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Mainz

Bayrisches Urvieh singt Lob des Deppen

Er ist behäbig, bayerisch eben. Spielt aber virtuos auf seiner Klaviatur als Schauspieler, Autor und Kabarettist. Und die drei arbeiten Hand in Hand. Gerhard Polt, weißblaues Kabarett-Urgestein und -vieh gastierte im Unterhaus.

Seit 40 Jahren präsentiert er sich in den unterschiedlichsten Rollen dem Publikum: der Münchner Gerhard Polt.
Foto: Bernd Eßling
Seit 40 Jahren präsentiert er sich in den unterschiedlichsten Rollen dem Publikum: der Münchner Gerhard Polt.
Foto: Bernd Eßling

Mainz – Zuerst ist da dieser Blick. Ein wenig skeptisch gleitet er durchs Unterhausgewölbe. Dazu wölbt sich eine Stirnfalte über grimmig zusammengezogenen Augenbrauen. Es folgt ein indifferentes Brummen, kaum hörbar, und dann endlich das allererste Wort: "Ja ..." Wieder ein Zögern. "Gut ..." Ein Schnaufen. "Wenn's so is' ..." Nun entspinnt sich langsam, ganz langsam eine Geschichte. Satzfetzen fügen sich zu Bildern, Namen zu Typen. Die Pointe wird kommen, aber es wird noch dauern.

Schlicht "Solo" nennt Gerhard Polt sein aktuelles Programm. Auch mit 70 Jahren ist der Münchner noch voller Energie, denn bei ihm fließt sie langsam, bayerisch eben, bevor sie sich in dem ein oder anderen Wutausbruch entleert.

Ein CSU-Museum will Polt – oder besser: die namenlose Figur, die er da spielt – gründen, "wo man die Geschichte der CSU ganz anders wahrnimmt als sonst". Sinnlich soll es zugehen.

Polt hat allerlei Heiligenbildchen zu bieten, darunter Konterfeis aller CSU-Parteivorsitzender. "Ich hab' natürlich auch Stoiber-Bilder in Hülle und Fülle. Aber das sind in dem Sinn keine Heiligenbilder, das sind mehr Märtyrerbilder. Und ich bin auch im Besitz der Knochen der Lieblingshaxe von Franz Josef Strauß."

Vom geplanten Museum hangelt sich Polt durch die Personalpolitik der Partei. Von Otto Wiesheu, erzählt er. "Der hat damals einen Polen niedergefahren." 1,75 Promille hatte Wiesheu im Blut. "Der Pole war nüchtern, aber das hat ihm nichts genutzt." Zur Beerdigung konnte Wiesheu leider nicht kommen. "Da hat er gerade das Bundesverdienstkreuz bekommen, und später wurde er Verkehrsminister, weil er doch so in den Straßenverkehr eingegriffen hat."

Seit nunmehr 40 Jahren gibt Polt den bayerischen Spießer, den bornierten Bürger oder den alten Nazi, der sich regelmäßig selbst entlarvt. Mal zynisch, mal bauernschlau, dann wieder ungeheuer einfältig kommt er daher. Mit der Sketchreihe "Fast wie im richtigen Leben" wurde er 1979 so richtig bekannt, Kinofilme wie "Kehraus" und "Man spricht deutsch" folgten. Polt stand unter anderen mit den Biermösl Blosn und mit Dieter Hildebrandt auf der Bühne.

Er ist ein echtes Urvieh des Kabaretts, er darf sich also Zeit nehmen. Rund zehn Geschichten hat er mitgebracht. Er singt das Lob auf den Deppen: "Mir ist ein echter Depp, ein Volldepp menschlich näher als ein Intellektueller." Er schwärmt von seinem Schulkameraden Berit, dem nichts zu fies war und der damit bei der Allianz landete. Oder er bekennt sich zum exzessiven Autofahren.

Polt präsentiert wunderbar komponierte Miniaturen, die aber immer ihn als Typ brauchen, um lebendig zu werden. Der Schauspieler, der Autor und der Kabarettist Polt arbeiten Hand in Hand, um bayerische Sittengemälde zu pinseln, absurde Skizzen zu zeichnen oder ausnahmsweise mal zur halb versteckten politischen Breitseite auszuholen. Davon haben sich Kollegen wie Gerd Dudenhöffer oder Rolf Miller einiges abgeguckt.

"Also, wie soll ich es Ihnen sagen?", fragt Polt schon mal in Richtung Publikum. Tatsächlich weiß er immer genau, wie er es sagen soll. Zwei Stunden lang überzeugt er davon die Gäste im ausverkauften Unterhaus. "Vielen Dank für das schöne Geräusch", bedankt er sich zum Schluss für den Applaus – und erzählt noch eine Geschichte. Gerd Blase

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