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    Kleines, mächtiges Katar

    Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und weitere arabische Staaten haben alle diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen und auch ihre Grenzen geschlossen. Was sind die Gründe für die diplomatische Krise – und welche Folgen sind zu erwarten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Doha
    Eine Frau spaziert vor der Skyline in Doha. Katar ist in der Region zur Zeit politisch isoliert.
    Foto: Kamran Jebreili – dpa

    Was wird Katar vorgeworfen?

    Die von Sunniten regierten Staaten werfen dem Golf-Emirat Katar die Unterstützung von Terrororganisationen sowie eine zu große Nähe zum schiitischen Iran vor.

    Was steckt hinter dem Streit?

    Vieles deutet darauf hin, dass es in dem Konflikt vor allem um einen Streit um die Vorherrschaft der Großmächte am Golf zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien geht. Experten gehen davon aus, dass Saudi-Arabien das kleine, aber sich außenpolitisch immer stärker emanzipierende Emirat Katar, wieder in die Schranken weisen will.

    Was ist dran an den Vorwürfen, dass Katar mit Extremisten zusammenarbeitet?

    Katar hat während der Rebellionen des Arabischen Frühlings islamistisch konservative Rebellengruppen und Bewegungen unterstützt. Die Muslimbruderschaft in Ägypten und die islamistische Ennahdha in Tunesien konnten auf die Hilfe aus Doha bauen. Auch im libyschen Bürgerkrieg unterstützte Katar die Muslimbrüder. Nicht nur das ägyptische Militärregime hält die Muslimbrüder für eine große Bedrohung. Katar gilt zudem als wichtiger Verbündeter der sunnitischen Hamas in Palästina, die wiederum vom schiitischen Iran Hilfe erhält.

    Zu schiitischen Gruppierungen bemühte sich Katar zumindest offiziell um Distanz. Generell vertritt das Land im Iran-Konflikt allerdings eine eher zurückhaltende Position – vermutlich zu verständnisvoll für Irans Erzrivalen Saudi-Arabien. Ende Mai sorgte ein Bericht für Aufsehen, dass Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani ausgerechnet den schiitischen Iran gelobt habe. Zwar erklärte Katar schnell, dass der Bericht gefälscht gewesen sei – doch die Empörung war trotzdem groß. Von Saudi-Arabien finanzierte Medien wie der Nachrichtensender Al-Arabija begannen eine Kampagne, die kein gutes Haar an Katar ließ.

    Skyline von Doha
    Im Nebel stehen die Hochhäuser der Skyline von Doha.
    Foto: Yoan Valat/Archiv – dpa

    Welche Rolle spielt Saudi-Arabien?

    Mit dem Abbruch der Beziehungen lässt Saudi-Arabien als mächtigster Staat am Golf seine Muskeln spielen. Erneut stellt die Monarchie unter Beweis, dass sie unter König Salman aggressiv ihre eigenen Interessen vertritt, vor allem, wenn es um den Iran geht. Auf der Arabischen Halbinsel duldet Saudi-Arabien keinen Widerspruch. Nicht zuletzt die USA stellen Riad vor eine schwierige Situation. Washington pflegt auch zu Katar enge Kontakte. Beim Treffen mit Emir Scheich Tamim in Riad feixte Präsident Donald Trump im Mai, er wolle „jede Menge wunderschöner militärischer Ausrüstung“ an das Emirat verkaufen. Stattdessen ist nun erst einmal Krisenmanagement angesagt, um eine weitere Eskalation zu vermeiden.

    Weshalb ist Katar so wichtig?

    Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar nur etwa halb so groß wie Hessen, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Katar ist 2022 außerdem Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft. Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira hat seinen Sitz in Katar. Katar ist Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.

    Doha bei Nacht
    Hochhäuser in Doha bei Nacht. Mehrere arabische Golfstaaten und Ägypten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen.
    Foto: Andreas Gebert/Archiv – dpa

    Wie ist die Menschenrechtslage in dem Land?

    Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar immer wieder für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit. Der Amnesty-Bericht „The Ugly Side of the Beautiful Game – Exploitation on a Qatar 2022 World Cup site“ kritisiert, dass die Menschenrechte von Arbeitsmigranten systematisch verletzt würden.

    Ist die Fußball-WM jetzt gefährdet?

    Der Fußball-Weltverband Fifa hat den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Katar noch nicht kommentiert. Der erste Ball soll aber erst in knapp fünf Jahren rollen. Zeit genug also, um den Bruderzwist zwischen den Golfstaaten beizulegen. DFB-Präsident Reinhard Grindel zeigte sich besorgt und schließt einen Boykott des Turniers 2022 nicht kategorisch aus. „Es sind noch fünf Jahre bis zum Anpfiff der WM. In dieser Zeit müssen politische Lösungen vor Boykottandrohungen den Vorrang haben. Aber eines steht unabhängig davon fest: Grundsätzlich sollte sich die Fußballgemeinschaft weltweit darauf verständigen, dass große Turniere nicht in Ländern gespielt werden können, die aktiv den Terror unterstützen“, sagte Grindel.

    Welche Folgen hat dies für Katar?

    Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen dürfte Katar trotz seines Reichtums aus Öl und Gas schwer treffen, auch weil die wirtschaftlichen Kontakte davon betroffen sein werden.

    Hamsterkäufe in Katar
    Menschen kaufen in einem Supermarkt in Doha auf Vorrat ein.
    Foto: Doha News – dpa

    Und der Aktienmarkt?

    Die Aktienbörse im Golfstaat Katar hat sich nach einer ersten Talfahrt stabilisiert. Staatsanleihen des Emirats stehen dagegen weiter unter Druck, und auch die Landeswährung, der Katar-Riyal, war weiter schwach. Die diplomatische Krise hatte den Qatar Exchange Index am Montag so stark abstürzen lassen wie zuletzt vor rund acht Jahren.

    Wird jetzt das Öl teuer?

    Zunächst hatte die Eskalation kaum Auswirkungen auf den Ölmarkt. Viele Experten gehen davon aus, dass der Streit wenig Einfluss auf die Förderung der beteiligten Länder wie Saudi-Arabien und Katar haben wird. Die Preise für Öl verharren weiter auf dem niedrigen Niveau, das sie Ende der vergangenen Woche nach dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erreicht hatten. Nach Einschätzung von Rohstoffexperten der Commerzbank besteht am Markt die Erwartung, dass die Ölproduktion in den USA künftig noch stärker steigen wird.

    Welche Folgen hat dies für Deutschland?

    Der Konflikt könnte auch deutsche Firmen treffen. „Es ist noch unklar, wie es weitergeht – durch die Einstellung von Luft- und Seeverbindungen nach Katar wird es aber auf alle Fälle Einschränkungen geben“, sagte Felix Neugart, Geschäftsführer der Deutsch-Emiratischen Handelskammer. Darunter wiederum könnten die Exporte in den Wüstenstaat leiden. Im vergangenen Jahr hatten deutsche Firmen den Angaben zufolge Waren im Wert von gut 2,5 Milliarden Euro nach Katar exportiert. Damit steht das Land laut Statistischem Bundesamt auf Platz 52 der Handelspartner der Bundesrepublik. Die Ausfuhren deutscher Firmen nach Katar haben zuletzt deutlich angezogen. 2011 lag das Exportvolumen noch bei 1 Milliarde Euro. Dank des damals hohen Öl- und Gaspreises nahm Katar viel Geld ein. Wegen der Fußball-WM 2022 in dem Golf-Anrainer gibt es zudem einen Investitionsboom.

    Laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hielten Katars früherer Premierminister Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani und sein Cousin Hamad Bin Khalifa Al-Thani am Ende des vergangenen Jahres zusammen rund 9 Prozent Anteile sowie Kaufoptionen im Volumen von rund 2 Prozent bei der Deutschen Bank.

    Hat der Boykott Auswirkungen auf den Flugverkehr?

    Mit der Terroranklage haben Saudi-Arabien und seine Partner einen Verkehrs- und Handelsboykott gegen Katar verhängt. Seit Dienstag sind die Flugverbindungen von und nach Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate gekappt und die Lufträume für Qatar-Jets gesperrt. Dass Qatar-Airways-Chef Akbar al Baker vorzeitig vom Branchengipfel des Airline-Verbandes IATA im mexikanischen Cancún abgereist ist, belegt den Ernst der Lage für die Fluggesellschaft. Im heimischen Doha muss al Baker das Krisenmanagement leiten. Die größten Probleme sind der Ausfall vieler Flüge zu den arabischen Nachbarn und längere Flugzeiten für die internationalen Verbindungen. Neben den kurzfristigen Problemen könnte vor allem der gestreute Terrorverdacht gegen den Heimatstaat Katar Kunden von Buchungen abhalten.

    Was macht Qatar Airways nun?

    Die Fluggesellschaft des Emirats Katar musste zwangsläufig Dutzende Kurzstrecken streichen, die normalerweise viele Umsteiger zum Flughafen Doha bringen. Erste Analysen gehen von bis zu 30 Prozent Umsatzverlust aus. Kunden, die bereits gebucht haben, sollen alternative Flugangebote erhalten, kostenlos umbuchen können oder das Geld für ihre Tickets zurückbekommen.

    Wer könnte in dem Streit jetzt vermitteln?

    Kuwait will im Konflikt eine zentrale Rolle als Vermittler einnehmen. Kuwaits Emir Sabah al-Ahmed al-Dschabir al-Sabah machte sich auf den Weg nach Saudi-Arabien. Der Emir wird auf der Reise nach Riad von einer hochrangigen Delegation begleitet. Scheich Sabah hatte bereits am Montag mit dem katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani telefoniert und ihn dazu aufgerufen, den Bemühungen um eine Entspannung eine Chance zu geben. Kuwait ist früher häufiger als Schlichter aufgetreten. So vermittelte das Land 2014, als Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Botschafter aus Katar abzogen. Auch Trump will mit allen Beteiligten sprechen, um die Situation zu beruhigen.

    Emir mit großem Einfluss

    Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani war erst 33, als er im Juni 2013 die Führung des Golfstaates Katar antrat. Unter seiner Führung baute die kleine Halbinsel ihren Einfluss in der Welt aus. Am Samstag wurde der Emir 37 – zwei Tage, bevor eine Reihe von Nachbarstaaten unter Führung Saudi-Arabiens die Verbindungen zu seinem Land abbrachen und es diplomatisch weitgehend isolierten.

    Foto: dpa

    Scheich Tamim wurde in Großbritannien erzogen und besuchte unter anderem die berühmte Militärakademie Sandhurst. Danach hatte er verschiedene Aufgaben im Emirat: Unter anderem war er Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und stellvertretender Armeechef.

    Der sich fromm gebende Emir führte den Kurs seines Vaters und Vorgängers, Scheich Hamad, weiter und hob den noch vor einigen Jahrzehnten unbedeutenden Golfstaat auf das internationale Tableau. Dabei halfen die üppigen Einnahmen aus den Erdöl- und Gasvorkommen des Landes. So holte der Sportfan Tamim für 2022 die Fußball-WM ins Land. In den Nachwehen des Arabischen Frühlings wurde Katar zudem zum politischen Akteur über seine Ländergrenzen hinaus.

    Vor allem die Verbindungen des Scheichs zu den islamistischen Muslimbrüdern brachten ihm scharfe Kritik aus Saudi-Arabien und Ägypten ein. Auch international wird der Scheich trotz seiner Rolle als enger US-Verbündeter mit Argwohn betrachtet.

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