40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Blaue Flecken vom Singen? Aurea Marston erzählt von körperlich fordernden Szenen in "Carmen"
  • Aus unserem Archiv

    KoblenzBlaue Flecken vom Singen? Aurea Marston erzählt von körperlich fordernden Szenen in "Carmen"

    Tausende Besucher erleben von heute Abend an die letzten vier Vorstellungen der Freiluftproduktion von Georges Bizets Oper „Carmen“ auf der Festung Ehrenbreitstein. Die mag auf Fotos gewohnt folkloristisch aussehen – doch das täuscht, hier geht es ganz anders zur Sache.

     

    In den meisten „Carmen“-Produktionen tritt Micaëla zu Beginn brav wie Rotkäppchen auf und geht unbehelligt wieder ab – in Koblenz zeigt Regisseurin Anja Nicklich gleich, wie übergriffig die Männergesellschaft in Sevilla ist. Aurea Marston (Mitte) spielt diese Micaëla mit vollem Einsatz. 
    In den meisten „Carmen“-Produktionen tritt Micaëla zu Beginn brav wie Rotkäppchen auf und geht unbehelligt wieder ab – in Koblenz zeigt Regisseurin Anja Nicklich gleich, wie übergriffig die Männergesellschaft in Sevilla ist. Aurea Marston (Mitte) spielt diese Micaëla mit vollem Einsatz. 
    Foto: Matthias Baus

    Das brave Landmädchen Micaëla sucht in Sevilla ihren Ziehbruder Don José. Da er beim Militär ist, fragt sie bei einer Gruppe von Soldaten nach – und was in mancher Zusammenfassung beschrieben wird als „das Angebot, sich mit den Soldaten die Zeit zu vertreiben, lehnt Micaëla dankend ab“, sieht in Koblenz anders aus. In der "Carmen"-Inszenierung von Anja Nicklich werden alle Männer auf der Bühne sofort handgreiflich, nur um Haaresbreite gelingt es Micaëla, dieser Gier und Gewalt zu entkommen. Nach der Premiere wurde die Schweizer Sängerin Aurea Marston für ihr kompromissloses Spiel und ihren ausdrucksvollen Gesang als Micaëla gefeiert: Im RZ-Interview erzählt sie, wie sie mit solch körperlich fordernden Szenen umgeht – und was sie seit ihrem Weggang aus dem Koblenzer Ensemble gemacht hat.

     

    Liebe Frau Marston, Glückwunsch zu Ihrem Erfolg – und die Frage: Haben Sie viele blaue Flecken davongetragen?

    (lacht) Oh ja, vor allem an den Beinen. Aber ehrlich: Das macht nichts, das ist in Ordnung.

    Als Zuschauer merkt man schnell, wenn Regisseure von Darstellern etwas verlangen, was diese eigentlich nicht machen wollen. In „Carmen“ sieht das alles überzeugend aus – was hat Anja Nicklich angestellt, dass Sie das so mitmachen?

    Sie ist einfach total überzeugt von dem, was sie für das Stück gefunden hat. Dazu kommt ihre Begeisterung, ihr Feuer, Liebe zum Stück und Liebe zu den Figuren – und dann reißt das auch uns Darsteller mit, dann möchte man alles geben.

    Aurea Marston wird als Micaëla in Bizets „Carmen“ gefeiert. Der Weg dahin war fordernd - Marston wechselte vom Mezzosopran- ins  Sopranfach.
    Aurea Marston wird als Micaëla in Bizets „Carmen“ gefeiert. Der Weg dahin war fordernd - Marston wechselte vom Mezzosopran- ins  Sopranfach.
    Foto: Matthias Baus

    Reden wir bitte konkret über solch eine Szene: In den meisten „Carmen“-Inszenierungen tritt Micaëla auf wie ein blondes Rotkäppchen mit Korb und Kleidchen, singt schön und erntet vielleicht von den Soldaten ein paar anzügliche Pfiffe und Blicke. Sie aber kommen auf die Bühne – und die Männer werden gleich handgreiflich, da setzt eine bedrohliche Dynamik ein, man ist wirklich erleichtert, dass Sie sich aus der Situation befreien können. Wie fühlen Sie sich in so einem Moment, wie kann man so etwas erarbeiten?

    Frau Nicklich fragt immer wieder: Ist das okay, können die Kollegen das und das machen, wollen wir das probieren? Und die Kollegen machen das großartig, die Solisten und der Chor, mit totaler Professionalität. Dann ist das für uns auf der Bühne überhaupt nicht schlimm – ich hoffe aber, dass es für die Zuschauer heftig aussieht! (lacht)

    Es ist Ihre erste Micaëla – hilft Ihnen eine körperlich intensive Inszenierung wie hier dabei, zu Ihrer persönlichen Interpretation zu finden?

    Das ist immer eine Gratwanderung! Auf der einen Seite hilft es absolut, die Figur zu finden, auf der anderen Seite muss man aufpassen, dass die Aktion nicht das Singen behindert.

    Sie sind in Koblenz ja keine Unbekannte: Von 2009 an waren Sie für drei Spielzeiten Ensemblemitglied am Theater, allerdings als Mezzosopran, dann gingen Sie zurück in die Schweiz. Was war passiert?

    Ich habe viele Konzerte gesungen, wenige Opernproduktionen – und habe sehr intensiv mit meiner neuen Lehrerin gearbeitet, die ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz gefunden habe.

    Vom Mezzosopran eine Stufe nach oben zum Sopran: Das nennt man Fachwechsel, und es ist sicher keine einfache Entscheidung, wenn man gerade ein festes Engagement ergattert hat. Wie merkt man, dass so eine Änderung ansteht – will die Stimme auf einmal nach oben?

    Ja, die Stimme verändert sich immer wieder über die Jahre. Entscheidend war ein Lehrer in Trier, der mir damals in der ersten Gesangsstunde sagte: Sie sind kein Mezzosopran. Da habe ich alles mögliche bei ihm durchgesungen, von Verdi bis Wagner, und gemerkt, dass mehr Möglichkeiten da sind als im Mezzosopranfach. Doch ich bin das langsam angegangen, in Wellenbewegungen: Ich dachte zuerst „Ja, toll!“, dann habe ich es wieder ruhen lassen und überlegt, bis mir mit der Idee wohl war. Und erst dann habe ich mich bewusst entschieden.

    Die große Mezzosopranistin Christa Ludwig hat auch einmal vor dieser Entscheidung zum Fachwechsel gestanden – und ist zurückgeschreckt. Ihre Biografie hat sie „... und ich wäre so gern Primadonna gewesen“ genannt – weil die Anzahl der ganz großen Bühnenpartien für Mezzosopran doch übersichtlich ist. War das auch für Sie eine Überlegung: Endlich in schönen Kleidern auf der Bühne lieben und sterben statt immer im Hosenanzug?

    (lacht) Nein, wirklich nicht. Um die schönen Kleider ging es mir nicht. Wobei es tatsächlich stimmt: Als Mezzosopran geht man zu Vorsingen eher im Hosenanzug ...

    ... und man trägt die Haare kürzer ...

    Ja, das kann schon stimmen! Und auch an andere Dinge muss man sich gewöhnen: Etwa, wie es sich anfühlt, in einem Solistenquartett als Sopran zu führen. Das ist wirklich eine neue Erfahrung, für die ich erst ein Gespür entwickeln musste. Aber ich habe mir für alles Zeit gelassen, viel daran gearbeitet und weiß: Es war eine Notwendigkeit, diesen Weg zu gehen.

    Ich vermute, Sie haben sich auch neue Vorbilder gesucht?

    Ich habe mir natürlich viel bewusster andere Soprane angehört, und ich bewundere Kolleginnen wie Eva Maria Westbroek, Diana Damrau oder Nina Stemme.

    Und wo könnte Ihre musikalische Reise nun hingehen? Die ganz hohen Koloraturrollen wie bei Frau Damrau werden es ja sicher nicht werden!

    (lacht) Nein, sicher nicht. Obwohl ich jetzt im „Vampyr“ zum ersten Mal ein hohes Cis auf der Bühne gesungen habe.

    „Carmen“ auf der Festung Ehrenbreitstein wird vom 6. Juli bis 9. Juli, täglich um 20 Uhr aufgeführt, Tickets unter Telefon 0261/129 28 40 und online unter www.theater-koblenz.de

    Und das auch noch gleich bei der Rundfunkaufzeichnung, die der SWR im Theater gemacht hat: Wie kam es denn dazu, dass diese Spielzeit in Koblenz so arbeitsreich für Sie wurde?

    Das hat sich nach und nach ergeben! Geplant waren in dieser Saison zunächst die Erste Dame in Mozarts „Zauberflöte“ und die Marianne Leitmetzerin im „Rosenkavalier“ – dann kam im März ein Anruf, wie es denn mit der Micaëla für „Carmen“ aussieht. Und durch die Erkrankung einer Kollegin war dann eben auch noch eine Rolle im „Vampyr“ zu besetzen – so hat sich das ergeben.

    Und damit der ziemlich hohe Ton – fühlt sich das gut an für Sie oder ist das noch wie auf Zehenspitzen?

    (lacht) Oh, nein, ich fühle mich wohl da oben, das macht total Spaß!

    Zum ersten Mal waren Sie im Jahr 2015 als Ellen Orford in „Peter Grimes“ in Koblenz zu erleben, jetzt die Micaëla mit ihrer wunderbaren Musik ...

    Das ist wirklich eine tolle Rolle, es ist einfach ein Traum, diese Musik zu singen.

    Nach dieser unerwartet opernlastigen Spielzeit für Sie: Hätten Sie jetzt wieder Lust, mehr auf der Theaterbühne zu stehen?

    Absolut!

    Und gibt es schon konkrete Pläne?

    Oh ja, das wird eine Riesenaufgabe: Im Herbst steht in Neustrelitz „Fidelio“ an.

    Das Gespräch führte unser Kulturchef Claus Ambrosius

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!