40.000
Aus unserem Archiv
Berlin

Ein katastrophaler Abend mit Helmut Berger

Wolfgang M. Schmitt

Schönster Mann der Welt, Luchino Viscontis Lebensgefährte, Filmstar und Lebemann – das war Helmut Berger in den 1960er- und 70er-Jahren. Danach folgte der Absturz: Drogen, Alkohol, Pleiten, Skandale, Dschungelcamp. Vor wenigen Wochen aber sah es so aus, als könnte sich das Blatt für ihn noch einmal wenden. Die Berliner Volksbühne kündigte an, dass Berger in Albert Serras Stück „Liberté“ mitspielen werde. Nie zuvor stand die Leinwandlegende auf einer Theaterbühne. Nach RTL nun doch noch die späten Weihen der Hochkultur?

Foto: dpa

Nein. Um es gleich zu sagen: Der Abend ist eine einzige Katastrophe. Und daran ist nicht Helmut Berger schuld. Fassungslos, kopfschüttelnd, peinlich berührt, blickt man zweieinhalb Stunden auf die Bühne. Albert Serra, der auch das Stück schrieb, ist eigentlich Filmregisseur, wurde zuletzt für „Der Tod von König Ludwig XIV.“ gefeiert, doch er besitzt keinerlei Gespür für den Bühnenraum. Er inszeniert Nahaufnahmen, die aber niemand sehen kann.

Foto: dpa

Die Bühne als begehbares Gemälde

Alles spielt in einer idyllischen, stets diesigen Landschaft, ein begehbares Gemälde von François Boucher oder Antoine Watteau, irgendwo zwischen Potsdam und Berlin. Französische Adlige machen Rast. Sie sind Verfechter der freien Liebe, Libertins, die das durch Ludwig XVI. immer konservativer werdende Versailles verlassen haben, um in Deutschland ihre Ideale zu leben. Dabei soll ihnen der Freigeist Duc de Walchen, eine Art Marquis de Sade, helfen. Den spielt – wer sonst? – Helmut Berger, doch bis zu seinem ersten Auftritt vergeht eine zähe Stunde.

Im Rokokostil kostümierte Schauspieler werden derweil in Sänften über die Bühne getragen. Ohne auszusteigen. Aus ihren Kästen heraus sprechen sie ihre Texte, vielmehr sagen sie sie bloß auf. Die 79-jährige Ingrid Caven, einst gefeierte Fassbinder-Muse, tut das so schrullig wie nur möglich – das ist keine schlechte Idee insofern, als man sie, wenn man sie schon kaum sieht, so wenigstens an der Stimme erkennen kann. Denn es wird auf der Bühne nie hell, die Sänften sind nur schwach beleuchtet.

Einmal sagt eine Figur auf der Bühne: „Ich kann im Dunkeln nicht gut sehen.“ „Wir auch nicht“, ruft eine Zuschauerin – solidarisches Gelächter im Publikum, das zu einer sich fremdschämenden Elendsgemeinschaft zusammenwächst. Man sieht aber nicht nur wenig, man versteht auch die Dialoge akustisch kaum. „Lauter! Lauter!“, rufen anfangs einige Zuschauer.

Im Flüsterton wird in die schlecht eingestellten Mikrofone gesprochen, auch Laien mit starken Akzenten ringen auf der Bühne mit den Satzmonstern und entleeren deren ohnehin nur sehr dürftigen Sinn. Vielleicht meinte das der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon mit mehr Internationalität: Sprechen spielt in diesem deutschen Sprechtheater keine Rolle mehr, wer etwas verstehen will, muss englische Übertitel mitlesen.

Dann aber ist es so weit: In einer Sänfte am Bühnenrand schiebt Helmut Berger die Gardine beiseite. Leise, langsam spricht er. Zum Beispiel: „Nichts reinigt stärker als die Lust.“ Ein schöner Satz, dessen Wahrheitswert Berger durch seine bloße Präsenz bezeugt. In diesen Momenten ahnt man, wie großartig ein solcher Abend mit Berger trotz seiner Gebrechlichkeit und anderer Schwierigkeiten – bekam der Altstar seinen Text durch einen Knopf im Ohr souffliert? – hätte sein können.

Husten zum Zeitvertreib

Nach fünf Minuten geht Berger am Stock davon. In 40 Minuten ist sein nächster Auftritt. Die ersten Zuschauer gehen, manche schlafen ein, die meisten husten zum Zeitvertreib. Die Sänften werden wieder munter hin- und hergetragen – irgendwann weiß auf der Bühne keiner mehr weiter. Bei der Panne zischt eine Schauspielerin (vermutlich Caven) unüberhörbar: „Was soll der Quatsch?“ Gute Frage. Dann sitzt Helmut Berger wieder in der Sänfte, beklagt als Duc de Walchen die fortschreitende Syphilis. „Die Schönheit führt zum Tode.“ Ja. Berger spricht jetzt schönstes Italienisch, jedes Wort mit Melancholie gehaucht. Zu sehen ist in diesem Moment nicht mehr seine Bühnenfigur, sondern er selbst gibt sich mit der Trauer, die sein Leben umflort, zu erkennen. Charisma hat er noch immer, er braucht fast nichts zu tun, um trotzdem die Bühne zu dominieren.

Ist das noch Schauspielkunst, oder ist Helmut Berger einfach selbst zu einer großen tragischen Figur geworden? Zu unterscheiden ist das nicht mehr, wohl auch, weil wir Gewöhnlichen kaum begreifen können, wie es sich für Berger auf den höchsten Höhen des Filmparnass angefühlt haben muss, in Cinecittà bei Rom, und wie hart der Aufprall ist, wenn man von dort aus hinunterfällt. Winzig klein, mit gelben Licht angestrahlt, ist das Gesicht in der Sänfte zu sehen, das einst, in besseren Tagen, zu Zeiten besserer Kunst und besserer Regisseure, zum Antlitz König Ludwigs II. wurde, das in „Gewalt und Leidenschaft“ Burt Lancaster verführte und das als Dorian Gray nicht alterte. Aber das Leben ist kein Oscar-Wilde-Roman.

Zum Sterben wird Berger als Duc de Walchen jetzt aus seiner Sänfte getragen und auf die Bühne gelegt. Ende. Zum ersten Mal wird es richtig hell, und das Publikum muss mit ansehen, wie Helmut Berger für den Schlussapplaus wieder hochgehievt wird. Warum blieb es nicht einen Moment länger dunkel? Mehr noch als das RTL-Dschungelcamp raubt die Berliner Volksbühne Helmut Berger seine Würde. Der geht auch gleich hinter die Bühne, zur zweiten Verbeugung erscheint er zunächst gar nicht, dann tritt er doch noch hervor, winkt kurz. Es ist das Winken eines Weltstars, der in die tiefste Berliner Provinz hinabgestiegen ist.

Von unserem Reporter
Wolfgang M. Schmitt

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!