Archivierter Artikel vom 27.08.2021, 06:11 Uhr
Limburg-Weilburg

Kein toter 17-Jähriger nach Corona-Impfung: Querdenker-Chef macht Stimmung mit Desinformation zu angeblichem Todesfall im Kreis

Der Kopf der Querdenker im Landkreis Limburg-Weilburg hatte eigentlich das Handtuch geschmissen. Nun drängt der Limburger Manfred Hübner wieder mit aller Macht auf die Protestbühne zurück. Nachdem er vergangene Woche seine Anhänger dazu aufrief, den Betrieb in Impfzentren zu stören, will er nun mit gezielter Desinformation Eltern verunsichern und von einer Corona-Impfung abhalten.

Von Mika Beuster

Nein, im Kreis Limburg-Weilburg gibt es kein 17-jähriges Impfopfer. Manfred Hübner verbreitet Desinformationen.
Nein, im Kreis Limburg-Weilburg gibt es kein 17-jähriges Impfopfer. Manfred Hübner verbreitet Desinformationen.
Foto: Screenshot Beuster

Der Chef der mittelhessischen Querdenker-Bewegung „Limburg steht auf“, wollte sich vor allem dem Familienleben widmen, teilte er noch im Juli mit. Angesichts sinkender Teilnehmerzahlen bei Querdenker-Demos stand die Bewegung in der heimischen Region damit vor dem Aus.

Doch Hübner hat sich aus seinem kurzen politischen Ruhestand wieder zurückgemeldet. Im Telegram-Kanal des Kreisverbands Limburg-Weilburg der Partei „die Basis“ verbreitete Hübner am Mittwoch die Falschnachricht, dass ein 17-Jähriger aus dem Landkreis Limburg-Weilburg an Impfnebenwirkungen gestorben sei.

Die Quelle sind „Berichte“

Als Quelle nennt Hübner „Berichte“, die ihn erreicht haben sollen. Er schränkt die Behauptungen zwar mit dem Wort „mutmaßlich“ ein, unternimmt aber nichts, um die Meldung zu überprüfen. Dem Gesundheitsamt des Kreises ist ein solcher Fall indes nicht bekannt, wie eine Nachfrage dieser Zeitung ergibt. Wenn Hübners Erzählung stimmen würde, sollte es das aber – solche Nebenwirkungen müssten dem Gesundheitsamt des Kreises über das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet werden. Eine solche Meldung sei aber nicht erfolgt, sagt ein Kreissprecher auf Nachfrage.

Hübner nutzt die Falschinformation dennoch, um sie mit weiteren wahrheitswidrigen Behauptungen zum Aufstacheln seiner Anhänger gegen eine Corona-Impfung zu missbrauchen. So gibt er faktenwidrig an, dass das Risiko für Kinder, durch eine Impfung schwere Nebenwirkungen zu erleiden, „sehr hoch“ sei und deswegen Eltern – auch unabhängig davon, ob die Erzählung über das angebliche Impfopfer stimme oder nicht – gewarnt werden müssten.

Weiter gibt Hübner an, mindestens 24 Jugendliche seien an Herzproblemen erkrankt. Diese Zahl stimmt, bezieht sich aber nicht auf den Landkreis Limburg-Weilburg, sondern ganz Deutschland. So seien bei bislang 1,3 Millionen Geimpften in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahren bei 22 Jungen und zwei Mädchen eine Herzerkrankung festgestellt worden, meldet das PEI. Das seien 12 Fälle mehr, als ohne Impfung in der Altersgruppe zu erwarten gewesen wären. Todesfälle, wie Hübner mutmaßt, gebe es aber bislang keine.

Nach Angaben des PEI ist vielmehr das Gegenteil von Hübners Behauptungen richtig: Das Nutzen-Risiko-Verhältnis der mRNA-Impfstoffe wie dem von Biontech bewertet das Institut unter anderem gerade wegen der extremen Seltenheit der Nebenwirkungsberichte als positiv. Damit mehr Jugendliche gegen Corona geschützt sind, bietet der Landkreis am Sonntag im Limburger Impfzentrum eine weitere Sonderimpfaktion an. Dort können sich 12- bis 17-Jährige impfen lassen.

Drohung an Impfzentren

Hübner wiederum versucht nicht nur, mit Desinformation Unsicherheit zu verbreiten, er droht auch. So hatte er jüngst versucht, Anhänger mit einer „Widerstandsidee“ dazu zu bringen, die Arbeit der Impfzentren zu stören und damit „das System zu attackieren“. Sicherheitsbehörden in Hessen informierten die Impfzentren über die Bedrohungslage und trafen entsprechende Vorkehrungen. Der Landkreis teilt auf Nachfrage mit, dass es noch keine gemeldeten Vorkommnisse gibt.

Mit Demagogie schließlich versuchte Hübner, am Wochenende in Limburg zu punkten. Bei einer Kundgebung der Partei „die Basis“ auf dem Kornmarkt hetzte er etwa gegen „die Medien“ und Journalisten. Drohungen und Anfeindungen gegen heimische Journalisten wurden erneut geteilt. Unterdessen leiden die heimischen Querdenker darunter, dass sie immer weniger Anhänger mobilisieren. Es bleibt eine sich radikalisierende Gruppe zurück, in der sich Reichsbürger und Rechtsextreme neben Esoterikern tummeln.

Die Partei „die Basis“ muss sich zudem einen neuen Versammlungsort suchen. Nachdem die Partei mehrfach in Löhnberg getagt hatte und dort auch Parteitage abhielt, möchte der Gastronom nach Rückmeldungen seiner Gäste der Querdenker-Partei sein Haus nicht mehr für ihre Versammlungen bereitstellen.