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Stephen Hawkings „Großer Entwurf“: Gott überlebt nicht mal Seite vier

Die Philosophie wird schon auf der ersten Seite für tot erklärt, Gott überlebt die Seite vier nicht. Zumindest wird ER nicht mehr für die Schöpfung gebraucht. Stephen Hawking räumt in seinem neuem Buch „Der große Entwurf" alles beiseite, was nicht Physik ist, genauer gesagt, was nicht seine Physik ist.

Die Spiral-Galaxie <a href="http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/lexikon_cosearch,NGC+4622.html" target="_blank">NGC 4622</a> in ungefähr 200 Millionen Lichtjahren Entfernung.
Die Spiral-Galaxie NGC 4622 in ungefähr 200 Millionen Lichtjahren Entfernung.
Foto: NASA/HST

Von Jochen Magnus

Der Orionnebel, als <a href="http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/lexikon_cosearch,orionnebel.html" target="_blank">M 42</a> katalogisiert. Die Aufnahme ist aus mehreren Bildern des <a href="http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/lexikon_cosearch,Hubble-Weltraumteleskop.html" target="_blank">Hubble Space Telescopes</a> (HST) zusammengesetzt.
Der Orionnebel, als M 42 katalogisiert. Die Aufnahme ist aus mehreren Bildern des Hubble Space Telescopes (HST) zusammengesetzt.
Foto: NASA/HST

Die Philosophie wird schon auf der ersten Seite für tot erklärt, Gott überlebt die Seite vier nicht. Zumindest wird ER nicht mehr für die Schöpfung gebraucht. Stephen Hawking räumt in seinem neuem Buch „Der große Entwurf“ alles beiseite, was nicht Physik ist, genauer gesagt, was nicht seine Physik ist.

Stephen Hawking ist ein Held. Als junger Erwachsener erkrankte er an unheilbarer, fortschreitender Muskelschwäche und war bald an den Rollstuhl gefesselt. Ein Luftröhrenschnitt rettete ihm später das Leben, kostete ihn aber das Sprechvermögen. Trotzdem schaffte er eine akademische Blitzkarriere, die ihn – noch keine 30 Jahre alt – in die Avantgarde der Physiker führte. Seit den 1960er-Jahren forscht er in den Grenzgebieten der Relativitätstheorie und der Kosmologie, insbesondere zu Schwarzen Löchern und dem Urknall. Drei Jahrzehnte, bis zu seinem Ruhestand vergangenes Jahr, hielt er den Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik der Universität Cambridge inne, als Nachfolger von Isaac Newton und anderer berühmter Gelehrter.
In dieser Zeit wurde Hawking weltberühmt. Nicht nur, weil er es als Schwerstbehinderter wissenschaftliche Höchstleistungen vollbrachte, sondern auch seiner populärwissenschaftlichen Bücher wegen. „Eine kurze Geschichte der Zeit" stand jahrelang auf den Bestsellerlisten und gehört zu den 100 meistverkauften Bücher der Welt. Vor fünf Jahren brachten Hawking und sein Co-Autor Leoard Mlodinow „Eine kürzere Geschichte der Zeit" als aktualisierte und leichter verständliche Version heraus.

Hoher Unterhaltungswert
Das neueste Werk der beiden Autoren knüpft nahtlos daran an. Nachdem es gleich zu Anfang die Philosophie und Gott totgesagt hat, verspricht es den Versuch, die „letztgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" zu beantworten (eine Anspielung auf die Science Fiction Satire „Per Anhalter durch die Galaxis").
Glücklicherweise wird dieser Versuch erst in den letzten beiden Kapiteln unternommen. Denn der weit überwiegende Teil des Buches ist der Einführung in die moderne Physik gewidmet. Gut illustriert und gewürzt mit trockenem britischen Humor, lassen sich diese Kapitel eher als Wissenschaftsroman, denn als trockenes Sachbuch lesen. Die spannenden Her- und Überleitungen sind vermutlich Co-Autor Mlodinow zu verdanken, der – selbst erfolgreicher Physiker – auch schon Drehbücher für „Raumschiff Enterprise" und „MacGyver" verfasst hat. Wer auch immer die Idee hatte, das physikalische Doppelspalt-Experiment mit einem Torwandschießen zu vergleichen und zu illustrieren: es dürfte eine der am gelungensten Erklärungen dieses für die Quantenphysik grundlegend wichtigen Versuchs sein, die je geschrieben wurde.
So vermittelt das Buch auf drei Viertel seiner Seiten viel physikalisches Grundwissen bei gleichbleibend hoher Lesefreude. Auch, wer noch nie davon gehört hat, lernt dabei die echten Zufälle der Quantenwelt kennen, die Unbestimmbarkeit der Werte im Kleinsten (Heisenbergsche Unschärfe) verstehen und dem Determinismus (Vorbestimmtheit), der noch in manchem Hirn herumspukt, wird der Garaus gemacht.
Hawking propagiert einen „modellabhängigen Realismus" als Ausgangsbasis aller Erkenntnis: Wir haben nur ein Modell der Welt im Kopf oder – falls nötig – mehrere davon. Zum Beispiel, wenn ein Teilchen mal als Welle oder umgekehrt betrachtet werden muss. Bei Hawkings bevorzugter „M"-Theorie bleibt es nicht beim Dualismus. Die Theorie ist ein Bündel sieben verschiedener „Stringtheorien" und einer „Supergravitationstheorie", die alle irgendwie zusammenhängen und jeweils einen Teil der Realität abbilden sollen.

Wie weiland Münchhausen
Elf Raumzeit-Dimensionen benötigt „M" und bringt, weil diese auf 10500 mögliche Art und Weisen ins unermesslich Kleine „aufgewickelt" werden können, ebenso viele mögliche Universen hervor. Hawking geht noch einen Schritt weiter: Weil unser Universum so ist, wie wir es sehen, mit allen Feinabstimmungen, die unsere Sonne, die Erde und uns hervorgebracht haben, haben wir unsere Welt aus den 10500 Varianten auserwählt. Das Modell im Kopf hat also die Welt geboren. Wir sind die Schöpfer und haben uns quasi am eigenen Schopf in die Welt gezogen. Und weil laut Hawking dank der negativen Energie der Gravitation ein ganzes Universum aus dem Nichts entstehen kann, entstehen muss, braucht es Gott nicht mal als ersten Beweger.
Das dürfte nicht nur die Theologen ärgern, die wehren sich längst gegen die Rolle Gottes als bloßen Lückenbüßer für aktuell noch offene naturwissenschaftliche Fragen. Auch viele Physiker teilen nicht die Interpretation der Quantentheorie, dass erst der Beobachter sich die Realität erschafft oder auswählt. Andere Wissenschaftler mögen die inflationären Resultate stringtheoretischer Berechnungen ganz und gar nicht nicht. So ist es kein Wunder, dass längst eine konkurrierende Idee geboren wurde. Die hat zwar einen furchtbaren Namen, „Schleifenquantengravitation", führt aber überaus elegant aus sämtlichen Sackgassen der heutigen Physik heraus.
Dazu benötigt sie nur ein einziges Universum, die drei Alltagsdimensionen des Raumes sowie die Zeit. Sie löst auch einige von Hawking postulierte physikalische Problem en passant mit. Sie ist – wie die Stringtheorien auch – noch lange nicht ausgewachsen und harrt gleichfalls noch experimenteller Nachweise. Wie seltsam, dass Hawking die Schleifentheorie nicht mal benennt, sie stattdessen nur in einem Absatz streift und sogleich als irrelevant verwirft.

Alles Unsinn?
Noch eine Information unterschlägt Hawking auf den 180 Seiten seines Werks: Er beruft sich zwar oft auf den Nobelpreisträger Richard P. Feynman, einer der genialsten und coolsten (!) Physiker des 20. Jahrhunderts und wendet dessen Rechenmethoden als Grundlage seiner Kosmologie an – was unter Fachleuten übrigens umstritten ist. Feynman merkte zu den Stringtheorien, deren Anfänge er noch miterlebte, an: „Ich bin überzeugt davon, dass dies alles Unsinn ist!"

Stephen Hawking, Leonard Mlodinow: „Der große Entwurf.",Rowohlt, 180 Seiten, 24,95 Euro

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