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    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche – Teil 4

    Jeder hat eben seine Art, wie er mit Regeln und den Rekruten umgeht, und Spott und Foppereien sind ebenso an der Tagesordnung wie Anschisse. In der Simulator-Halle angekommen, erwartet uns eine Art Leinwand, auf der Zielscheiben eingeblendet werden. Immer drei Rekruten dürfen mit Druckluft-Gewehren das am Vormittag Gelernte in die Tat umsetzen, der Rest wartet auf Stühlen im Hintergrund auf den Einsatz.

    Alles hört auf ihr Kommando – weibliche Vorgesetzte gehören bei der Bundeswehr mittlerweile zum Alltag. Hier erklärt die Ausbilderin den Rekruten, wie Kampfmittel im Boden aufgespürt werden.
    Alles hört auf ihr Kommando – weibliche Vorgesetzte gehören bei der Bundeswehr mittlerweile zum Alltag. Hier erklärt die Ausbilderin den Rekruten, wie Kampfmittel im Boden aufgespürt werden.
    Foto: Marc Schilpp/Bun

    Normalerweise würde man 17- bis 20-Jährige in solchen Momenten mit ihren Smartphones rumspielen sehen, aber die sind während des Diensts verboten. Raucherpausen gibt es auch nur auf Geheiß des Ausbilders. Wer auf die Toilette muss, fragt freundlich. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, bis ich an der Reihe bin.

    Auf einer Matte liegend, soll ich mit dem Gewehr auf eine Zielscheibe schießen, die ich mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Durch das Visier wird das Ganze klarer, das Fadenkreuz flitzt bei jedem Atemzug über die Scheibe. Ich drücke die Waffe an die Schulter, atme ein, langsam aus, ziele und schieße. Es knallt, die Druckluft sorgt für einen Rückstoß – Treffer. Aber irgendwo in den äußeren Ringen.

    Mit dem Fernglas wird das Gelände nach explosiven Überraschungen abgesucht.
    Mit dem Fernglas wird das Gelände nach explosiven Überraschungen abgesucht.
    Foto: Marc Schilpp/Bun

    Ich übe weiter und beginne, die Faszination daran zu begreifen, die Kontrolle über ein Geschoss zu haben, das über Leben und Tod entscheiden kann. Auch wenn mich Schäfer später „eine echte Scharfschützin“ nennt – ewig auf dem Boden liegen und die Welt nur durch eine Linse sehen, das wäre dann doch nichts für mich.

    Abends geselle ich mich zu den Jungs, die im Mannschaftsheim ein Fußballspiel schauen. Auf Leinwand und Fernseher flimmert grüner Rasen, und ich merke bald, dass in diesem Moment die Feindlinie quer durch den Raum verläuft. Die Fans der beiden Mannschaften leiden und freuen sich gemeinsam – nach Dienstschluss sind Fanschals erlaubt. In Privatkleidung fällt es mir schwer, diejenigen zu erkennen, mit denen ich an den Tagen vorher noch zusammen im Dreck gelegen oder trainiert habe.

    So ein Helm und Einheitskleidung machen gleich einen anderen Menschen aus einem. Selbst als ich das ein oder andere Gesicht erkenne, merke ich, dass mir der passende Name dazu nicht einfällt. Und wenn, dann nur die Nachnamen, die schließlich tagsüber an der Kleidung haften. Gegen 22.45 Uhr ist das Spiel zu Ende, nur noch wenige Minuten bis zum Zapfenstreich. Zusammen mit ein paar Kameraden gehe ich im Dunkeln zurück zur Unterkunft und falle dort so müde ins Bett, dass ich gar nicht mehr mitbekomme, wie der diensthabende Unteroffizier seine letzte Runde durch die Stuben dreht.

    Dann ist es schon Donnerstagmorgen, und Frühsport steht auf dem Programm. Nach einer Stunde in der Kälte bin ich um einiges wacher und kenne eine Reihe von Liegestützvariationen, bei denen ich mir anfangs sicher war, dass der menschliche Körper für so etwas nicht geschaffen sein kann. Nach so viel Bewegung kommt mir ein bisschen Sitzen gerade gelegen. Es geht in den Unterricht – Befestigungen stehen auf dem Lehrplan.

    Ein Raum mit viel zu vielen unbequemen Stühlen, eine Tafel, ein Beamer. Aber auch das gehört eben zur Bundeswehr dazu: jede Menge Theorie. Später geht es in die Praxis. Mit Schutzhandschuhen bauen wir jeweils zu sechst eine dreifache S-Draht-Rolle auf und versuchen, uns dabei nicht an den rasierblattscharfen Kanten die Kleidung und vor allem die Haut aufzureißen. Während ich herumhantiere, fällt mir eine Haarsträhne ins Gesicht, die dem Ausbilder nicht verborgen bleibt: „Bindest du dir gefälligst die Fransen aus dem Gesicht?!?“, bekomme ich zu hören und schlucke schuldbewusst.

    Denn was die Haartracht betrifft, gibt es ganz klare Regeln bei der Bundeswehr. Die Zeiten der „German Hair Force“, wie die Luftwaffe während der Haarnetzpflicht in den 70ern im Ausland genannt wurde, sind vorbei, jetzt gibt es den Haarerlass. In der Dienstvorschrift steht geschrieben, dass das Kopfhaar weder Uniform noch Hemdkragen berühren darf. Frauen dürfen ihre langen Haare behalten, solange das Gesichtsfeld, Ohren und Nacken frei sind.

    Für beide Geschlechter gilt: Auffällige Frisuren sind nicht erwünscht. Ich leihe mir in der Mittagspause von einer Kameradin ein paar Haarspangen und versuche meine schulterlangen Haare mit einem geflochtenen Zopf zu bändigen. Langsam sehe ich wirklich aus wie eine echte Bundeswehrsoldatin. Am Nachmittag dreht sich in meinem Zug alles um Kampfmittel. Bomben, Minen, Sprengkörper jeder Art.

    In drei Stationen sollen wir an diesem Tag lernen, wie Kampfmittel aufgespürt und dokumentiert werden. „Wer suchet, der findet, wer drauftritt verschwindet“, so lautet das makabere Motto bei der Suche nach Schmetterlingsbomben und Co. Als ich mit einem Kameraden ein abgesperrtes Stück Wald durchkämme, komme ich mir ein bisschen vor wie beim Ostereiersuchen. Hier eine Rakete hängend im Baum, dort ein Stolperdraht – wirklich gut versteckt sind die Kampfmittel nicht, wir finden sie alle.

    Ein Lob gibt es dafür nicht, es gilt der Grundsatz: „Kein Anschiss ist Bestätigung genug.“ Bei der zweiten Station geht es ab in den Sandkasten. Die zuständige Ausbilderin hat einige explosive Überraschungen im Sand verborgen und lässt uns mit Minensuchnadeln den Boden danach durchsuchen. Es geht darum, eine Trittspur zu legen – eine Arbeit, für die man viel Geduld und im wahren Leben auch Nerven braucht. Hier ist zum Glück auch ein bisschen Spaß dabei. Danach ist der Arbeitstag auch fast schon rum.

    Jeden Donnerstag steht in der 2. Kompanie die große Stubenkontrolle an. Zu dritt durchstreifen Schäfer, Dinkel und Möller auf der Suche nach falsch eingeräumten Utensilien, Schmutz und schräg umgeschlagenen Betten die Wohnräume der Rekruten. Während sie zusammen mit einem Vertreter der Stube die Mängel durchgehen, wartet der Rest stramm stehend vor den Türen. Je weiter die Gruppenführer den Gang entlangschreiten, desto lauter wird es.

    „Wollen Sie uns verarschen? Denken Sie, wir sehen das nicht?“, herrscht Schäfer einen der Rekruten an, als er den hinteren Teil eines Spindes in Unordnung vorfindet. Zum „Supermarkt“ wird ein mit Lebensmittel überquellendes Essensfach dramatisiert, und ein anderer Rekrut hat gleich eine ganze „Videothek“ im Schrank. Privatsachen außerhalb des winzigen dafür vorgesehenen Fachs, das geht gar nicht.

    Manchmal muss ich schmunzeln ob der Aufreger – was bin ich froh, dass keiner in meinem Zimmer rumstöbert. Sobald die Ausbilder eine Stube verlassen haben, geht das Lästern los. Trotz einiger Ausnahmen sorgen solche Kontrollen meist dafür, dass die Rekruten zusammenwachsen. „Sind die noch ganz dicht?“, fragt einer, und gemeinsam wird über die „Mängel“ im Raum diskutiert.

    „Das geht hier rein und da raus“, kommentiert ein Rekrut und zeigt auf seine Ohren. Es gibt aber auch die, die sich ärgern, die Vorwürfe als ungerecht empfinden. Vor allem die, die weiter hinten im Gang ihre Stube haben, wie einige Mädels der Kompanie.

    „Wenn die bei uns ankommen, dann sind die jedes Mal schon so auf 180, da ist es egal, was wir machen“, meint eine achselzuckend. Den Ansprüchen gerecht zu werden, ist bei der Bundeswehr eben gar nicht so einfach. Doch die penible Ordnung hat ihren Sinn, denn im Ernstfall weiß jeder, wo er was im Schrank findet. Nach dem Optimieren der Stuben folgt der Dienstschluss.

    Donnerstagabend: „Germanys next Topmodel“ läuft im Fernsehen, aber nicht auf dem Beamer im Mannschaftsheim. Schade irgendwie.

    Die Woche ist schon vorbei – der letzte Tag

    Freitagmorgen, kurz vor halb sechs, und ich liege schon wach im Bett. Im Gebäude herrscht Stille. Plötzlich höre ich irgendwo im Erdgeschoss eine Tür ins Schloss fallen und Schritte, die im leeren Gang widerhallen. Schließlich ertönt wieder das obligatorische „Aufstehen!“ durch das Gebäude.

    Ich atme tief ein und starte in meinen letzten Tag bei der Bundeswehr. Nach dem Waschen schlüpfe ich in meine Kleidung, die Hosengummis befestigen sich heute schon fast wie von selbst. Als ich beim Schminken vor dem winzigen Spindspiegel die Wimpernzange ansetzen will, lacht mich mein Bundeswehr-Spiegel-Ich gefühlt aus. Ich lasse die Zange sinken und verwende die Zeit lieber für meine Haare. Straff zurückgebunden, die Frisur mit Spangen fixiert – heute wird keiner einen Grund zum Meckern haben.

    Ich geselle mich zu den anderen Rekruten, die sich bereitstellen zum Frühstücksmarsch. Bislang ist der Marsch wegen Bauarbeiten in der Kaserne ausgefallen, heute erlebe ich ihn zum ersten Mal. Bevor es losgeht, werden einige Rekruten aussortiert. Ich frage warum und bekomme von meinem linken Nachbarn keine Antwort, er starrt geradeaus und macht keinen Mucks. Von irgendwoher flüstert mir einer zu, dass sie marschbefreit sind: „Die können nicht laufen.“

    Während ich mich noch über die Formulierung wundere, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. „Links, zwo, drei vier“ gibt der Unteroffizier den Takt vor, und obwohl ich mir Mühe gebe, den Schritt meines Vordermanns nachzumachen, komme ich nicht mit und bringe die ganze Reihe durcheinander. Von wegen Gleichschritt. Ich trete dem Rekruten vor mir in die Hacken, hüpfe auf der Stelle, mache Trippelschritte und bekomme selbst von hinten auf den Schuh getreten. Ich fluche und entschuldige mich, und spätestens nach 30 Sekunden tanze ich wieder aus der Reihe.

    Als wir endlich bei der Truppenküche angekommen sind, weiß ich: Ich kann auch nicht laufen. In einer Woche wird man eben doch nicht zur Muster-Rekrutin. Nach dem Essen geht es zur Wach- übung. Die Gruppe vor mir hat ganz von allein den Gleichschritt eingeschlagen. „Es geht darum, Handlungsabläufe so zu verinnerlichen, dass die Rekruten nicht mehr über das nachdenken, was sie tun“, erklärt mir Schäfer, und ich verstehe.

    All die Regeln, all die Anordnungen, sie haben einen Grund. Die meisten jedenfalls. Dass auch ich nicht immun gegen den Drill bin, merke ich, als es für mich zur Auskleidung geht. Ohne Uniform verlasse ich das Gebäude und will mir instinktiv die Mütze aus der rechten Seitentasche ziehen, um sie aufzusetzen. Aber da ist keine Mütze mehr. Das war‘s, ab sofort bin ich wieder Zivilist.

    CHRISTINA NOVER

    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 2"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 3"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 1 Rucksack erzählt vom Schicksal eines SoldatenUnterm Strich: Der Weg zur Bundeswehr
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