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    documenta 14 in Athen: Die Welt ist ein Dorf

    Hunderte Kilometer von Rheinland-Pfalz entfernt sind im Rahmen der documenta-Eröffnung in Athen alte Bekannte in den Auftakt der Kunstschau eingebunden: Daniel Raiskin dirigiert das Eröffungskonzert und ein Sänger aus St. Goar managt ein syrisches Exilantenorchester.

    Daniel Raiskin dirigiert das Athens State Orchestra – verstärkt um syrische Musiker, die verteilt über Europa im Exil leben.
    Daniel Raiskin dirigiert das Athens State Orchestra – verstärkt um syrische Musiker, die verteilt über Europa im Exil leben.
    Foto: Claus Ambrosius

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Die Gänsehaut kommt mit der Zugabe: Zum allerersten Mal spielt das Athens State Orchestra aus den Noten, die Jehad Jazbeh ihnen gerade auf die Pulte gelegt hat. Der Geiger des Syrian Expat Philharmonic Orchestras (Sepo) hat das syrische Volkslied „Mein schönes Heimatland“ für großes Orchester bearbeitet. Bereitwillig überlässt sein Kollege, der Konzertmeister des Athener Orchesters, dem Syrer seinen Platz am ersten Pult der ersten Geigen für dieses Stück. Eine große kollegiale Geste – und das wunderbare Ende einer Generalprobe für ein Konzert, das nicht alltäglich ist.

    Hätte es je eines Beweises bedurft, dass zumindest in der Kunst und besonders in der Musik die Welt ein Dorf ist: Dieses Konzert zum Auftakt der Kunstschau documenta in Athen wäre der beste Beweis. Zur Eröffnung erklingt die dritte Sinfonie des polnischen Komponisten Henryk Mikołaj Górecki (1933–2010), eines der populärsten zeitgenössischen Orchesterwerke. Und dazu treffen Künstler aufeinander, die in Athen ebenso selbstverständlich zusammen musizieren wie am Rhein: Als Dirigent ist Daniel Raiskin nach Athen gereist. Der aus Russland stammende Musiker war nicht nur mit Górecki persönlich bekannt, sondern wirkte lange Jahre nicht nur als Chefdirigent des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie mit Sitz in Koblenz, sondern auch eines großen polnischen Orchesters.

    Im Laufschritt vom Athener Verkehrschaos zur Bühne: Musiker des Syrian Expat Orchestras (in kurzen Hosen: Geschäftsführer Falko Hönisch) eilen zur Probe des documenta-Eröffnungkonzerts.
    Im Laufschritt vom Athener Verkehrschaos zur Bühne: Musiker des Syrian Expat Orchestras (in kurzen Hosen: Geschäftsführer Falko Hönisch) eilen zur Probe des documenta-Eröffnungkonzerts.
    Foto: Claus Ambrosius

    Verstärkt wird das Athener Orchester von einem guten Dutzend Musikern, die in Rheinland-Pfalz schon mehrfach zu Gast waren: Bei einem Engagement in Bremen war der Bariton Falko Höhnisch, Leiter des Musikfestivals und der Akademie St. Goar, auf Sepo, ein Ensemble syrischer Exilanten, aufmerksam geworden. Er lud die Musiker um den Sepo-Gründer und musikalischen Leiter Raed Jazbeh mehrfach in die Region ein, kam so eher zufällig zur Geschäftsführung – und war mit den Musikern, die allesamt aus dem vom jahrelangen Krieg zermürbten Syrien stammen, in kleinen und mittleren Städten ebenso zu Gast wie jüngst in der Elbphilharmonie.

    Im Vorwort zum Programmheft des Eröffnungskonzerts in Athens größtem Saal für klassische Musik bedankt sich Daniel Raiskin für die Möglichkeit, Teil dieses Projekts mit Musikern aus Syrien in Athen, der „Wiege westlicher Kultur und Zivilisation“, sein zu können. Und er erinnert daran, dass ein Satz der Górecki-Sinfonie – „ein höchst kraftvolles Zeugnis des Leides und des Verlusts“ – auf Gebetsworten basiert, die eine Gefangene auf der Zellenwand eines Gestapo-Gefängnisses in Polen hinterließ. „Nur, wenn wir uns zutiefst vom Schmerz und von der Verzweiflung anderer beunruhigen lassen, wird diese Welt ein besserer Ort werden“, appelliert Raiskin.

    Die Musiker des Sepo haben die Nöte ihrer Landsleute, die zu Tausenden in Athen auf eine bessere Zukunft hoffen, nicht vergessen: Nach einem spontanen Konzert in einem der Athener Flüchtlingslager würden sie gern ein Konzert für alle Flüchtlinge der Stadt unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt geben: „Wir haben im Lager gespürt, wie groß die Emotionen sind, wenn die Situation tiefer Not auf die Schönheit der Musik trifft“, erzählt Sepo-Gründer Raed Jazbeh bewegt. Oder, wie Daniel Raiskin aus Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“ von 1868 zitiert: „Schönheit wird die Welt retten.“

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