München

Weisner: Papst soll auf Reise zuhören

Die Deutschlandreise von Benedikt XVI. sorgt nicht nur für positive Stimmen. Eine kritische Position zum Besuch beziehen nicht nur Menschen, die aufgrund der Missbrauchsskandale und des immer größer werdenden Reformstaus enttäuscht sind von der katholischen Kirche. Evangelische Gläubige sind skeptisch, ob die Papstreise sichtbare Fortschritte in der Ökumene bringen wird. Selbst die gläubigen Katholiken, die für eine Erneuerung ihrer Kirche eintreten, sind gespalten.

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Christian Weisner ist Sprecher der Organisation
Christian Weisner ist Sprecher der Organisation „Wir sind Kirche“.
Foto: wir sind kirche

München – Die Deutschlandreise von Benedikt XVI. sorgt nicht nur für positive Stimmen. Eine kritische Position zum Besuch beziehen nicht nur Menschen, die aufgrund der Missbrauchsskandale und des immer größer werdenden Reformstaus enttäuscht sind von der katholischen Kirche. Evangelische Gläubige sind skeptisch, ob die Papstreise sichtbare Fortschritte in der Ökumene bringen wird. Selbst die gläubigen Katholiken, die für eine Erneuerung ihrer Kirche eintreten, sind gespalten.

Die katholischen Gläubigen freuen sich auf das Zusammentreffen mit Benedikt XVI, der vom 22. bis 25. September zu Besuch in Deutschland weilt. Zehntausende Menschen werden dem Papst zuhören, wenn er bei fünf öffentlichen Messen spricht. Auch die Politik ist gespannt darauf, ob das Oberhaupt der katholischen Kirche neue Impulse geben kann. Der Papst trifft unter anderem mit Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Altkanzler Helmut Kohl zusammen und spricht auch vor dem Deutschen Bundestag.

Die Kirchen-Volksbewegung „Wir sind Kirche“ setzt sich seit 1995 für dringend notwendige Reformen in der römisch-katholischen Kirche ein. Auf der Basis des Zweiten Vatikanischen Konzils, des großen Reformkonzils von 1962 bis 1965, will sie die Kirche erneuern. Im Gespräch über die bevorstehende Papstreise nimmt Christian Weisner als Sprecher dieser Kirchen-Volksbewegung deshalb vor allem auch auf den theologischen Inhalt des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Deutschland Bezug.

RZ: Kann die katholische Kirche angesichts einer so aussichtslosen Dürrekatastrophe wie in Ostafrika eine Reise des Papstes nach Deutschland verantworten, die von den Organisatoren mit 25 bis 30 Millionen allein für den „kirchlich verantworteten Teil“ berechnet wird?

Weisner: Bei einer Papstreise sind die Kosten allein schon wegen der Sicherheitsauflagen wie bei einem Staatsbesuch immer sehr hoch. Aber das ist nicht der zentrale Punkt unserer Kritik. Wenn dieser Papstbesuch den Dialog innerhalb unserer Kirche voranbringt und es auch zu Fortschritten in der Ökumene mit der evangelischen Kirche kommt, dann ist das Geld gut angelegt.

RZ: Kann die Papstreise den Dialog verbessern?

Weisner: Bei einem Dialog geht es immer um ein beiderseitiges Wahrnehmen. Die Frage ist aber, ob diese Reise nur eine Predigtreise wird oder auch eine des Zuhörens. Anfang Juli hat das erste Gesprächsforum der Deutschen Bischofskonferenzmehr in Mannheim mehr als 300 Personen aus den Diözesen, Verbänden, Orden und geistlichen Gemeinschaften zusammengebracht. Dort kam alles auf den Tisch, wo es wirklich brennt in der Kirche. Die Ergebnisse dieser Gespräche will der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch noch im August dem Papst überbringen. Es wäre gut, wenn der Papst auf der Basis dieser Gespräche grünes Licht für den weiteren Dialog geben würde.

RZ: Wo brennt es in der Kirche?

Weisner: Dazu gehören vor allem der fehlende Nachwuchs an Priestern, die unbefriedigende Rolle der Frau, der fehlende theologische Diskurs, die mangelhafte Bereitschaft zur Ökumene und der sexuelle Missbrauch. Und wir haben diese Probleme nicht nur in Deutschland, sondern in der weltweiten Kirche. Die jetzt von Rom geplante Neuevangelisierung für Europa bringt nichts, solange nur die alten Dogmen über die neuen Medien wie das Internet verbreitet werden. Wir müssen über die aktuellen Probleme und über die Zukunft der Kirche reden – und endlich etwas voranbringen.

RZ: Kann der Besuch des Papstes die Ökumene verbessern?

Weisner: Es ist etwas für die Geschichtsbücher, dass ein Papst den Klosterraum besucht, in dem einst Martin Luther gelebt hat. Aber ich hoffe, dass die ökumenische Begegnung in Erfurt, für die laut Protokoll bislang nur 35 Minuten vorgesehen sind, auch konkret etwas bewegt werden kann.

Das Gespräch führte Volker Boch

Archivierter Artikel vom 29.07.2011, 06:00 Uhr