Archivierter Artikel vom 01.07.2014, 18:50 Uhr
Bonn

Global Media Forum: Klick! Mich! An!

Wie stark der Medienwandel in die Politik eingreift, machte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit einem verbalen Kniff zu Beginn seiner Rede deutlich: „15 Fakten über Außenpolitik, die Sie um den Verstand bringen“ – so lautete nach seinen Worten die geeignete Überschrift, unter die er seinen Vortrag stellen würde, wenn er ausschließlich im Internet punkten wollte.

Lesezeit: 5 Minuten

Von unserem Digitalchef Marcus Schwarze

Das Netz verändert nicht nur grundlegend unsere Kommunikation, sondern auch die Politik
Das Netz verändert nicht nur grundlegend unsere Kommunikation, sondern auch die Politik

„Buzzfeed“ heißt in diesem Fall der populäre Dienst, der mit solchen sensationsheischenden Überschriften populär geworden ist – und der laut Steinmeier den Druck auf Politik und Medien erhöht: Seriöse Außenpolitik könnte auf diese Weise unter die Räder geraten, befürchtet er.

Die Macht der Bilder

Willkommen im 21. Jahrhundert. Wie das Internet nicht nur die Medienlandschaft, sondern auch die Politik verändert, war seit Montag Thema des Kongresses Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn. Das von Steinmeier benannte „Clickbaiting“, also eine Methode, durch geschickte Formulierung massenhaft Klicks auf Onlineveröffentlichungen zu erzeugen, war dabei nur ein Aspekt. Ein anderer ist zunehmend das Web der Bilder: „Ob die teils drastischen Bilder und Videos aus dem Südsudan, dem Irak oder Syrien echt sind oder nicht, wissen wir teilweise gar nicht. Dennoch entfalten diese Bilder ihre eigene Wirkung“, sagte der Außenminister. Demgegenüber erschienen ihm die klassischen Mittel der Außenpolitik langsam, und sie seien auch langsam. „Keine Krise in der Welt lässt sich mehr mit den althergebrachten Schablonen bewältigen.“ Im Irak hätten Teile der Armee nur aus Angst vor solchen Bildern die Waffen gestreckt.

Diese Angst autoritärer Regierungen vor der Macht und Wirkung des Netzes hatte zuvor schon Nassem Youssef als Wesensmerkmal der neuen Medienwelt ausgemacht. Auf dem Medienkongress in Bonn wurde er umjubelt. Der 40-Jährige, von Beruf Herzchirurg, hatte es seit 2011 innerhalb weniger Wochen und Monate in Ägypten zu großem Ansehen geschafft durch seinen satirischen Nachrichtenüberblick „Al Barnameg“.

Standing ovations für Dr. BassemYoussef beim Global Media Forum

In Deutschland wäre die Sendung etwa vergleichbar mit der ZDF-„heute-show“ – doch waren in Ägypten seine auf YouTube begonnenen Sendungen dem dortigen Militär und auch den etablierten Medien zu heikel. Aus Furcht vor einer Revolution wurde Youssef massiv gegängelt. Dabei waren der Humor und die Satire seine stärksten Waffen: Er persiflierte die bizarren Darstellungen in den Staatsorganen, wonach die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz lediglich tanzten, Unzucht trieben und Drogen nahmen. Tatsächlich demonstrierten sie für die Ablösung des Regimes.

Youssefs immer populärer werdende Satiresendungen, die zeitweise auch im Fernsehen ausgestrahlt und dabei von den Machthabern technisch gestört wurden, mündeten 2013 in seine Festnahme. Noch aus dem Büro des Staatsanwalts twitterte der Satiriker mit einem albernen, übergroßen Hut, den der Präsident zuvor bei einem Besuch in Pakistan getragen hatte, mehrere Sprüche. Doch während der Ägypter bei seinem Besuch in Deutschland große Bewunderung erntete, ist er seit dem Frühjahr in Ägypten nicht mehr aktiv. Nach dem Sieg des früheren Militärchefs von Ägypten fürchtete er um seine Sicherheit und zog sich aus dem Showgeschäft zurück.

Ach wie gut, dass Google weiß?

Der Erfolg des Netzes ist eben nicht immer so eindeutig und nur zum Guten, wie es viele Befürworter meinen. Das wurde auch bei einer Diskussion mit dem US-amerikanischen Medienprofessor Jeff Jarvis und dem Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer, Mathias Döpfner, deutlich. Jarvis äußerte Bewunderung für die Dienstleistung von Google: „Ich bin froh, dass Google weiß, wo ich wohne, was ich arbeite. Denn dadurch können sie mir Informationen geben, die für mich relevant sind“, sagte er. Döpfner hingegen, dessen Konzern unter anderem die „Bild“-Zeitung und die „Welt“ herausgibt, kritisierte das Suchmaschinenunternehmen einmal mehr scharf: Google beeinträchtigt nach seiner Darstellung den Medienmarkt, unter anderem indem es bestimmte Informationen bei Suchergebnissen bevorzugt.

Im früheren Bundestag, dem heutigen World Conference Center (WCC), sprachen Medienschaffende und Politiker über die Herausforderungen der neuen Medienwelt.

Marcus Schwarze

Nassem Youssef hat in Ägypten mit einer Satireshow, die bei Youtube ihren Anfang nahm, zur ägyptischen Revolution beigetragen. In Bonn feierten ihn Besucher mit stehenden Ovationen.

Marcus Schwarze

Springer-Chef Mathias Döpfner sagte, dem Journalismus stünden seine besten Zeiten erst noch bevor.

Marcus Schwarze

Thomas Tschersich, Leiter der IT-Sicherheit bei der Deutschen Telekom, warnte die Unternehmen vor zu viel Vertrauen in die Sicherheit von Daten: „Es ist keine Frage, ob Sie gehackt werden, sondern wann Sie gehackt werden.“

Marcus Schwarze

Dmytro Gnap aus der Ukraine berichtete, wie mit Hilfe der sozialen Medien und des Internets das zu Papier gebrachte Wissen über Korruption im gestürzten Regime gerettet und aufbereitet werden konnte.

Marcus Schwarze

Konferenzrealität: Zahlreiche Besucher des Kongresses „Global Media Forum“ vertieften sich am Rande der Vorträge und Diskussionen immer wieder in ihre Smartphones, iPads oder Laptops.

Marcus Schwarze

Das sei spätestens bei einem Marktanteil von mehr als 90 Prozent im Suchmaschinengeschäft problematisch. „Angenommen, Google gehörten 98 Prozent der Straßen in Deutschland, dann müsste es dennoch bestimmte transparente Verkehrsregeln beachten“, verglich der Unternehmenschef. Jarvis mokierte sich per Twitter darüber, dass schon der Ton, das Internet ständig als Bedrohung zu betrachten, ihn nerve.

Dabei betonte auch Döpfner den großen Nutzen des Netzes. Onlinejournalismus bedeute, dass Artikel ausführlicher sein könnten und stärker in die Tiefe gehen. Schnelle Korrekturmöglichkeiten und Austausch mit Lesern helfen dem Journalismus. Und es gibt mehr Möglichkeiten zur Darstellung von Sachverhalten, etwa in Form von Bildern, Videos, Grafiken und Tonaufnahmen. Die mancherorts depressive Stimmung in der Medienbranche wegen des Erfolgs des Netzes ärgert ihn, denn gerade durch die gestiegene Zahl an Quellen steigt der Bedarf für vertrauenswürdige und verantwortungsvolle Medienarbeit, für Orientierung und Qualität. Die besten Zeiten des Journalismus stünden erst noch bevor, sagte Döpfner.

Das wahre Leben ist grau

Zumindest dem Bild von den „Straßenverkehrsregeln“ wollte auch Außenminister Steinmeier zustimmen. Er warnte aber – wohl auch mit Blick auf die Äußerungen Döpfners – vor allzu häufiger Schwarz-Weiß-Darstellung, die in den Onlinemedien mit Blick auf den schnellen Klick verbreitet werde. In der Lebenswelt gibt es vielfach „konkurrierende Wahrheiten“, und auch in der Außenpolitik sei selten etwas wirklich schwarz oder weiß, sondern es dominiere das Grau.

Er plädierte für einen transatlantischen Cyberdialog, um aus „Big Data“, der massenhaften Erhebung von Nutzerdaten, eine regelbasierte neue Ordnung zu schaffen: „Bloße Empörung über die NSA reicht nicht aus“, sagte Steinmeier mit Blick auf den US-Geheimdienst, der riesige Mengen an Internetkommunikation sammelt und auswertet. Dabei sei man nicht am Ende einer Entwicklung, sondern erst am Anfang – und es klang zum Schluss, als wäre das nur ein Fakt der 15 Fakten, die manchen um den Verstand bringen, auf den sich aber alle einigen könnten: „Die Welt wird komplexer.“