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    Koblenz

    Joseph-Breitbach-Preisträgerin Dea Loher: Eine Szene ist gut, wenn sie groovt

    Die Berliner Dramatikerin und Autorin schreibt ihre Texte für die Bühne nach Gehör. Ihren einzigartigen Rhythmus, für den sie den Joseph-Breitbach-Preis 2017 erhält, ließ sie jetzt in der Buchhandlung Reuffel hören.

    Lesung zum Auftakt der Preisverleihung: Zum 20. Mal wird der Joseph-Breitbach-Preis vergeben – jetzt an die Dramatikerin und Autorin Dea Loher.
    Lesung zum Auftakt der Preisverleihung: Zum 20. Mal wird der Joseph-Breitbach-Preis vergeben – jetzt an die Dramatikerin und Autorin Dea Loher.
    Foto: dpa

    Zu sehen, wie ihre Figuren vom Papier ins Leben drängen, wie sie sich auch in einer kleinen Lesung mit all ihrer Gebrochenheit und tragikomischem Witz entfalten – da muss sie selbst lachen. Schmunzelt, begeistert sich. Sie, die von sich sagt, keinerlei szenische Vorstellungskraft zu besitzen und dabei doch eine der wichtigsten Dramatikerinnen des deutschen Gegenwartstheaters ist: Dea Loher. Sie, die jetzt für ihr Werk den Joseph-Breitbach-Preis erhält.

    Erstmals in der Geschichte dieses Literaturpreises wird einer Theaterautorin diese Ehre zuteil. Und erstmals erfindet sich deshalb auch die traditionelle Preisträgerlesung in der Buchhandlung Reuffel neu. Denn nicht Loher selbst tritt am Donnerstagabend an, um zu lesen, sondern Dorothee Lochner und Marcel Hoffmann aus dem Ensemble des Theaters Koblenz. Sie geben in acht Szenen aus dem 2010 erschienenen Stück „Diebe“ einen Hinweis auf die politische Essenz in Lohers Stücken, fächern fragmentarisch die Sprachschönheit und Dynamik, das innere Beben ihres Werks auf.

    Eine Szene muss grooven

    „Alles, was ich schreibe, ist rhythmisch. Ich schreibe nach Gehör, da ich keinerlei szenische Vorstellungskraft habe. Eine Szene muss in meinen Ohren grooven, dann weiß ich, dass sie gut ist. Auch Inszenierungen beurteile ich danach, ob der Rhythmus stimmt“, sagt sie im Gespräch mit Theaterintendant Markus Dietze.

    Und so hält sie sich auch in „Diebe“ mit Regieanweisungen zurück. Pause, Schweigen, Stille – viel mehr schreibt sie den Szenen nicht ein. Stellt so das Nichtsprechen, Erstarren, Innehalten und Abwarten aus. Zwischen ihren Protagonisten schlagen Pausen, Schweigen und Stille Gräben und Brücken, strukturieren und kommentieren deren zwischenmenschliches Ringen rund um das Motiv Hoffnung.

    Dea Lohers „Magazin des Glücks“ ist am Theater Koblenz zu sehen: Alle Termine ab 4. Oktober gibt es online unter www.theater-koblenz.de

    „Zwölf Existenzen am Rande einer großen Stadt“ lässt Loher aufeinandertreffen, verwebt ihre Geschichten zu einem Kaleidoskop der Suchenden und Zuversichtlichen und jenen, die die Hoffnung schon verlassen hat – seien es die Verkäuferin Monika, die sich ihre berufliche Zukunft ausmalt, Finn, der mit seinem Leben abschließt, oder Gabi, die in ihrer Beziehung droht, verloren zu gehen.

    Vielen gibt Loher den Beinamen Tomason. Tomason bezeichnet die Idee „eines zwecklosen Gegenstands im öffentlichen Raum und geht auf den japanischen Künstler Genpei Akasegawa zurück“, heißt es im Anhang zum Stück. Das Obsoletwerden innerhalb persönlicher oder gesellschaftlicher Gefüge durchdringt „Diebe“; für Loher, eine präzise Beobachterin der Istzustände, eine generell zwingende Konstante ihres Werks: „Ich gehe durch das Theater mit der Welt um, mit dem Chaos, den Unverständlichkeiten, und versuche, sie in eine Form zu bringen. Theater handelt davon, wie wir miteinander leben. Dadurch hat es automatisch politischen Anspruch. Ich wüsste nicht, wie es anders funktionieren sollte.“

    Der Joseph-Breitbach-Preis ist eine der höchsten Literaturauszeichnungen und mit 50 000 Euro dotiert.Er wird seit 1998 von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz und der Stiftung Joseph Breitbach in Vaduz an deutschsprachige Schriftsteller verliehen - seit 2003 wird die Verleihung in Koblenz gefeiert. Bisherige Träger des Joseph-Breitbach-Preises waren unter anderem Reiner Stach, Brigitte Kronauer, Ingo Schulze, Dieter Wellershoff, Herta Müller, Raoul Schrott und Ursula Krechel. Der im heutigen Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein geborene Breitbach (1903–1980) war ein deutsch-französischer Schriftsteller und Publizist, der seit 1929 überwiegend in Frankreich lebte.

    Dass Lohers Stücke zudem so trefflich aufgehen, schreibt Intendant Dietze vor allem auch ihrer Sprachkunst zu: Die Qualität ihrer Texte bestehe darin, dass ihre syntaktischen Mechanismen, ihr Umgang mit Auslassungen, abrupten Satzenden oder -anfängen auch nie nur die leiseste Ahnung zuließen, es müsste anders sein oder anders klingen. Loher nimmt dieses Kompliment bescheiden entgegen, so wie sie ohnehin an diesem Abend zwar zurückhaltend, aber auch geradeheraus auftritt.

    Theater als Raum der Sprache

    Über ihre Sprache und das Verhältnis zum Theater erklärt sie etwa: „Theater ist für mich in erster Linie der Raum der Sprache. Was Schauspieler tun, passiert durch Sprache als quasi erstes Material.“ Wie gut diese mit Lohers Erzählstil korrespondieren, zeigen Lochner und Hoffmann eindrücklich.

    Schon in der ersten Leseprobe hätte es so gut wie keine Stolperstellen gegeben, meint Dietze – „für mich ein besonderes Qualitätsmerkmal von Texten“. Und auch eine Leistung der Schauspieler – schließlich sind sie kurzfristig anstelle von Tatjana Hölbing und Reinhard Riecke eingesprungen, die noch intensiv an Lohers „Magazin des Glücks“ proben, das am heutigen Samstag Premiere feiert.

    Im Dialog gleiten Lochner und Hoffmann durch „Diebe“, schöpfen, wenn sie es schon nicht mit vollem Körpereinsatz können, die ihnen möglichen Mittel aus: Tiefe Augenaufschläge, durchdringende Blicke, krause Stirnpartien, geschürzte Lippen – Lohers Texte arbeiten all das aus ihnen heraus, fördern das Mienenspiel wie selbstverständlich auch abseits der Bühne zutage. Eine wunderbare Spannung, die nicht nur dem Publikum, sondern Loher selbst immer wieder ein herzliches Lachen entlockt.

    Mit Witz pariert sie auch Dietzes Sticheleien gegenüber ihrer Heimat Bayern. So zitiert er zum Ende hin Joseph Breitbach aus gegebenem Anlass höchstselbst: „Jeder zweite Bayer sieht aus wie ein Wilddieb oder Kindsmörder“, heißt es im Begleitband zur Neuausgabe von Breitbachs „Dasseldorf“. Loher entgegnet lässig: „Das erschüttert mich nicht im Geringsten.“ Zu ihrer Heimat hat sie sich bereits öffentlich kritisch geäußert, sie zieht jedoch auch Kraft aus ihr – „Man wird dadurch zum Anarchisten“, sagt sie und verweist auf Querköpfe aus dem süddeutschen Raum wie Rainer Werner Fassbinder, Bertolt Brecht oder Marieluise Fleißer. In diese Reihe darf sich Loher gern stellen, nun um eine hoch dotierte Ehrung – 50.000 Euro – reicher.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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