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    Premiere in Köln: Mit "Frau Schmitz" lacht man immer goldrichtig

    In der Karnevalshochburg Köln wird bekanntlich gern gelacht. Bis zum 11.11. sind es noch ein paar Wochen hin – im Schauspielhaus stimme man sich allerdings jetzt bereits mit Kalauern und Plattitüden auf die närrische Zeit ein.

     

    Ob Mann, ob Frau, man weiß es nicht genau: Der Autor Lukas Bärfuss widmet sich in „Frau Schmitz“ der Frage nach Geschlechtsidentität und damit verbundenen Zuschreibungen auf politisch sehr korrekte Weise.
    Ob Mann, ob Frau, man weiß es nicht genau: Der Autor Lukas Bärfuss widmet sich in „Frau Schmitz“ der Frage nach Geschlechtsidentität und damit verbundenen Zuschreibungen auf politisch sehr korrekte Weise.
    Foto: Tommy Hetzel

    Doch die Theaterzuschauer wollen bei aller Heiterkeit bekanntermaßen nicht mit dem Kappensitzungspublikum verwechselt werden, weshalb sie sich nur aus rein gesellschaftspolitischen Gründen beömmeln. Es muss also mindestens um Kapitalismuskritik, Intoleranz und Transgenderidentitäten gehen.

    Dafür wurde gesorgt: Schlicht und einfach „Frau Schmitz“ heißt die Farce des Schweizer Autors Lukas Bärfuss, die nun am Schauspiel Köln ihre deutsche Erstaufführung erlebte. So eindeutig der Titel, so uneindeutig ist die Titelfigur: Frau Schmitz ist eigentlich ein Mann, der aber Frauenkleider, Make-up und eine feminine Frisur trägt. Schmitz lebt als Frau. Gattin und Tochter haben sich daran gewöhnt – und einigen Arbeitskollegen ist es gar nicht aufgefallen.

    Nur als Mann Projekt zu retten?

    Das Unternehmen scheint tolerant zu sein, jedoch bittet man Frau Schmitz, sich für 48 Stunden wieder in einen Mann zu verwandeln, um einen wichtigen Geschäftsmann in Pakistan zu treffen, der jedoch keine Frauen als Verhandlungspartner akzeptiert. Gesagt, getan: Frau Schmitz schlüpft in einen Businessanzug und rettet in Pakistan ein Großprojekt. Wieder zurück im Unternehmen bleibt Schmitz vorerst männlich gewandet, bis sich die Kollegen an dieser chamäleonhaften Identität zu stören beginnen. Auch der Chef ist irritiert, obwohl er zuvor noch ein Lob auf den Wandel anstimmte, denn nur so könne man erfolgreich Geschäfte machen.

    Tickets und Termine unter www.schauspiel.koeln.de

    Lukas Bärfuss will mit seiner Farce zum einen zeigen, dass die Toleranz der Mitmenschen dann endet, wenn sich jemand nicht festlegen will – die Entweder-oder-Logik strukturiere die Gesellschaft. Zum anderen ist Wandelbarkeit in der heutigen Wirtschaftswelt unabdingbar – doch auch die Wirtschaft sei letztlich binär strukturiert und verlange deshalb feste Identitäten. Begründungen für letztere Annahme liefert Bärfuss nicht – das wäre auch schwierig, denn hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Der Unternehmenschef zitiert ausführlich, ohne ihn namentlich zu erwähnen, den österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der bereits in den 1940er-Jahren davon ausging, dass der Kapitalismus auf permanente Revolutionen angewiesen ist, um sich selbst erneuern zu können.

    Frau Schmitz als Verkörperung der ständigen Revolution

    Auch Krisen sind hilfreich: Sie sind laut Schumpeter „schöpferische Zerstörungen“. Heute spricht man von Disruption. Bärfuss scheint aber diese Prämisse nicht verstanden zu haben, auch ignoriert er, dass etwa die Silicon-Valley-Firmen Transgenderpersonen umwerben. Bärfuss‘ Kapitalismuskritik führt somit in eine Sackgasse, denn im Prinzip ist Frau Schmitz die reinste Verkörperung dieser ständigen Revolution, eben weil sie sich nicht festlegen will: Schon im „Kommunistischen Manifest“ diagnostizieren Karl Marx und Friedrich Engels, dass im Kapitalismus „alles Ständische und Stehende verdampft“.

    Man merkt Rafael Sanchez‘ Inszenierung an, wie sie mehrmals über die Fehlschlüsse des Stücks stolpert. Die Schauspieler, die mit altbackenen Boulevardgesten aufwarten, geben sich Mühe, dies mit albernen Mätzchen zu überspielen.

    Auf der von Simeon Meier gestalteten Bühne steht eine Art Paravent, der nicht nur schnelle Szenenwechsel ermöglicht, sondern auch das Thema der wandelbaren Identität durch Tapetenwechsel und Lasertechnik aufgreift. Die Bühne ist das einzig Geistreiche an diesem Abend. Besonders dümmlich ist hingegen der Humor, der Frau Schmitz‘ Kollegen plakativ vorführt, selbst aber stets auf der goldrichtigen Seite steht.

    Man feiert die eigene Toleranz

    Dabei feiert das Stück – und mit ihm das Publikum – seine eigene Toleranz als die eigentliche Sensation. Wohlfeiler geht es kaum. So dient „Frau Schmitz“ einem sich ohnehin aufgeklärt wähnenden Publikum zur Selbstbestätigung, sind doch die Positionen der Antipoden derart indiskutabel, dass man sich mit der Titelfigur zwingend solidarisieren muss.

    Das ist weder klug noch witzig – aber politisch sehr korrekt. Die Kölner Karnevalisten sind da angenehmer: Ihr Lachen braucht keinen wackligen intellektuellen Überbau, sie benötigen keine „Frau Schmitz“, ihnen genügt die „ahl Frau Schmitz“, der Lotti Krekel „e paar Blömcher“ schenken will. Und die Genderpolitik liegt ganz in den Händen der Jungfrau aus dem Dreigestirn.

    Von unserem Reporter
    Wolfgang M. Schmitt

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