Archivierter Artikel vom 18.04.2012, 13:23 Uhr
 Paris

Hollande fordert Sarkozy heraus: Robin Hood gegen Bling-Bling

Paris. Bei beiden jubelten die Menschen zu Zehntausenden, bei beiden schmückten historische Kulissen das Bild – und doch war die Stimmung bei den einen und den anderen grundverschieden, bei diesem letzten großen Fernduell der zwei wichtigsten Präsidentschaftskandidaten vor der Wahl.

Paris. Bei beiden jubelten die Menschen zu Zehntausenden, bei beiden schmückten historische Kulissen das Bild – und doch war die Stimmung bei den einen und den anderen grundverschieden, bei diesem letzten großen Fernduell der zwei wichtigsten Präsidentschaftskandidaten vor der Wahl:

Während der konservative Amtsinhaber am Wochenende vor dem goldenen Obelisken auf der prächtigen Place de la Concorde unweit der Nationalversammlung auftrat, hatte sein sozialistischer Herausforderer François Hollande ein buntes Familienfest mit Musik im Schlosspark von Vincennes im populären Osten von Paris organisiert.

Stichwahl so gut wie sicher

Sollten die Umfragen recht behalten, werden die beiden Hauptkonkurrenten in wenigen Tagen, am 22. April, als Sieger unter den insgesamt zehn Präsidentschaftskandidaten hervorgehen und sich zwei Wochen später, am 6. Mai, in einer Stichwahl gegenüberstehen – einer Wahl, bei der es weniger um Programme denn um Stil und Persönlichkeiten geht: Für viele Franzosen bleibt Sarkozy der „Präsident der Reichen“, während Hollande – in gut französisch-sozialistischer Tradition – just die Spitzenverdiener attackiert und so für mehr soziale Gerechtigkeit steht. Das Magazin „Le Nouvel Observateur“ sah kürzlich darin auch die eigentliche Streitfrage dieses Wahlkampfs – „der, das Geld liebt, versus den, der es hasst“.

„Nichts trennt die beiden so sehr, wie die Frage des Geldes“, sagt der Parteifreund Hollandes, Michel Sapin. „Für Nicolas Sarkozy ist es das Alpha und Omega, für François Hollande hat es keinen Wert.“ Seit der Sozialist angekündigt hat, im Fall seines Wahlsiegs Jahreseinkommen von mehr als 1 Million Euro mit 75 Prozent zu besteuern, bestimmt die Frage nach dem Umgang mit den Reichen des Landes auch die Kampagne. Zumal im Land der Revolution, die der Prasserei der Könige und Adligen per Guillotine ein Ende setzte, Geld noch immer als etwas Schmutziges gilt, das man am besten nicht zeigt.

Sozialist profitiert von allgemeiner Enttäuschung

Ausgerechnet Sarkozy hatte mit diesem paradoxen Verhältnis der Franzosen zum Geld gebrochen – vor allem in der Anfangszeit seiner Präsidentschaft, als er mit Rolex-Uhr am Handgelenk und Ray-Ban-Sonnenbrille seine unbekümmerte Beziehung zum Luxus demonstrierte. Bling-Bling nennen es die Franzosen. Noch am Abend seiner Wahl zog sich der frisch gewählte Präsident – statt mit seinen Anhängern zu feiern – stundenlang in das Nobelrestaurant Fouquet’s auf den Champs-Elysées zurück, gestattete sich alsbald eine satte Gehaltserhöhung und führte eine Steuerobergrenze für Superreiche ein. Dabei hatte er noch im Wahlkampf das „Frankreich der Arbeiter und Frühaufsteher“ gepredigt und einen „sozialen Bruch“ versprochen.

„Dies hat Sarkozy geschadet und kratzt bis heute an seiner Beliebtheit“, analysiert der Politologe Pascal Perrineau. Sollte der Amtsinhaber die Abstimmung verlieren, würde das auch an diesen „Fehleinschätzungen personeller Natur“ liegen, sagt er. Dabei bemüht sich Sarkozy doch seit einiger Zeit darum, seinen Bling-Bling-Ruf abzuschütteln. Hoch und heilig versprach er kürzlich im Fernsehen mit Blick auf die inzwischen legendär gewordene Fouquet‘s-Nacht, dass nie wieder in dieses Restaurant gehen wird. Und er räumte „Fehler“ ein.

Die Geldfrage: Reue oder Taktik?

„Geld ist kein Ziel im Leben“, sagt Sarkozy inzwischen, sooft es geht, verspricht seinerseits, Großunternehmen künftig mit einer Sondersteuer zu belegen und den Reichen die Steuervorteile zu streichen. Seinen Herausforderer Hollande attackiert er genau auf diesem Gebiet und zückt die Drohkarte: Sollte der Sozialist gewinnen, gehe Frankreich bankrott. Der Mittelstand wird ruiniert, das Land Opfer der Spekulanten, erklärte der Amtsinhaber jetzt wieder auf dem Place de la Concorde.

Einige Kilometer weiter östlich, in Vincennes, schoss der Sozialist derweil zurück. Er will die „Finanzwelt bändigen“ und im Falle seines Wahlsiegs den „Privilegien der Mächtigen und des Geldes“ ein Ende setzen, erklärte Hollande. „Ich lehne es ab, dass einige sich ohne Limits bereichern, die Armut in unserem Land immer dramatischer wird.“

Sozialist profitiert von allgemeiner Enttäuschung

Dabei hatte sich der Sozialist eine Zeit lang doch um ein gemäßigteres, fast schon bürgerliches Bild bemüht. Seinen rosafarbenen Scooter, mit dem er einst durch die Straßen von Paris kreuzte, stellte er für den Wahlkampf in die Garage und tauschte seine Schlabberhosen gegen Maßanzüge. Schließlich weiß er, dass er – um zu siegen – präsidentiell erscheinen und eine breite Bürgerschicht hinter sich vereinen muss.

Doch Hollande steht unter Druck, und der kommt von Jean-Luc Mélenchon. Der Gründer der Linksfront „Front de Gauche“ kandidiert ebenfalls bei der Präsidentschaftswahl und hat mit mitreißender Revolutionsrhetorik seine Beliebtheitswerte jüngst verdreifacht. Er begeistert all diejenigen im linken Lager, denen Hollande als zu blass und moderat erscheint.

Politologen zufolge ist Hollandes Vorschlag einer Superreichensteuer daher ebenso mit dem Mélenchon-Druck zu erklären wie sein „stark links geprägtes“ Wirtschaftsprogramm. Zwar will auch Hollande das Haushaltsdefizit senken, doch statt die staatlichen Ausgaben zu kürzen, will er vor allem die Steuern erhöhen – mit dem einen Ziel: soziale Umverteilung.

Von unserer Pariser Korrespondentin Sylvie Stephan