Archivierter Artikel vom 02.08.2011, 09:00 Uhr

Nach dem Spardiktat brechen für US-Militärs harte Zeiten an

Washington. Kaum hat Leon Panetta sein Amt im Pentagon angetreten, muss er auch schon den Rotstift ansetzen. Für das US-Verteidigungsministerium ist es eine völlig neue Erfahrung: Nach Jahren, in denen seine Ausgaben immer nur eine Richtung kannten, die nach oben, lernt es die Kunst des Sparens.

Muss nach dem Schuldenkompromiss milliardenschwere Einsparungen  verkraften: das US-Militär und seine Soldaten überall in der Welt.
Muss nach dem Schuldenkompromiss milliardenschwere Einsparungen verkraften: das US-Militär und seine Soldaten überall in der Welt.
Foto: dpa

Washington – Kaum hat Leon Panetta sein Amt im Pentagon angetreten, muss er auch schon den Rotstift ansetzen. Für das US-Verteidigungsministerium ist es eine völlig neue Erfahrung: Nach Jahren, in denen seine Ausgaben immer nur eine Richtung kannten, die nach oben, lernt es die Kunst des Sparens.

Um 550 bis 600 Milliarden Dollar soll der Etat in den nächsten zehn Jahren beschnitten werden. Noch sind es Schätzungen, noch muss eine paritätisch besetzte Parlamentskommission vorschlagen, wo konkret gekürzt werden soll. Doch eine Trendwende zeichnet sich in groben Konturen bereits ab. Offen ist, ob das knappe Geld auch zu einem strategischen Umdenken führt, zu einer Neubewertung der Rolle der USA in der Welt. Heilige Kühe wird es nicht mehr geben, prophezeit Todd Harrison, Militärexperte am Center for Strategic and Budgetary Assessments, einem eng mit dem Pentagon verbandelten Institut in Washington. Alles steht jetzt nach seinen Worten auf dem Prüfstand, vom Kauf neuer Waffensysteme bis hin zur Auslandspräsenz.

Allein seit 2001 ist die Personalstärke der Armee und der Marineinfanterie um 92 000 Soldaten gestiegen. In den kommenden Jahren, glauben Experten, könnte sie ungefähr um dieselbe Zahl sinken und dort landen, wo sie vor den Terroranschlägen des 11. September und den nachfolgenden Kriegen in Afghanistan und im Irak lag. Mit anderen Worten: Der massive Ausbau des Militärs, wie ihn George W. Bush betrieben hatte, würde durch so etwas wie Normalität abgelöst. Voraussetzung ist, dass die latenten Spannungen im Irak nicht erneut eskalieren, sodass Barack Obama seine Abzugspläne umkrempeln müsste. Voraussetzung ist auch, dass die angepeilte Aussöhnung mit den Taliban gelingt und das Weiße Haus den kostspieligen Einsatz in Afghanistan wie angedacht bis 2014 beenden kann.

Bemerkenswerte Szenarien

Ob die USA darüber hinaus ihr weltpolitisches Engagement zurückfahren, bleibt abzuwarten. In den „Denkfabriken“ am Potomac machen bemerkenswerte Szenarien die Runde, von einer Reduzierung der in Europa verbliebenen „Boys in Uniform“ bis hin zu einer verringerten Präsenz in Ostasien, wo sich Amerika als Schutzmacht Japans und Südkoreas versteht. Robert Gates, vor gut einem Monat als Verteidigungsminister ausgeschieden, soll intern energisch vor solchen Gedankenspielen gewarnt haben. Drastische Abstriche beim Militär, orakelte er in der „Washington Post“, könnten dazu führen, dass sich die Vereinigten Staaten auf gefährliche Weise von ihrer weltpolitischen Rolle lossagen. Ähnlich sieht es John McCain, Obamas Rivale bei der Präsidentenwahl 2008, politisch geprägt durch die Zeit des Kalten Krieges.

Abzug vom Hindukusch?

Andere Konservative lassen dagegen eher isolationistische Tendenzen erkennen, nicht zuletzt Michele Bachmann, die Galionsfigur der Tea Party, die beispielsweise für einen sofortigen Abzug vom Hindukusch plädiert, weil sie dort keine US-Interessen auf dem Spiel stehen sieht. Obama, der transpazifische Präsident, dürfte bereits Varianten für eine Ausdünnung des US-Kontingents in Europa durchspielen lassen – zumindest behauptet dies die Washingtoner Gerüchteküche.

Klar ist, dass die Generäle dem Sparzwang einige ihrer Prestigeprojekte opfern müssen. Pläne für ein neues Kampfflugzeug der Marieninfanterie, mindestens 300 Milliarden Dollar teuer, werden zumindest aufgeschoben wenn nicht ganz verworfen. Gleiches gilt für eine weiterentwickelte Bomberflotte.

Eine Analyse von Frank Herrmann