40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Ist die "Ehe für alle" der Anfang vom Ende der Ehe?
  • Aus unserem Archiv

    Liebe macht blindIst die "Ehe für alle" der Anfang vom Ende der Ehe?

    Das gilt auch für die Befürworter der Ehe für alle, die jede Kritik an der Eheöffnung als reaktionäres Geschwätz abtun.

    Umfragen zufolge ist eine große Mehrheit der Deutschen dafür, auch gleichgeschlechtlichen Paaren das Eingehen einer Ehe zu ermöglichen - verbunden mit allen Rechten und Pflichten. Der Begriff "Ehe für alle" ist dabei womöglich schlecht gewählt - denn er könnte der Forderung nach weiterer Öffnung des Ehebegriffes Tür und Tor öffnen. Foto: dpa
    Umfragen zufolge ist eine große Mehrheit der Deutschen dafür, auch gleichgeschlechtlichen Paaren das Eingehen einer Ehe zu ermöglichen - verbunden mit allen Rechten und Pflichten. Der Begriff "Ehe für alle" ist dabei womöglich schlecht gewählt - denn er könnte der Forderung nach weiterer Öffnung des Ehebegriffes Tür und Tor öffnen.
    Foto: dpa

    Von Wolfgang M. Schmitt

    Lange wurde dafür gekämpft, dass Homosexuelle heiraten dürfen und heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden. Doch „Ehe für alle“ ist dafür eine fatale Bezeichnung, die möglicherweise den Anfang vom Ende der Ehe ankündigt. Wenn jetzt konservative Stimmen laut werden, die Eheöffnung sei der erste Schritt hin zur Polygamie, liegt das auch an der Bezeichnung, die aus der französischen Debatte übernommen wurde; 2012 prägte François Hollande den Ausdruck „mariage pour tous“. Vermieden werden soll somit der Begriff „Homo-Ehe“, durch den Homosexualität als Ausnahme von der heterosexuellen Norm erscheint. Doch was soll eine Ehe für alle bedeuten? Sind lediglich alle homo- und heterosexuellen Paare gemeint oder könnte man unter diesem Slogan auch die Ehe öffnen für mehr als nur zwei Partner? In Kolumbien wurde kürzlich die „Ehe zu dritt“ eingeführt, und andere Kulturkreise kennen ohnehin von der bürgerlichen Ehe abweichende Modelle.

    Der Blick in die Geschichte zeigt: Die Forderung nach einer Eheöffnung für homosexuelle Paare hat eine bis in das revolutionäre Jahr 1968 zurückreichende Tradition. Damals wurden – man denke an die Kommune I – neue Konzepte des Zusammenlebens propagiert. Die bürgerliche Ehe fungierte vor allem als Feindbild, und mancher Alt-68er wundert sich heute über jene Homosexuellen, die unbedingt heiraten wollen. Die schwulen Filmregisseure Rosa von Praunheim und John Waters etwa sehen darin eine ungute Verbürgerlichung. In der Tat scheinen Homosexuelle endgültig im Establishment angekommen zu sein. Ihnen blüht dort das gleiche Schicksal wie den Grünen, der Partei, die sich jahrzehntelang für ihre Belange einsetzte. Sie verlieren ihre Exklusivität und gehen auf in einer Bürgerlichkeit, wie sie Angela Merkels CDU vertritt. Allerdings könnte die Eheöffnung auf lange Sicht eher das Ende der Bürgerlichkeit bedeuten, wenn man noch einmal an das Jahr 1968 denkt. In der akademischen Welt entstand die Geschlechterforschung, heute Gendertheorie genannt. Sie verfolgt einen radikalkonstruktivistischen Ansatz: Sie geht davon aus, dass alles gemacht und nichts natürlich ist und deshalb auch alles verändert werden kann. Viele Gendertheoretiker kritisieren noch heute die bürgerliche Ehe als repressives und zutiefst kapitalistisches Konzept. Dennoch setzen sich viele von ihnen vehement für die Ehe für alle ein. Warum?

    Für sie ist die gleichgeschlechtliche Ehe ein Etappensieg: Die einflussreiche Genderphilosophin Judith Butler plädierte in einem Interview für eine weitere Öffnung: „Warum nicht drei oder vier? Ja, wieso sollen es zwei sein?“ Was radikal klingt, wird seit ein paar Jahren auch in Büchern und Feuilletons diskutiert. Dort spricht man von Polyamorie, was gleichwertige Liebesbeziehungen zu mehreren Personen parallel meint. Der Ausdruck „Ehe für alle“ könnte deshalb bald neue politische Brisanz gewinnen. Vielleicht wird tatsächlich die Ehe für drei oder vier gefordert. Die Homosexuellen, die schlichtweg ihre Lebenspartner heiraten wollen, können für diese etwaige Entwicklung selbstverständlich nichts, aber die Politik sollte sich eindeutig zur monogamen Ehe bekennen. Eine weitere Öffnung würde zur Auflösung der Institution Ehe führen. Damit wäre sie völlig wertlos.

    In gewisser Weise lag der Feminismus richtig, in der bürgerlichen Ehe ein der Marktwirschaft dienliches Konstrukt zu sehen. Heute aber, wo ständig Flexibilität und Mobilität verlangt wird, erscheint die Ehe plötzlich als widerständig – das meinte vor einigen Jahren bereits Norbert Blüm. Sie steht für etwas Stabiles und Immobiles. Eine polyamore Öffnung der Ehe wäre eine Anpassung an die neue, nach allen Seiten offene Wirtschaftswelt. Vielleicht sind also die homo- und heterosexuellen „konservativen“ Ehepaare subversiver als gedacht.

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!