Archivierter Artikel vom 29.10.2012, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Lernen mit den behinderten Kindern: Inklusion – Ein Blick in die Praxis

Die Vision ist faszinierend: eine Gesellschaft, die niemanden ausgegrenzt, gleich ob er arm, behindert oder einfach nur anders als die meisten Menschen ist. Diesen Anspruch tragen viele Verfassungen vor sich her. Doch die Wirklichkeit ist lange nicht so rosig.

Gemeinsames Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder (inklusive Lernform) ist bereits in vielen Schulen Alltag. Rheinland-Pfalz will sein Angebot deutlich ausbauen, wenn das dem Elternwillen entspricht.
Gemeinsames Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder (inklusive Lernform) ist bereits in vielen Schulen Alltag. Rheinland-Pfalz will sein Angebot deutlich ausbauen, wenn das dem Elternwillen entspricht.
Foto: DPA

Die UN-Behindertenrechtskonvention will diese Lücke schließen. Ein Auftrag, den Rheinland-Pfalz ins tägliche Leben umzusetzen versucht. Unter dem Stichwort Inklusion sollen künftig deutlich mehr Schüler gemeinsam lernen. Dazu wird 2013 eine vorbehaltlose Wahlfreiheit im Landesschulgesetz verankert. Doch wie sieht es vor Ort aus? Das Bildungsministerium hat zur Praxistour eingeladen.

Den Satz des Tages sagt die 13-jährige Marlies Basmacioglun. „Ich weiß gar nicht, wer die Förderkinder in meiner Klasse sind“, meint sie. Das Mädchen geht zur Christian-Erbach-Realschule plus in Gau-Algesheim, die sowohl Ganztagsschule als auch Schwerpunktschule ist. Von 440 Schülern haben rund 40 einen sonderpädagogischen Förderbedarf. In der Klasse 8c, in die Marlies Basmacioglun geht, strebt ein Teil der Schüler die Berufsreife (den früheren Hauptschulabschluss) und ein anderer Teil den Realschulabschluss an. Mit in der Klasse lernen auch zwei Schüler, die sich mit dem Unterrichtsstoff sehr schwer tun. Der Leistungsstand dieser Kinder kann durchaus ein paar Jahre hinter dem ohnehin schon uneinheitlichen Niveau der Klasse zurückliegen.

Doch fragt man deren Mitschülerin Marlies Basmacioglun nun, wie das gemeinsame Lernen mit den behinderten Kindern klappt, antwortet sie: „Mir fällt gar nicht auf, dass in unsere Klasse etwas anders sein soll.“ Nicht mal auf dem Pausenhof? „Meine Schulfreunde sind total gemischt“, sagt Vanessa Beck-Klaus (13), die ebenfalls in der 8c fürs Leben lernt. „Wir sind alle eine Gemeinschaft.“ Rektorin Christine Eschborn-Müller freut sich: „Hier bei uns ist ganz selbstverständlich, dass Kinder mit und Kinder ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen.“ Das bestätigt auch Leon Schweickhardt (12): „Auch ich weiß nicht, wer in meiner Klasse besonders gefördert wird. Bei uns ist das normal.“ Das ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Bei Reisen mit dem Bildungsministerium wird man sicher nicht gerade mit der Nase auf Problemfälle gestoßen. Dennoch: Das Beispiel Gau-Algesheim (Kreis Mainz-Bingen) könnte durchaus Schule machen. Integration scheint hier keine Hürde zu sein – im Gegenteil.

Die beeinträchtigten Schüler erhalten einfachere Aufgaben – der Unterricht wird individualisiert. Zusätzliche Förderlehrer gleichen den Mehraufwand aus. „Jeder wird auf seinem Niveau gefördert“, erklärt die Schulleiterin. Die Schüler ohne Beeinträchtigung haben sogar Vorteile. Fallen sie selbst einmal im Stoff zurück, werden auch sie zusätzlich unterstützt, bis sie den Anschluss geschafft haben.

Die Pestalozzischule Eisenberg (Pfalz) ist so etwas wie eine Hochburg inklusiver Konzepte. In der fünfzügigen Grund- und Schwerpunktschule wirkt das Kollegium wie eine verschworene Gemeinschaft. Für die meisten Lehrerinnen ist das gemeinsame Lernen eine Herzenssache. 27 beeinträchtigte Kinder müssen besonders betreut werden.

Dazu haben die Pädagogen gemeinsam mit der Ergotherapeutin Aline Klusen ein einzigartiges Bewegungskonzept entwickelt. In den Klassen, die sich auf diesen Ansatz eingelassen haben, lernen die Grundschüler zum Teil in einem speziellen Bewegungsparcours. Gerechnet, gelesen, geschrieben – alles wird mit allen Sinnen. Auf einer Art Skatebord rollen Kinder auf dem Bauch liegend durch den Flur. Auf einem Balancebrett trainieren sie den Gleichgewichtssinn. Jeder ist in seinem Tempo unterwegs. Und all das binden die Lehrer etwa in die Bewältigung einer Rechenaufgabe ein. Wie vielfältig die Methodik ist, zeigt auch, dass die Finger der Grundschüler über die Touchscreens des iPads (46 im Bestand) huschen. Rektor Markus Fichter setzt auf Teamlösungen. Förderschullehrer, Grundschullehrer, Fachpädagogen – in Eisenberg haben sie alle eine übergreifende

Verantwortung. „Wir fördern die Kinder nach unten und nach oben“, sagt er. Hochbegabte fallen nicht hinten runter.

In der Förderschule am Donnersberg im pfälzischen Rockenhausen kann man erleben, wie individuell Unterricht sein kann. Dort kümmern sich die Pädagogen um Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Sie nutzen den Naturgarten, Spiel- und Pflegebereiche, ein Bewegungsbad und den „Snoezelenraum“, eine besondere Entspannungszone, die die Sinne verwöhnt. Hier fühlen sich auch Schüler wohl wie der schwer traumatisierte Junge, der kaum ruhig sitzen kann. Ständig springt er von seinem Stuhl auf, ruft oder singt etwas. Andere sind so beeinträchtigt, dass ihre Integration noch schwerer fällt. Sie brauchen augenscheinlich die Geborgenheit einer festen Bezugsperson, an die sie sich schmiegen. Ein nachdenklicher Förderschullehrer sagt den vielleicht zweiten wichtigen Satz dieser Reise: „Ob wirklich all unsere Kinder gut in einer Regelschule aufgehoben wären, das weiß ich nicht.“

Von unserem Redakteur Dietmar Brück