trotzdem, so Stroh, ist und bleibt völlige Gleichberechtigung eine wichtige Aufgabe. Wie die umgesetzt werden kann? „Das Erreichte bewahren und den Blick nach vorne richten“, meint die Gleichstellungsbeauftragte.

Von unserer Reporterin Natalie Simon

Altenkirchen Betzdorf
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