Stuttgart

In Baden-Württemberg tief verwurzelt: Grün gefällt im Ländle schon lange

So viel wie am Tag nach dem Triumph von Fritz Kuhn war von bürgerlichen Tugenden bei den Grünen selten die Rede. Stuttgart könnte zum Modell grüner Erfolge für Deutschland werden – Eine Analyse

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Mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dem neuen Stuttgarter Oberbürgermeister zählen ausgerechnet jene zu den großen Siegern der Partei, die so gar nicht an den einstigen Bürgerschreck-Nimbus der Grünen erinnern.

Die Wahl von Fritz Kuhn zum Oberbürgermeister von Stuttgart am Wochenende ist nur eine von vielen grünen Erfolgsmeldungen in Baden-Württemberg ...

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... Elmar Braun (56) schaffte es 1991 sensationell als erster Grüner auf den Chefsessel einer Südwest-Kommune – in Maselheim (Kreis Biberach). Und da sitzt er bis heute: 1999 wurde er mit knapp 70 Prozent der abgegebenen Stimmen und 2007 mit 82,4 Prozent wiedergewählt.

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Mit Horst Frank (63) in Konstanz regierte 1996 erstmals ein Grüner eine größere Stadt – die CDU hat die Kommune vor einem Vierteljahr zurückerobert.

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Dieter Salomon (52) ist seit 2002 OB in Freiburg. Bei der Oberbürgermeisterwahl im April 2010 wurde er im ersten Wahlgang mit 50,5 Prozent der Stimmen für weitere acht Jahre im Amt bestätigt.

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2007 folgte in Tübingen Boris Palmer (40), der sich immer wieder in die Bundespolitik einmischt.

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In Darmstadt regiert seit 2011 Jochen Partsch als erster grüner Oberbürgermeister einer Großstadt in Hessen. Er ist außerdem der erste Oberbürgermeister Darmstadts seit dem Zweiten Weltkrieg, der nicht der SPD angehört.

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Warum haben die einen Bürgerlichen, also die Christdemokraten, den Chefsessel im Rathaus der Landeshauptstadt nun an die anderen Bürgerlichen, die Grünen, verloren? Kuhn scheint nur auf solche Fragen gewartet zu haben bei seinem großen Auftritt am Tag nach dem Wahlsieg: „Die, die Werte erhalten wollen, die haben gestern gewonnen, und die, die Strukturen und Macht erhalten wollen, die haben gestern verloren.“

Dass die Grünen ausgerechnet in Baden-Württemberg – bodenständig, konservativ und gutbürgerlich, wie es ist – einen solchen Durchmarsch hinlegen, mag manchen aus anderen Teilen Deutschlands verwundern. Aber: Die grünen Wurzeln sind hier besonders tief. Vor mehr als 30 Jahren gründeten die Grünen hier ihren Bundesverband, hier entwickelten sie sich als erdverbundene Kraft auch ohne Berührungsängste zur CDU.

Deswegen ist Kuhns Erfolg für seine Partei im Südwesten keine Sensation. Es ist die Verbindung zum Bürgerlichen, die zum Erfolgsrezept der Grünen im Ländle wurde. „Sie gewinnen nicht nur Stimmen aus dem bürgerlichen Lager, sondern sind selbst Bestandteil des bürgerlichen Lagers“, sagt der Hohenheimer Kommunikationsprofessor Frank Brettschneider. Im Stuttgarter Gemeinderat stellen die Grünen schon die stärkste Fraktion.

Kuhn konnte im Wahlkampf so auch teils weniger als Herausforderer, denn als Titelverteidiger auftreten – als Kümmerer mit Bodenhaftung, als Pragmatiker mit einer Vorstellung von der Zukunft, auch als bescheidener Zuhörer. Erfolgreich zielte er darauf ab, nicht nur beim neueren, eher linken Ökobürgertum, sondern auch bei traditionellen Milieus zu punkten.

Was können die Grünen aus dem Erfolg ihrer schwäbischen Oberrealos lernen? Im Bund liefern sich die Grünen-Kandidaten für die Urwahl in dieser Woche die letzten Vorstellungsrunden vor der Basis – und dabei läuft es vielleicht ganz anders. Mit Jürgen Trittin und Claudia Roth könnten zwei Parteilinke zum Spitzenduo für die Bundestagswahl werden. Zumindest geht unter Grünen-Realos die Sorge um, dass sich die Realo-Vertreterinnen Renate Künast und Katrin Göring-Eckardt gegenseitig Stimmen abnehmen.

Claudia Roth warnt jetzt vor neue Streitereien zwischen Realos und Linken und beschwört die Einigkeit in der Partei. „Ich möchte nicht durch eine Neoflügeldebatte diese Geschlossenheit durchschießen lassen.“ Sie selbst sei schließlich auch bürgerlich, betont Roth, habe im Elternhaus gelernt, anständig, gesetzestreu, ehrlich, authentisch zu sein.

Aus Stuttgart lernen heißt aber aus grüner Sicht auch, dass die Arbeitsteilung zwischen SPD und Grünen stimmen muss. Für die Grünen war das am Neckar nicht schwer, die SPD zeigte sich marginalisiert. Ausnahmsweise machte sie den Grünen keine Konkurrenz – im Bund spricht die SPD allerdings das grüne Bürgertum an.

Bettina Grachtrup/Basil Wegener

Archivierter Artikel vom 23.10.2012, 06:00 Uhr