Archivierter Artikel vom 08.08.2014, 06:02 Uhr

Interview mit dem leitenden Geistlichen der ev. Kirche: Aufbruch trotz Rückbau

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKIR) befindet sich im Umbruch. Wir sprachen mit Manfred Rekowski über die Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Er ist der Präses, der leitende Geistliche, der EKIR.

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Wenn Sie den Zustand der EKIR bewerten: Was erfüllt Sie mit Freude?

Ich freue mich sehr, dass wir eine ganz große Anzahl von Ehrenamtlichen haben, die ihre Kirche lieben, hoch motiviert sind und Lust haben, ihren Glauben zu leben. Dazu haben wir eine tolle Truppe an Hauptamtlichen.

Was erfüllt Sie mit Sorge?

Wir haben sehr daran zu knabbern, dass wir organisatorische und finanzielle Fragen zu sehr in den Mittelpunkt stellen mussten. Das ist die Gefahr, wenn man tief greifend umstrukturieren muss. So haben manche den Eindruck gewonnen, als sei ihre Kirche mehr an strukturellen als an inhaltlichen Fragen interessiert. Was nicht stimmt! Ob Fragen zum Umgang mit Suizid oder zum verantwortlichen Wirtschaften in Zeiten der Globalisierung – wir diskutieren viel über aktuelle Dinge. Aber das Organisatorische überlagert diese Gespräche. Das macht mir große Sorge.

Was muss die EKIR tun, damit sie auf Sicht in der Fläche hinreichend präsent sein kann?

Das ist eine der großen Herausforderungen. Wir machen derzeit die Pfarrstellenplanungen bis 2030. Wir schauen, wie viele Pfarrerinnen und Pfarrer wir brauchen, wie viele wir haben werden und wie wir die Arbeitsformen möglicherweise verändern. Da sind wir dran. Wir werden vielfältiger in unseren Arbeitsformen werden. Es wird neue pastorale Dienste geben. Gerade auch im Bereich des Ehrenamts wird es Bewegung geben, weil wir mit den derzeitigen Strukturen nicht sicher in der Fläche präsent sein können, da die Zahl der hauptamtlichen Theologinnen und Theologen abnehmen wird. Die Lösungen müssen wir jetzt im Konsens entwickeln.

Vielfalt ist ein freundliches Wort für Rückbau.

Rückbau gehört zu unserem Programm, das ist überhaupt keine Frage. Aber damit muss man sich versöhnen! Wir müssen die großen Strukturen an kleiner werdende Zahlen anpassen. Man darf aber auch nicht vergessen: Der zahlenmäßige Aufschwung nach dem Krieg ist kein Ergebnis einer Erweckungsbewegung, sondern seine Ursachen waren die geburtenstarken Jahrgänge sowie der Zuzug von Flüchtlingen oder Spätheimkehrern. Die haben die Gemeinden boomen lassen. Ich werbe sehr dafür, dass wir den Rückbauprozess auch noch einmal neu bewerten: Das ist nicht unbedingt eine Abfallbewegung, sondern es hat auch viel mit dem demografischen Wandel zu tun. Gleichzeitig droht uns aber auch eine Relevanzkrise. Die Frage ist: Wie können wir Verkündigung so gestalten, dass die Menschen den Glauben als bedeutsam für ihr Leben anerkennen?

Brauchen Sie dafür eine andere Form von Gottesdiensten?

Wir haben schon eine breite Vielfalt, sehr ausdifferenziert nach Zielgruppen. Es gibt Erwachsenengottesdienste, Kinderkirche, Jugendgottesdienste, Gottesdienste für Demenzkranke in Altenheimen. Ich werbe aber dafür, auch andere Formate an ungewöhnlichen Orten zu ungewöhnlichen Zeiten auszuprobieren. Ein Pfarrer macht beispielsweise an Heiligabend mittags an einem stillgelegten Bahnhof eine Andacht mit Posaunenchor. Da kommen 200 Leute. Wir wollen nicht warten, bis die Leute kommen, sondern wir müssen dahin gehen mit den Gottesdiensten, wo die Menschen sind. Im Sommer machen wir „Kirche im Grünen“ – und das sehr erfolgreich.

Wird Kirche damit zum Eventanbieter?

Nein, die Inhalte bleiben ja, die passen wir nicht an. Paulus hat sich schon auf den Marktplatz gestellt, die vorhandenen Tempel angeschaut und sie christlich gedeutet. Diese Aufgabe haben wir auch! Wie schaffen wir es, den Bezüge zum Alltag der Menschen herzustellen? Das fängt bei Trauerfeiern an. Da möchte jemand zur Beerdigung seines Vaters das Lied „Über sieben Brücken musst du gehen“ hören. Das steht jetzt aber nicht in unserem Gesangbuch, und es dürfte also eigentlich nicht gesungen werden. Aber es scheint wohl eine religiöse Dimension bei diesem Menschen zu berühren, also versuchen wir, den Wunsch nach diesem Lied aufzunehmen und religiös zu interpretieren. Um so dolmetschen zu können, müssen wir auch in die Lebenswelten der Menschen eintauchen. Nicht um uns anzupassen. Aber wir müssen manchmal durchaus unsere Formen anpassen, da müssen wir manchmal die Hürden absenken.

Arbeiten Sie an Strukturen, in denen Sie weitgehend ohne Hauptamtliche auskommen?

Ohne Hauptamtliche wird es nicht gehen, die Ehrenamtlichen brauchen die Begleitung. Ich mag es aber nicht, wenn Ehrenamtliche als Laien bezeichnet werden – das sind Profis auf vielen Gebieten, die bei uns mithelfen! Aber es braucht dennoch Koordination und Begleitung.

Wie halten Sie die Ehrenamtlichen bei Laune?

Wichtig ist eine Wertschätzung, die die Ehrenamtlichen in ihren vielfältigen Begabungen wahrnimmt, respektiert und achtet. Da ist zum Beispiel eine belesene Frau, die sehr gern vorliest. Dann bitten wir sie, ein Projekt im Kindergarten zu machen und dort vorzulesen. Wir müssen von der Begabung der Menschen her denken. Und: Wir müssen Verantwortung übertragen. Die Ehrenamtlichen als reine Assistenten der Pfarrerin oder des Pfarrers – das funktioniert heute nicht mehr.

Alles Engagement basiert ja letztendlich darauf, dass man selbst im Glauben verwurzelt ist und ihn weitergeben möchte. Wo und wie tanken Sie auf?

Für mich gehört eine klare Struktur zur Lebensgestaltung: Ich beginne den Tag mit „swim and pray“. (lacht) Ich treibe Sport, aber ich beginne den Tag auch mit einer Besinnung und mit Gebet. Ich muss sehr viel predigen, und da ist es für mich immer auch wichtig, als normales Gemeindemitglied bei Gottesdiensten oder Andachten zu sein. Ich brauche das. Diese Unterbrechungen tun mir gut. Natürlich gehört auch das Bibellesen dazu. Derzeit debattieren wir die Haushaltskonsolidierung unserer Kirche, und da liebe ich im Moment ein Wort aus Psalm 27: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wovor soll ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, wovor sollte mir grauen?“ Ich muss mir auch ab und zu sagen lassen: Die Aufgaben sind ambitioniert, die Herausforderungen sind groß, aber Grund zur Angst, dass alles nur an mir hinge, gibt es nicht.

Wie haben Sie die Ankündigung des EKD-Vorsitzenden Nikolaus Schneider für seinen Rücktritt im November empfunden?

Ich habe zu ihm ein sehr gutes persönliches Verhältnis und kenne auch seine Frau. Mich hat die Nachricht von der Erkrankung seiner Frau sehr berührt und schockiert. Auch wie sehr die Lebensplanung der beiden verändert wurde! Mit dem Tod der Tochter musste die Familie schon einen Schicksalsschlag verkraften. Meine Gebete begleiten sie.

Was bedeutet der Rücktritt für die EKD?

Die EKD hat Nikolaus Schneider eine Menge zu verdanken. Er hat sich ja nicht in dieses Amt gedrängt, sondern er hat den Libero gemacht. Die Frage war ja, wer nach dem Rücktritt von Margot Käßmann den Vorsitz übernehmen könnte – dieser Rücktritt hatte Deutschland ja schockiert. Frau Käßmann war eine Sympathieträgerin, und es gab kaum einen Ort, an dem ich nicht auf sie angesprochen wurde. Dass Nikolaus Schneider bereit war, die Aufgabe zu übernehmen, war sehr gut für die evangelische Kirche. Er ist jemand, der Menschen wahrnimmt, der intensiv hinhört und der eine Begabung hat, zu moderieren und zusammenzuhalten. Mit dieser Begabung hat er die evangelische Kirche in dieser Phase stabilisiert. Jetzt geht es um eine restliche Amtszeit von einem Jahr, die überbrückt werden muss, und im nächsten Jahr werden die Organe der EKD dann neu wählen.

Mit Herrn Schneider wurde ja schon einmal ein rheinischer Präses EKD-Vorsitzender. Könnte das eine Serie werden?

(schmunzelt) Es gibt eine große geografische Vielfalt in der EKD. Ich gehe davon aus, dass jetzt auch andere Kirchen dran sind. Mein Schwerpunkt jedenfalls ist die Arbeit als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Der neue EKD-Chef wird die evangelische Kirche auch ins große Reformationsjahr 2017 führen. Feiern Sie, oder ist es für Sie eher ein Gedenkjahr?

Gedenken klingt immer so nach Volkstrauertag. Die Reformation vor 500 Jahren können wir feiern, ohne Wenn und Aber. Damit meine ich nicht die Kirchenspaltung, sondern ich bin bei dem Punkt, dass Luther den Kern des christlichen Glaubens neu entdeckt hat: Ich bin mehr als die Summe meiner Leistungen und Fehler, ich lebe allein aus Gnade, das Evangelium gilt dem einzelnen Menschen. Die institutionalisierte Kirche mit ihren Klöstern steckte damals in einer Krise, und der Einzelne vor Gott wurde zum Thema, der Gottesdienst im Alltag der Welt.

Also hat die Reformation der Christenheit gut getan?

Ja, und die katholische Kirche hat ja auch zahlreiche Punkte wieder für sich entdeckt. Wenn man darauf schaut, was die Reformation inhaltlich bedeutet, dann gibt es viel zu feiern. Dass damit eine Kirchenspaltung einherging, das gehört natürlich auch dazu. Das bedeutet für uns, dass wir auch sensibel mit unseren katholischen Geschwistern feiern möchten. Wir haben gesagt: Wir feiern ein Christusfest. „Solus Christus“ war auch prägend für die Reformation, und das verbindet uns alle.

Im Vorfeld des Jubiläums erleben wir manchmal ein Hü und Hott: Da wird ein gemeinsames ökumenisches Papier erarbeitet, in dem die katholische Seite Luthers Rechtfertigungslehre und Kritik am Ablasshandel annimmt und bestätigt, dass man sich die Gnade Gottes nicht erkaufen kann. Also: Fortschritt in der Ökumene. Aber dann gibt die EKD eine neue offizielle Broschüre zum Reformationsjahr heraus, in dem diese gemeinsame Erklärung nicht mehr erwähnt wird – und prompt reagieren die Katholiken beleidigt.

Tja, diese Broschüre „Rechtfertigung und Freiheit“, die evangelische Positionen gut zusammenfasst, hat nicht nur in der katholischen Kirche für Ärger gesorgt, sondern auch innerevangelisch. Es gab Stimmen, die sich selbst für geeigneter hielten, die Grundzüge der Reformation zu beschreiben. Gravierender finde ich allerdings den fehlenden Bezug auf das gemeinsame Papier. Man muss sich immer auch an die Fortschritte auf dem Weg zur Ökumene erinnern, und dies nicht zu erwähnen, das war ungeschickt. Wir in der rheinischen Kirche haben einen anderen Weg gewählt: Wir sind auf alle Bistümer, Freikirchen und die Orthodoxie zugegangen und haben sie eingeladen, sich mit uns auf den Weg nach 2017 zu machen. Wir haben ausgesprochen positive Resonanz bekommen.

Der Sonntag sollte eigentlich ein Tag der Ruhe und Erholung sein, aber wir verplanen unsere Sonntage immer mehr – nicht zuletzt mit verkaufsoffenen Sonntagen und Märkten. Gehen wir noch im Sinn des Herrn mit unseren Sonntagen um?

Der Sonntag ist stark gefährdet, ja. In einigen Regionen könnte man fast an jedem Sonntag einen Markt oder ähnliches initiieren. Wir als Kirche sagen, dass uns Unterbrechungen des Alltags gut tun. Für uns als Christenmenschen gehört auch der Gottesdienst dazu. Aber ich glaube, dass es auch den anderen gut tut, dass sie nicht in eine Besinnungslosigkeit verfallen, in denen ein Tag dem anderen gleicht. Da stehen Werte auf dem Spiel, die für unsere gesamte Gesellschaft relevant sind. Der Sonntag war über Jahrhunderte hinweg kulturbildend und ist eine Errungenschaft unserer Gesellschaft. Wenn uns der Sonntag verloren ginge, nähmen der Einzelne und die Gesellschaft Schaden.

Die Wirtschafts- und Bankenkrise hat uns allen gezeigt, was passiert, wenn eine Gesellschaft nur noch materiell orientiert lebt. Halten Sie eine Renaissance des Glaubens für wahrscheinlich?

Wann Glauben stärker gefragt ist, ist schwer zu prognostizieren. Ich bin kein Vertreter der These, dass es uns Kirchen in Krisenzeiten gut geht. Ich finde, dass die Nachfrage nach der Kirche gar nicht so schlecht ist. Nehmen wir unsere Telefonseelsorge: Wie viele Menschen wissen ganz im Stillen, an wen sie sich in Zeiten der Not wenden können. Der christliche Glaube erreicht die Menschen durchaus. Wir haben gemerkt, dass im Leben mehr zählt als das, was man in Euro und Cent rechnen kann, ja. Diese Einsicht tut unserer Gesellschaft gut. Aber ich denke auch, dass die Vergesslichkeit sehr ausgeprägt ist: Nach dem ersten Erschrecken über die Krise ist sie heute fast zur Normalität geworden.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Neubesetzung des Bischofsstuhls von Köln durch Kardinal Woelki?

Ich hoffe, dass der Nachfolger von Kardinal Meisner eine Person ist, die eine große ökumenische Offenheit hat. Das würde unseren Kirchen gut tun. Wir leben schließlich in einer Haftungsgemeinschaft. Wir hatten in der evangelischen Kirche Austritte wegen des katholischen Limburger Bischofs, aber gleichzeitig hatten wir in der evangelischen Kirche auch Eintritte wegen Papst Franziskus. (lächelt) Sie sehen, wir Christen sind miteinander sehr stark unterwegs. Da sollten wir mehr daraus machen, als nur an den jeweiligen Fehlern des anderen zu leiden.

Das Gespräch führten Chefredakteur Christian Lindner und Michael Defrancesco