Benedikt hatte ein schweres Kreuz zu tragen: Probleme, Krisen und viel Reformbedarf

Ein Papst tritt ab. Am Mittwoch verabschiedete sich Benedikt XVI. von den Gläubigen in Rom. Heute sagt er seinen höchsten Beratern Lebewohl, den schon in den Startlöchern für das Konklave sitzenden Kardinälen. Der spektakuläre erste Rücktritt eines Papstes in der Neuzeit schafft große Unruhe im Vatikan und hält die katholische Weltkirche in einem Schwebezustand.

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Schatten liegen auf dem knapp achtjährigen Pontifikat des deutschen Papstes. Schatten liegen aber auch auf dem Konklave im März und der Zukunft der Kirche. Zu viele Baustellen und zu viel Reformbedarf gibt es. Denn Joseph Ratzinger war ein Bewahrer, kein Neuerer.

Anrührender Abschied

Zunächst aber lässt sich Benedikt in einem anrührenden Abschied von den Gläubigen auf dem Petersplatz noch einmal feiern. Verhehlen will er dabei nicht die „schwierigen Zeiten“, die hinter ihm liegen. Und er ersucht die Pilger wohl auch deshalb, für den Nachfolger zu beten.

Während Rom spekuliert, warum der 85-jährige Benedikt den Stuhl Petri verlässt, holen die Krisen der vergangenen Jahre den Vatikan wieder ein. Wenn sich die wahlberechtigten Kardinäle in der kommenden Woche in Rom versammeln, um das Konklave vorzubereiten, dann dürften sie vor allem eines haben, nämlich Diskussionsbedarf.

Was bedeutet der Rücktritt für die künftige Rolle des Papstes? Wie viele eiserne Besen braucht es, um nach der Vatileaks- Affäre im Vatikan gründlich auszufegen? Und auch der Missbrauchsskandal wirft weiter lange Schatten. Kardinäle aus Großbritannien, Irland und den USA gerieten deswegen in die Kritik.

Seine Kraft schwinde, er fühle sich dem hohen Amt nicht mehr gewachsen, so hat ein sehr menschlicher Pontifex mehrfach seine überraschende Entscheidung begründet. Erhellend war der Eindruck, den der deutsche Benedikt- Biograf Peter Seewald bereits vor Monaten bei einer Begegnung im Apostolischen Palast gewonnen hatte: „Sein Gehör hatte nachgelassen.

Das linke Auge sah nicht mehr. Der Körper war abgemagert, sodass die Schneider Mühe hatten, mit neu angemessenen Gewändern nachzukommen.“ Von ihm sei nicht mehr viel zu erwarten, er sei ein alter Mann, habe Benedikt gesagt, verriet Seewald.

Die Vatikanbeobachter hielt das nicht davon ab, breit über andere brisante Gründe für Ratzingers Abgang von der Kommandobrücke der Weltkirche zu spekulieren.

Unruhe im Kirchenschiff

Damit förderten sie die Unruhe im Kirchenschiff und sicherlich auch unter den Purpurträgern, die einen neuen Pontifex küren müssen: Sex und Korruption im Vatikan spielten in dem Geheimbericht dreier Kardinäle an Benedikt eine spektakuläre Rolle, berichtete die römische „La Repubblica“ ohne genaue Quellen. Von homosexuellen Seilschaften, die auch eifrig Geschäfte machten, war die Rede. Der Vatikan warnte genervt vor Falschmeldungen, Verleumdungen und ungeprüften Gerüchten, die das Konklave beeinflussen könnten.

Doch da war die Katze schon aus dem Sack. Das vergangene Jahr hatte massive Turbulenzen wegen der Vatileaks-Affäre um gestohlene päpstliche Dokumente und den Kammerdiener als Täter gebracht. Viel war über Intrigen und Machenschaften hinter den hohen Vatikanmauern geschrieben worden.

Hat der dicke Bericht der drei Kardinäle mit dem Hinweis auf erpressbare Schwule in der Kurie für Benedikt das Fass zum Überlaufen gebracht, ihn vor Weihnachten endgültig beschließen lassen abzutreten? Er überlässt die brisante Akte einem vielleicht jüngeren Nachfolger. Es sei aber nicht so, „dass ich irgendwie in eine Art Verzweiflung oder Weltschmerz verfallen würde“, hatte er dem Biografen Seewald zur Vatileaks-Affäre noch gesagt.

Warnung vor überstürzter Wahl

Der Missbrauchsskandal, Vatileaks, dringende Reformen und das noch immer nicht ausgestandene zähe Ringen um eine Aussöhnung mit den erzkonservativen Piusbrüdern – das sind Brocken, mit denen sich die Kardinäle in Rom wohl zunächst auseinandersetzen wollen und müssen. Dazu kommt die Frage, wie das zukünftig sein wird mit einem neuen Papst im Apostolischen Palast und einem „emeritierten Benedikt“ ganz in der Nähe. Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper ist nicht der einzige Purpurträger, der davor gewarnt hat, jetzt überstürzt in die Papstwahl zu gehen.

Benedikt kann das alles nach seinem Abgang an diesem Donnerstag um 20 Uhr von der päpstlichen Residenz aus verfolgen. Gelassen und erleichtert, da ohne die Bürde des hohen Kirchenamtes und der schweren Messgewänder.

Hanns-Jochen Kaffsack