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    KoblenzHandwerk schlägt Herz im Circus Maximus: The Ataris seit Jahren wieder auf Europatour

    Nur eine klitzekleine Geste hebt die Erwartungshaltung am Dienstagabend im Circus Maximus – The Ataris legen Handtücher bereit. Vielleicht ein Routinegriff, aber doch auch eine leise Prophezeiung: Die Fans der US-Rockformation dürfen sich auf ein schweißtreibendes Konzert freuen, das einem die Schuhe auszieht. Nur so viel vorweg: Brauchen werden sie sie auf der Bühne nicht.

    Beachtliche Livequalität: Erstmals seit zehn Jahren tourt die US-Band wieder durch Europa und hat auch einen Stopp in Koblenz eingelegt.
    Beachtliche Livequalität: Erstmals seit zehn Jahren tourt die US-Band wieder durch Europa und hat auch einen Stopp in Koblenz eingelegt.
    Foto: The Ataris

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Dabei haben die Musiker um Frontman Kristopher Roe eigentlich leichtes Spiel, wenn es darum geht, den Circus musikalisch abzureißen. Viele Herzen im Publikum haben sie schon allein deshalb gewonnen, weil sie das erste Mal seit zehn Jahren wieder auf Europatour sind und eine ihrer Hymnen so gut wie jeden heranwachsenden Rockfan begleitet hat: Mit ihrer Coverversion von Don Henleys „The Boys of the Summer“ hatten The Ataris im Jahr 2003 den alles entscheidenden Hit auf dem Markt, der zu einer Bandhymne wurde und im Radio rauf und runter lief.

    Auch im gut gefüllten Circus feiert das überwiegend männliche Publikum den Ohrwurm kopfnickend und headbangend, holt vereinzelt sogar die sonst in den Hosentaschen vergrabenen Hände raus und stößt sie zur Faust geballt in die Luft wie einst die politische Linke zum Gruß.

    Handwerklich beachtliches Konzert

    Eigentlich ist alles da, was es braucht, um keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Die vierköpfige Kombo macht mit einem Mix aus alten Nummern (das letzte Album erschien 2007) und neuen Songs ihrer aktuellen EP „October in this Railroad Earth“ mächtig Druck, sodass es in den ersten Reihen nur wirklich Hartgesottene hält. Zwei Gitarren und etliche Effektgeräte ziehen mal derbe, mal verspielte Klangwände hoch, die einlullen, von Raum und Zeit entrücken und manchmal sogar ins Mark fahren. Krawallige Drums hämmern den Takt in schnellen Passagen, verschleppen rhythmische Wechsel, ohne dass die Spannung abfällt, und Bryan Nelson am Bass lässt die Haare fliegen. Über all das erhebt sich Roes Stimme mit gewohnt rauem Charme, seift auch mal poppig dahin, wie man es von amerikanischem Pop-Punkrock gewohnt ist und nimmt problemlos Höhen und Tiefen, sodass alle zusammen eine beachtliche Livequalität abliefern.

    Als treibende Kraft und besondere Energie im Bandgefüge, hat Roe in einem Interview 2013 einmal den Fakt beschrieben, dass The Ataris einen nicht gerade geringen Musikerverschleiß haben. Weil dadurch eben nie Gewöhnung eintritt, alles immer wieder neu definiert werden muss. Sucht man das Zentrum der Band, muss man zwangsläufig Roe benennen, der als einziges Gründungsmitglied seit 1994 noch heute als Kopf der Gruppe auf der Bühne steht und das Songwriting verantwortet. Die neuen Lieder sind dabei eine Zusammenschreibe einiger Ideen, die bereits Anfang der 90er-Jahre entstanden sind, erklärt Roe.

    Immer wieder weist er im Circus seine Musiker mit dem Rücken zum Publikum an, ruft ihnen Satzfragmente zu, vielleicht, weil er mit dem Sound nicht ganz glücklich ist. Vor jeder Nummer stimmt er seine Gitarre, die der Rechtshänder wie gewohnt links herum spielt. Schlagzeuger Rob Felicetti vollführt währenddessen Mal um Mal Dehnungsübungen hinter den Drums, und Thomas Holst an der Gitarre und Basser Nelson überbrücken die Zeit mit kurzen Improvisationen.

    Starker Soloauftritt

    Auch wenn sich die Spielfreude jedes Einzelnen transportiert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in dieser Band alles um eine treibende Kraft kreist; rein zwischenmenschlich passiert an diesem Abend nicht viel. Das stellt eine Szene des Konzerts exemplarisch aus: Roe performt allein mit der Gitarre „Bad Case of Broken Heart“ herzerweichend schön. Klar macht er solo erheblich weniger Dampf, aber wer auf das Scheppern verzerrter Gitarren in den Ohren und das Bassdrum-Wummern im Magen verzichten kann, dem fehlt in dieser Besetzung eigentlich auch nicht viel. Und weil ein Konzert eben nie nur handwerklich gute Musik, sondern auch das Gefühl des Moments ist, stecken The Ataris die Meute nicht zu 100 Prozent in Brand. Ein vereinzelter „Rock 'n' Roll“-Ruf schlägt ihnen bei „Summer '79“ entgegen, „Ja“ dröhnt es schon kollektiver am Ende von „The Saddest Song“. Beide Titel sind ebenso wie „Boys of the Summer“ auf dem Erfolgsalbum „So Long, Astoria“ erschienen – die einzige Scheibe, die 2003 bei Columbia Records veröffentlicht wurde.

    Vielleicht hat in Koblenz auch schlichtweg die Tagesform nicht ganz gestimmt. Schließlich eröffnete Roe das Konzert mit dem Satz „Es war für uns ein langer Tag“ (weil die Musiker in einer Polizeikontrolle feststeckten) – ein kleiner Stimmungskiller vorab. Zur echten Ekstase hat auch ein Funke mehr Gefühl gefehlt.

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