Archivierter Artikel vom 29.12.2021, 19:30 Uhr
Limburg-Weilburg

Protest in Limburg: Impfgegner täuschen erneut Spaziergang vor

Am Montagabend sind in Weilburg etwa 75 Impfgegner auf die Straße gegangen, in Limburg waren etwa 150 unterwegs. In Weilburg haben sie sich gegen 18 Uhr vor einem weitestgehend verlassenen Rathaus getroffen. Corona-Leugner, Querdenker und Rechtsextreme täuschen derzeit wöchentlich in Mittelhessen Spaziergänge vor, im Glauben, mit diesem „Trick“ das Versammlungsrecht umgehen zu können.

Von Mika Beuster
Ein Corona-Patient liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses und wird beatmet. Die Zahl der verzeichneten Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus ist in Deutschland sprunghaft gestiegen und hat einen neuen Höchststand erreicht.  Foto: Kay Nietfeld/dpa
Ein Corona-Patient liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses und wird beatmet. Die Zahl der verzeichneten Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus ist in Deutschland sprunghaft gestiegen und hat einen neuen Höchststand erreicht.
Foto: Kay Nietfeld/dpa

Wie die Polizei meldet, gab es in Limburg nach der Versammlung einen nicht genehmigten Aufzug in Richtung Innenstadt, bei dem unter anderem auch die erforderlichen Mindestabstände nicht eingehalten wurden. Bei 30 Teilnehmern fragte die Polizei nach den Personalien. In Weilburg seien die Auflagen eingehalten worden.

Extremismusexperten warnen davor, solche Kundgebungen als „friedlich“ zu bezeichnen, auch wenn es nicht zu gewalttätigen Übergriffen kommt. Denn unwidersprochen wird auch in heimischen Gruppen zum Widerstand gegen ein angebliches diktatorisches Regime aufgerufen. Es werden Verschwörungsmythen, Hass, Häme und Hetze gegen Politiker, Wissenschaftler, Polizisten und Journalisten geteilt. Statt wieder jene, die erneut laut und schrill mit Übertreibungen, Polemiken und Desinformation unterwegs waren, zu Wort kommen zu lassen, möchte die Redaktion das Geschehen von Montag einordnen.

13.322

Die Zahl der Menschen im Landkreis, die bereits mit dem Coronavirus infiziert wurden, beträgt 13.322. Davon gelten 12.730 als genesen. Aber nicht allen geht es gut. Es gibt eine Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene von Long-Covid austauschen. Diese Patienten haben eine Corona-Erkrankung zwar überstanden, leiden aber noch immer an Spätfolgen. Ob sie bei allen ganz verschwinden, ist ungewiss. Doch auch jene, die ohne Spätfolgen erkrankt waren, haben zumeist Grippe-Symptome erdulden müssen sowie eine meist 14-tägige Quarantäne.

99,97

Der Anteil der Wähler, die zur Kommunalwahl im März dieses Jahres im Landkreis Limburg-Weilburg nicht für die Querdenker-Partei „die Basis“ gestimmt haben, beträgt 99,97 Prozent. Bei der Bundestagswahl im September dieses Jahres haben 98,7 Prozent der Wähler im heimischen Wahlkreis 176 nicht für „die Basis“ gestimmt. Selbst wenn man die AfD hinzuzählt, in der zumindest in Teilen Querdenker und andere Verschwörungsgläubige ihre politische Heimat gefunden haben, haben weit mehr als 90 Prozent der heimischen Wähler nicht ihr Kreuz bei Parteien gemacht, die wenigstens in Teilen solche Sichtweisen unterstützen.

131.014

50 Menschen haben in Weilburg am Montagabend vorgegeben, spazieren zu gehen. 131.014 Menschen im Landkreis Limburg-Weilburg haben indes mindestens eine Corona-Impfung erhalten. Das sind 76 Prozent der Bevölkerung. Ihren Booster haben mittlerweile bereits 34,4 Prozent erhalten, nämlich 59.314. Die meisten haben sich um Termine gekümmert, mussten bisweilen wochenlang warten. Während die weitaus größte Zahl der Bürger im Landkreis Limburg-Weilburg mittlerweile geimpft ist, erhält eine laute Minderheit viel Aufmerksamkeit und versucht mit ihren Forderungen, den politischen Diskus zu beeinflussen, bisweilen mit Gewaltandrohungen.

13

Der hessische Lehrplan für das Fach Biologie in der Hauptschule sieht 13 Stunden vor, um sich im Unterricht mit Infektions- und Zivilisationskrankheiten zu beschäftigen. Dabei geht es auch um bedeutende Krankheitserreger, etwa Viren, und wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann. Zu Hygieneregeln wird auch das Thema Impfung behandelt und welchen Stellenwert Impfungen in der Bekämpfung von Krankheiten haben. Auch an den anderen Schulformen gibt es vergleichbare Einheiten.

Impfgegner hingegen lehnen diese Erkenntnisse nicht nur ab. Einige planen zusammen mit rechtsextremen Verschwörungsideologen die Gründung einer eigenen Ergänzungsschule in Mittelhessen. In den sogenannten sozialen Netzwerken tauschen sie sich aus, lehnen staatliche Schulen ab, wollen nicht, dass ihre Kinder mit solchem Lehrstoff konfrontiert werden. Sie selbst erfahren in den Netzwerken Selbstbestätigung, halten sich für eine große Gruppe.

15.000

In der damaligen Tötungsanstalt Hadamar sind knapp 15.000 Menschen, etwa psychisch Kranke, während der nationalsozialistischen Zeit ermordet worden. Impfgegner und Querdenker in Mittelhessen vergleichen sich derweil tatsächlich mit den Opfern des Holocaust.

Das Einführen eines Wattestäbchens in die Nase zu Corona-Testzwecken halten sie offenbar für vergleichbar schlimm wie die Folterungen, Demütigungen und Qualen, die Millionen Menschen, vor allem Juden, in der Zeit der Nationalsozialisten zu erleiden hatten. Führungen in der Gedenkstätte Hadamar sind kostenfrei, sie finden am ersten und dritten Sonntag im Monat um jeweils 14.30 Uhr statt. In der Führung werden wichtige Informationen zum Programm der NS-„Euthanasie“ gegeben, danach sollte jeder in der Lage sein zu überprüfen, ob seine jetzige Lebenssituation mit der damaliger Opfer vergleichbar ist – oder ob ein solcher angeblicher Vergleich nicht nur unsäglich, sondern auch eine Herabsetzung der Leiden der NS-Opfer und eine Verharmlosung der Schuld der Täter sein könnte.

Von Mika Beuster