Archivierter Artikel vom 07.10.2010, 08:01 Uhr

Schäuble will sein Amt ehrenhaft verlassen

Noch sind es nur Gerüchte. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kurz vor dem Rücktritt steht. Bislang lässt er entsprechende Berichte allerdings dementieren. Noch.

Berlin. Schon am Wochenende wird Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vom Krankenbett aus die Meldungen sehr aufmerksam verfolgt haben: Da wurde erstmals die Unruhe in der Koalition über seinen gesundheitlichen Zustand öffentlich hörbar. Mehrere Politiker von FDP und CSU beklagten Schäubles Abwesenheit bei wichtigen internationalen Konferenzen. Unions-Fraktionschef Volker Kauder fühlte sich daraufhin sogar berufen, in die Debatte mäßigend einzugreifen. Der Vorgang zeigt: Die politische Zukunft des Ministers ist fraglicher denn je. Am Mittwoch verdichteten sich die Gerüchte über einen baldigen Rückzug des 68-jährigen Schäuble.

Sein Bruder Thomas, einst CDU-Innenminister in Baden-Württemberg, wird im „Stern“ mit den Worten zitiert, dass es Wolfgang Schäuble in den vergangenen Wochen oft „sauschlecht“ gegangen sei: „Das über halbjährige Wundsein hat ihn zermürbt.“ Schäuble soll sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor seinem erneuten Krankenhausaufenthalt den Rücktritt angeboten haben. Merkel hat ihn laut „Stern“ aber überzeugt, sich noch einmal vier Wochen Schonzeit zu gönnen. Außerdem soll Schäuble Vertrauten gesagt haben: „Wenn ich nach vier Wochen merke, es geht nicht mehr, ziehe ich die Konsequenzen. Davon hält mich niemand ab.“

Merkel interveniert

Die Reaktionen des Finanzministeriums waren verwirrend: Zunächst sprach man von Spekulationen, zu einem klaren Dementi wollte man sich aber nicht durchringen. Auch in der Regierungspressekonferenz antwortete Schäubles Sprecher Christian Offer auf mehrfaches Nachfragen ausweichend. Schäuble muss im Krankenhaus über den aktuellen Verlauf der Pressekonferenz permanent informiert gewesen sein – denn plötzlich erhielt Offer eine wohl vom Minister veranlasste SMS. Darin forderte Schäuble seinen Sprecher zu der Erklärung auf, dass es weder ein Rücktrittsangebot noch eine Fristsetzung gegeben hat.

Das zeigt: Einfach beiseiteschieben lassen will sich Schäuble offenbar nicht. Was sein Ausscheiden aus dem Amt angeht, will er das Heft in der Hand behalten. Spekuliert wird nun, dass der pflichtbewusste CDU-Politiker im Spätherbst noch einmal auf die Berliner Bühne zurückkehren wird, um nicht aus der Krankheit heraus zurückzutreten. Demnach will er in allen Ehren noch bis zum Jahresende im Amt bleiben. In jedem Fall, heißt es, wird Merkel ihn nicht drängen. Laut „Stern“ wird die Entscheidung, ob Schäuble sein Amt weiter ausübt, definitiv vom Genesungsverlauf abhängen. „Es ist nicht so, dass man mich aus dem Amt davontragen muss“, soll er kürzlich einem Vertrauten gesagt haben.

Mehrfache Zwangspause

Fakt ist: Der seit einem Attentat vor 20 Jahren querschnittsgelähmte Schäuble musste in den vergangenen Monaten mehrfach aus gesundheitlichen Gründen pausieren. Vor allem wegen eines offenen Geschwürs und Problemen bei der Wundheilung. Am Dienstag vergangener Woche musste Schäuble überraschend wieder ins Krankenhaus. Vor seiner auf zunächst vier Wochen angesetzten ärztlichen Behandlung hatte er bei einem Kurzauftritt vor der Unionsfraktion seine Situation geschildert.

Schon im Frühjahr war Schäuble wegen anhaltender Heilungsprobleme mehrfach ausgefallen. Nach dem Austausch eines Implantats verheilte die OP-Wunde nicht wie erhofft. Schäuble selbst räumt laut „Stern“ ein, sich gegen den damaligen ärztlichen Rat nicht genug geschont zu haben. Die Ärzte hätten ihm seinerzeit zu mindestens drei Wochen Pause geraten. „Da habe ich gedacht, na schön, das kann ich auch in Etappen abliegen.“ Dies sei aber Selbstbetrug gewesen.

Den eigenen Leuten ist nicht verborgen geblieben, dass Wolfgang Schäuble in seiner Zeit als Innenminister keinem Konflikt aus dem Weg gegangen ist, aber als Finanzminister nur noch mit wenig Enthusiasmus das Nötigste absolviert. Die andauernden gesundheitlichen Schwierigkeiten haben ihn offenbar mürbe gemacht.

Hagen Strauß/André Stahl/

Tim Braune