Archivierter Artikel vom 17.04.2013, 07:00 Uhr
Boston

Reaktion: Boston wird zum Marathon des Schreckens

Es war ein Feiertag in Boston, ein Tag, an dem die Stadt der Kennedys, der Tea-Party-Rebellion und der Eliteschmiede Harvard ihren Bürgerstolz zelebriert. Der Patriots‘ Day, außer im USBundesstaat Maine nur begangen in Massachusetts, erinnert an die Revolutionäre, die sich in kleinen Milizen gegen die britische Kolonialmacht auflehnten und dem Rest Amerikas die Richtung wiesen.

Im Fenway Park spielt nach alter Tradition – ausnahmsweise schon vormittags – das Baseballteam der Red Sox. Und der Marathon ist viel mehr als die Königsstrecke des Langlaufs, nämlich, mit seiner betont internationalen Note, eine Metapher für die Weltoffenheit der neuenglischen Metropole. Für einen perfekten Tag lang, in Volksfeststimmung, schreibt der Kolumnist Kevin Cullen im Boston Globe, „geben wir uns der Illusion hin, wir seien der Mittelpunkt des Universums“.

Wer auch immer die Bomben an der Ziellinie der Marathonstrecke zündete, wusste um die Symbolik, der hatte es auf größtmögliche Schockwirkung abgesehen. Auf einen Schlag gegen zunehmende Lockerheit und Selbstsicherheit, nicht nur in Boston, sondern im ganzen Land. Fast zwölf Jahre nach dem 11. September 2001, als die Zelle Mohammed Attas in New York die Zwillingstürme und am Rande Washingtons das Pentagon attackierte, war von Terrorangst nur noch wenig zu spüren, eigentlich gar nichts mehr.

Das dürfte sich jetzt wieder ändern. Der US-amerikanische Sicherheitsapparat, nach 9/11 durch die Gründung des Ministeriums für Heimatschutz enorm ausgebaut, vereitelte etwa ein Dutzend Anschlagspläne, in manchen Fällen ohne dass es an die große Glocke gehängt wurde. Der Kongress debattierte zuletzt über andere Themen, allen voran eine Reform des Einwanderungsrechts. Sie sollte nebenbei beenden, was sich nach dem Schock des 11. September an Paranoia breitgemacht hatte und an latentem Misstrauen gegenüber Fremden.

Im Weißen Haus nahm Barack Obama das Wort „Terror“, von seinem Vorgänger George W. Bush nahezu täglich benutzt, kaum noch in den Mund. Und wenn, wie nach dem Tod des US-Botschafters in Libyen im vergangenen September, tat er es zögerlich, ja widerstrebend. Doch plötzlich ist die alte Angst wieder da, das 9/11-Gefühl, wie es die Kommentatoren nennen.

Der Präsident, besonnen wie immer, warnt davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Am Montagabend, als er sich zum ersten Mal an die Nation wandte, kurz und überaus sachlich, ohne jedes Pathos, vermied es Obama noch, von Terrorakten zu sprechen. Dieser Vokabel bediente sich das Weiße Haus erst Stunden später, und auch da ließen sich die Quellen der Machtzentrale nur anonym zitieren, erkennbar auf Vorsicht bedacht. An Tätertheorien mangelt es nicht, doch angesichts der Fülle der Spekulationen betont das FBI, dass es im Augenblick keine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Motiv gebe.

Nichts schließen die Ermittler aus, weder eine Verschwörung El Kaidas noch ein Komplott einheimischer Extremisten, womöglich aus der rechtsradikalen Ecke. Der 15. April ist „tax day“, er markiert den Ablauf der Frist, innerhalb derer US-Bürger ihre Steuererklärung fürs vorangegangene Jahr abgeben müssen. Nicht auszuschließen, dass die Doppel-Explosion aufs Konto eines Fundamental- Individualisten geht, der den Fiskus samt föderaler Einkommensteuer in seiner Verblendung als Ausdruck eines tyrannischen Staatswesens versteht.

Am 19. April 1995 jagte ein Mann solcher Gesinnung, der Kriegsveteran Timothy McVeigh, ein Bundesgebäude in Oklahoma City in die Luft, indem er einen gewaltigen, in einem Lastwagen deponierten Sprengsatz zündete. Im Alfred P. Murrah Federal Building starben 168 Menschen, es war auf amerikanischem Boden der verheerendste Terroranschlag vor 9/11.

Hass auf die Behörden war McVeighs erklärtes Motiv. Auch ein Ereignis, das sich diese Woche jährt. Das Southern Poverty Law Center, ein Dokumentationszentrum, das Rassismus und rechten Terror unter die Lupe nimmt, sieht einen Zusammenhang mit dem Streit um strengere Waffengesetze, wie sie nach dem Schulmassaker von Newtown auf der Agenda stehen. In einem Schreiben an Justizminister Eric Holder warnte es erst im März: „Genau wie in den Monaten vor dem Attentat von Oklahoma City verzeichnen wir ominöse Drohungen von Leuten, die glauben, die Regierung wolle ihnen ihre Gewehre wegnehmen.“

Seit Obama im Weißen Haus residiert, der erste US-Präsident mit dunkler Haut, ist die Zahl regierungsfeindlicher Gruppen nach Erkenntnissen des Zentrums um das Achtfache gestiegen. Andere erinnern an die Rohrbombe im Olympiapark von Atlanta, bei deren Detonation 1996 zwei Menschen ums Leben kamen und mehr als 100 verletzt wurden. Eric Rudolph, ein fanatischer Gegner von Abtreibungen und der Gleichstellung von Schwulen und Lesben, hatte sie gebastelt.

Für die These, nach der radikale Islamisten am Werk waren, spricht nach Einschätzung von Washingtoner Antiterrorspezialisten die Tatsache, dass kurz hintereinander zwei Sprengsätze gezündet wurden: Sogenannte multiple Anschläge gelten als Markenzeichen von Fanatikern im Dunstkreis El Kaidas. Beweise dafür gibt es vorerst nicht, wohl aber Überreaktionen, ähnlich wie nach dem 11. September, als die Nerven blanklagen und Unschuldige wegen ihrer Religion oder ihres Aussehens ins Visier des Volkszorns gerieten.

Ein Student aus Saudi-Arabien wurde, an den Beinen verletzt, kurz nach der Explosion in ein Krankenhaus eingeliefert und dort von Detektiven befragt. Folgt man dem Fernsehsender CBS News, war er vom Tatort weggerannt wie viele andere auch, worauf ihn Verdacht schöpfende Passanten überwältigten und der Polizei übergaben. Was sich an reflexartigen Spekulationen um die Person des muslimischen Studenten rankte, wurde von den Ermittlern bald für falsch erklärt: Der junge Saudi, hieß es, gelte nicht als Verdächtiger.

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann