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    Wohnen auf dem Wasser – ein Traum?

    Den Anker werfen, ohne auszusteigen: Wer auf dem Wasser wohnen will, muss zwischen Wohnboot und einer schwimmenden Immobilie unterscheiden. Das Leben auf begrenztem Raum, dafür in der Natur und maximal flexibel, ist für viele ein Traum.

    Der Traum vom Leben auf dem Wasser lässt sich auf dem Rhein nur schwer realisieren. Das Wohnboot „Iron Franz“ liegt derzeit am Kölner Heinrich-Lübke-Ufer. Bald soll es Teil einer schwimmenden Siedlung in Köln-Sürth werden, die emissionsfrei ist und sich selbst mit Wasser und Strom versorgt.
    Der Traum vom Leben auf dem Wasser lässt sich auf dem Rhein nur schwer realisieren. Das Wohnboot „Iron Franz“ liegt derzeit am Kölner Heinrich-Lübke-Ufer. Bald soll es Teil einer schwimmenden Siedlung in Köln-Sürth werden, die emissionsfrei ist und sich selbst mit Wasser und Strom versorgt.
    Foto: Philip Kistner

    Wohnen am Wasser, besser noch: darauf – bei dieser Vorstellung geraten viele ins Schwärmen. Immer mehr Menschen machen diesen Traum wahr. Ganz ohne auswandern zu müssen. Die Zeitschrift „Yacht“ berichtet aktuell von einer wachsenden Hausbootszene. Auf der Wassersportmesse „Boot“ in Düsseldorf waren zu Jahresbeginn neue Ideen zum Leben auf dem Wasser in Hausbooten und schwimmenden Häusern (Floating Homes) ein Trend. Und träumt nicht das Mittelrheintal derzeit von einer Bundesgartenschau 2031 mit schwimmenden Gärten und Sonderschauen auf Schiffen, um den Menschen zu zeigen, wie schön sich's hier am Wasser lebt?

    Hamburg hat dafür ein neues Viertel ausgewiesen. Hoch attraktive alternative Wohnformen für die Hafenmetropole, in der Flächen knapp werden und die jetzt auf dem Wasser weiterwächst. Neben dem Potenzial für die städtebauliche und touristische Entwicklung taugen Floating Homes auch als Investitionsmodell. Hat die schwimmende Wohnung einen Motor, kann sie als mobiles Wirtschaftsgut abgeschriebenen werden. Vermietet der Eigner, erzielt er zusätzliche Steuerspareffekte. Wasser hat Rheinland-Pfalz reichlich – da rückt der Wohntraum zum Greifen nah. Mit derartigen Visionen vom alternativen Wohnformen wird man auf der Suche nach einem Liegeplatz aber schnell zurück auf den Boden geholt.

    Den Anker werfen im Hafen?

    Die erste Idee liegt nah: Wieso nicht bestehende Infrastruktur nutzen und in einem der zahlreichen Häfen an Rhein oder Mosel dauerhaft vor Anker gehen? Hätte den Charme, dass man auf eine gewisse Ausstattung zurückgreifen kann – maritimes Flair mit Motorjachten und Segelbooten inklusive. Der erste Anruf gilt Neuwied, wo derzeit im Jachthafen die „Hafencity“ entsteht, ein 100-Millionen-Euro-Projekt mit 300 Wohnungen am Wasser. Um das zu ermöglichen, hatte der Stadtrat den Bebauungsplan geändert, Baubeginn könnte im Sommer sein.

    Bürgermeister Jan Einig hat eine gute und eine schlechte Nachricht: Der Hafen ist hochwasserfrei, für Hausboote also gut geeignet. Allerdings fiele der Blick aus dem schwimmenden Wohnzimmer auf sechs Meter hohe Spundwände. „Ich schätze, das ist nicht besonders attraktiv“, bedauert der Stadtoberste. Das Auskundschaften anderer Häfen ufert zum Telefonmarathon aus. Die Marina in Winningen bei Koblenz ist durch den gegenüberliegenden Campingplatz gut gebucht, die Nachfrage übersteigt schon jetzt die Zahl der Wasserliegeplätze, auch existiert keine geeignete freie Uferfläche, gibt Anke Bender-Lehnig von dort Auskunft. Außerhalb der Marina liegt ein Hausboot – auf Privatgelände. „Die Mosel hat jedes Jahr Hochwasser, über den Winter werden die meisten Stege abgebaut“, erklärt Hafenmeister Walter Tesch in Brodenbach (Kreis Mayen-Koblenz). „Technisch wäre es hier möglich, ein Wohnboot hinzulegen“, sagt Mario Hermsen, Campingplatzbetreiber am Hafen in Senheim (Kreis Cochem-Zell). Er zählt zu einer Reihe sogenannter Schutzhäfen, die das ganze Jahr über in Betrieb sind. „Die Leute haben Lust aufs Wasser, das Geschäft mit Booten und Häfen brummt, sagt Hermsen. Gut für Senheim – der Hafen ist ausgelastet, die Boxen zum Anlegen sind überbucht.

    Ein Leben auf dem Fluss?

    Wenn nicht im Hafen, dann vielleicht auf einem Fluss direkt vor der Haustür? Aufgrund hoher Fließgeschwindigkeit und Verkehrsdichte bietet sich der Rhein zum Wohnen nicht an, heißt es dazu aus dem Bauamt der Stadt Mainz. Aber: Wer ein Boot hat und darauf wohnen will, kann das unterwegs tun – ohne Einschränkung und ganzjährig auf Mosel, Rhein oder Lahn, sofern er den entsprechenden Führerschein hat, erklärt Tobias Schmidt, stellvertretender Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts in Koblenz.

    „Kurzfristiges Liegen auf der Strecke ist erlaubt, soll's länger sein, braucht's einen Liegeplatz. Die Stelle muss uns vorgeschlagen werden, wir prüfen das und genehmigen im besten Fall, stellen einen Nutzungsvertrag aus und kassieren eine Gebühr.“ Eventuell muss dafür eine Steganlage gebaut werden, dafür wiederum braucht's eine polizeiliche und wasserrechtliche Genehmigung. Immerhin, ein Anfang. „Bei festen Anlagen sind die Auflagen höher“, betont Schmidt. Und gesteht, dass es, wenn es ums reine Wohnen geht, doch schnell schwierig wird. Aufgrund der Strömung und Wellenbewegung durch die Schifffahrt muss das Objekt gut gegen Stöße gesichert sein und darf keinem im Weg liegen. „Wohnen auf dem Rhein werden Sie vermutlich nicht genehmigt kriegen“, meint der nette Herr Schmidt.

    Wo Drinnen und Draußen verschwimmen: Am Hamburger 
Victoriakai-Ufer hat die Firma Floating Homes ein Wohnviertel auf Wasser gebaut.
    Wo Drinnen und Draußen verschwimmen: Am Hamburger 
Victoriakai-Ufer hat die Firma Floating Homes ein Wohnviertel auf Wasser gebaut.
    Foto: Toma Babovic

    Still ruht der See?

    Stehende Gewässer eignen sich besser, weil es weder Strömung noch Berufsschifffahrt gibt. Das lenkt den Blick gen Westerwald, wo „die Landschaft der Westerwälder Seenplatte das ganze Jahr über verzaubert“, wie deren Entwicklungsgesellschaft im Internet preist. Ein Anruf dort desillusioniert: Die Seen stehen unter strengem Naturschutz – wo seltene Vogel- und Amphibienarten wohnen, hat der Mensch in der Regel nicht viel zu suchen. „Der Wiesensee in Stahlhofen wird einmal im Jahr abgelassen“, erklärt Nina Engel von der Verbandsgemeinde Westerburg. Dann würde man mit seinem Haus glatt auf dem Trockenen sitzen. Gleiches gelte für die übrigen Seen im Westerwald, sagt sie. Am Riedener Waldsee steht bereits eine Ferienhaussiedlung direkt am Ufer. „Das Badegewässer weiter zu besiedeln wäre da eher schwierig, so groß ist die Fläche auch wieder nicht“, gibt Jürgen Zinken, Sprecher der Verbandsgemeinde Mendig, zu bedenken. Auch der Laacher See liegt im Naturschutzgebiet. Dort wohnen? Jürgen Kempenich, Pressesprecher im Kreis Ahrweiler, winkt ab.

    Die Pioniere

    Von der schwierigen Suche nach einem Liegeplatz weiß Jutta Handloser ein Lied zu singen. Sie und ihr Mann Erwin sind Miteigentümer des Rheinhafens in Oberwinter (Kreis Ahrweiler). Seit 2001 hat das Ehepaar dort auch seinen Erstwohnsitz – auf einem Sportboot. „Sobald Ihr Wohnboot nicht beweglich ist, gilt es als Haus, muss mit Strom und Frischwasser versorgt, an die Kläranlage angeschlossen werden, braucht eine eigene Mülltonne, einen Briefkasten und einen Parkplatz. Allein die Erschließung würde hier im Hafen 150.000 Euro kosten“, rechnet Handloser vor. Städte und Gemeinden seien mittlerweile etwas großzügiger, was das Anmelden auf dem Wasser angeht, fügt die Pionierin an. Auch, dass es keine klaren Zuständigkeiten und eine rechtliche Grauzone gibt.

    „Fest installierte Hausboote brauchen eine Baugenehmigung. Dafür sind bis zu 50 öffentliche Träger zu konsultieren“, erklärt Ulf Sybel, Geschäftsführer der Firma Floating House in Berlin. Zum Wohnen auf dem Wasser sieht er einen klaren Trend, der sich in Deutschland aber bislang auf Großstädte und die Seen im Berliner Umland beschränkt. „Köln könnten solche Projekte schmücken. Aber auf den Behörden sind die Sachbearbeiter oft überfordert, weil sie mit dem Thema erstmals konfrontiert sind“, weiß Sascha Miebach. Der Inhaber der Kölner Firma Miebach Yacht baut Wohnboote und sucht schon von Berufs wegen überall nach passenden Liegeplätzen. „Der Rhein ist eine Autobahn und bietet wenig Platz für solche Vorhaben. Zwischen Bonn und Koblenz gibt es keine Nischen, Kanäle oder toten Rheinarme, die zum Wohnen taugen“, sagt er.

    Aber es gibt Ausnahmen. Am Heinrich-Lübke-Ufer in Köln-Rodenkirchen liegt „Iron Franz“, ein Wohnboot, das er für Grillseminare und Feiern vermietet. Wenn alles gut geht, soll „Franz“ bald umziehen: nach Sürth. Dort hat Miebach eine seltene strömungsfreie Wasserfläche am Rheinufer ausgemacht. Drei Fußballfelder groß, auf der er eine emissionsfreie Siedlung mit Hausbooten und Floating Homes plant. Das Zentrum der autarken Wohnsiedlung auf dem Wasser soll „Luise“ bilden, ein 90 Jahre alter Kutter, den der Unternehmer zum Restaurantschiff umbauen will. In zwei Monaten soll „Luise“, die zurzeit noch in bedauernswertem Zustand im Rheinauhafen unter den Kölner Kranhäusern liegt, gehörig aufgehübscht in Sürth festmachen. Dann wird auch die Baugenehmigung für die schwimmenden Häuser vorliegen, hofft Miebach. Denn zwei Parteien wollen bereits mitziehen, Platz für zwei, drei weitere Wohnboote bliebe noch.

    Günter Becker ist nach zehnjährigem Behördenmarathon am Ziel: Elf schwimmende Häuser will er auf seinen Trio Lago legen, einen See samt Freizeitpark bei Riol, 15 Autominuten von Trier. An Christi Himmelfahrt soll das erste geliefert werden, es wird zunächst an Land stehen, als Anschauungsobjekt. Die Anlage im Ferienpark soll als Geldanlage für Investoren dienen. „Sie wollen aufs Wasser ziehen?“, fragt er und wünscht mir Ausdauer, Kraft und Durchhaltewillen. „Denn Sie rudern gegen den Strom.“

    Fazit

    Völlig unmöglich ist der Traum vom Leben auf dem Wasser nicht. Vielleicht kommt die Idee für unsere Region bloß etwas früh. Aber: Visionen werden nie wahr, wenn es keine Vorreiter gibt. Und ein Gegenüber mit ausreichend Fantasie.

    Nicole Mieding

    Haus oder Schiff

    Rheinland-Pfalz verfügt über knapp 28.000 Hektar Wasserfläche. Der größte Anteil, rund 12.000 Hektar, entfällt auf Flüsse – allen voran die Bundeswasserstraßen Rhein, Mosel und Lahn. Die Schifffahrt hat hier Wegerecht, was die Wohnmöglichkeiten erheblich einschränkt.

    Schwimmende Häuser

    (Floating Homes) sind Immobilien auf dem Wasser. In der Regel werden sie an Land auf einen Schwimmkörper gebaut und an ihren stationären Liegeplatz geschleppt, wo sie ans öffentliche Versorgungs-netz angeschlossen werden müssen. Hausboote sind dagegen mobil und machen mehr oder weniger lang an einem Liegeplatz fest. Weil sie über einen eigenen Antrieb verfügen, gelten sie als Fahrzeug und werden als Sportboot zugelassen, für das man einen entsprechenden Führerschein für Binnengewässer braucht.

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